Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Anna Abalkina erhält den Rosalind-Franklin-Preis 2026 der Freien Universität Berlin. Ausgezeichnet wird ihr Einsatz gegen betrügerische Praktiken im wissenschaftlichen Publikationswesen, darunter sogenannte Raubjournale und Paper Mills. Wegen des starken Bewerberfeldes vergibt die Universität zusätzlich einen Runner-up Award an die Geowissenschaftlerin Jun.-Prof. Dr. María Piquer-Rodríguez.
Der Hauptpreis ist mit 2.500 Euro dotiert. Der zusätzliche Preis ist mit 1.500 Euro verbunden. Beide Auszeichnungen sollen am 25. November 2026, dem Tag der guten wissenschaftlichen Praxis, bei einer feierlichen Veranstaltung übergeben werden.
Einsatz gegen Raubjournale und gekaufte Fachartikel
Anna Abalkina forscht am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin zu wissenschaftlichem Fehlverhalten im Publikationswesen. Ihre Arbeit konzentriert sich darauf, verdächtige Fachzeitschriften, manipulierte Veröffentlichungen und unseriöse Geschäftsmodelle sichtbar zu machen.
Zu diesen gehören sogenannte Raubjournale. Sie geben sich als wissenschaftliche Fachzeitschriften aus, veröffentlichen Beiträge jedoch ohne eine angemessene Qualitätskontrolle oder verlangen Zahlungen, ohne die üblichen wissenschaftlichen Prüfverfahren einzuhalten.
Ein weiteres Problem sind sogenannte Paper Mills. Dabei handelt es sich um kommerzielle Anbieter, die wissenschaftliche Artikel, Datensätze oder sogar Autorenpositionen gegen Bezahlung vermitteln. Solche Praktiken können Forschungsergebnisse verfälschen und das Vertrauen in wissenschaftliche Veröffentlichungen beschädigen.
Die Freie Universität würdigt mit dem Preis Abalkinas Beitrag zur Identifizierung solcher Strukturen und zur öffentlichen Aufklärung über wissenschaftliches Fehlverhalten.
Neue Methoden zur Erkennung verdächtiger Publikationen
Anna Abalkina entwickelte Methoden, mit denen auffällige wissenschaftliche Artikel und zweifelhafte Publikationsangebote erkannt werden können.
Sie ist außerdem Mitgründerin des öffentlich zugänglichen „Retraction Watch Hijacked Journal Checker“. Die Datenbank erfasst nach Angaben der Universität derzeit mehr als 400 problematische oder nachgeahmte Fachzeitschriften.
Sogenannte gekaperte Zeitschriften imitieren häufig Namen, Internetauftritte oder andere Merkmale etablierter Publikationen. Forschende können dadurch den Eindruck gewinnen, ihre Arbeit bei einer anerkannten Fachzeitschrift einzureichen, obwohl tatsächlich ein unseriöser Anbieter dahintersteht.
Abalkinas Arbeit hilft Wissenschaftlern, Bibliotheken und Hochschulen dabei, solche Angebote frühzeitig zu erkennen.
Auszeichnung für internationale Forschungsarbeit
Die Sozialwissenschaftlerin veröffentlicht regelmäßig zu Fehlverhalten und problematischen Strukturen im wissenschaftlichen Publikationswesen. Darüber hinaus hält sie Vorträge und wird als Gutachterin in Verdachtsfällen hinzugezogen.
Im Jahr 2024 wurde sie von der Fachzeitschrift „Nature“ in die Liste „Nature’s 10“ aufgenommen. Dort werden Personen vorgestellt, deren Arbeit die Wissenschaft in besonderer Weise geprägt hat.
Die Freie Universität sieht in Abalkinas Forschung einen Beitrag zur Qualitätssicherung und zur Stärkung transparenter wissenschaftlicher Verfahren.
Runner-up Award für María Piquer-Rodríguez
Aufgrund des nach Angaben der Universität außergewöhnlich starken Bewerberfeldes wird 2026 zusätzlich ein Runner-up Award vergeben.
Die Auszeichnung erhält Jun.-Prof. Dr. María Piquer-Rodríguez vom Institut für Geographische Wissenschaften der Freien Universität Berlin. Sie leitet dort die Arbeitsgruppe „Modelling Human-Environmental Interactions“.
Im Mittelpunkt ihrer Forschung stehen sozioökologische Landsysteme, Veränderungen der Landnutzung und nachhaltige Nutzungskonzepte in Lateinamerika.
Ausgezeichnet wird sie jedoch insbesondere für die Entwicklung praktischer Vorlagen für Vereinbarungen über Forschungsdaten.
Vereinbarungen sollen Rechte und Pflichten klären
Die von Piquer-Rodríguez entwickelten „Data Agreements“ regeln den Umgang mit Forschungsdaten. Sie sollen festhalten, wer Daten nutzen darf, wer für ihre Pflege verantwortlich ist und unter welchen Bedingungen eine Weitergabe oder Veröffentlichung möglich ist.
Solche Fragen gewinnen an Bedeutung, weil Forschungsprojekte zunehmend große Datenmengen erzeugen und häufig mehrere Hochschulen, Fachgebiete oder internationale Partner zusammenarbeiten.
Unklare Regelungen können später zu Konflikten führen. Dabei geht es etwa um Urheberrechte, Veröffentlichungen, Datenschutz, Nutzung durch Dritte oder die langfristige Speicherung von Daten.
Die Vorlagen sollen Verantwortlichkeiten und Nutzungsrechte bereits zu Beginn eines Projekts transparent festlegen.
Vorlagen werden bereits über Berlin hinaus genutzt
Nach Angaben der Freien Universität kommen die entwickelten Vereinbarungen bereits in Forschung und Lehre der Hochschule zum Einsatz.
Auch andere Universitäten nutzen die Vorlagen. Zudem werden sie auf Fachveranstaltungen diskutiert. Damit reicht ihr Nutzen über die Arbeitsgruppe und den Fachbereich von Piquer-Rodríguez hinaus.
Die Jury würdigte besonders die praktische Anwendbarkeit. Wissenschaftliche Integrität wird damit nicht nur als abstrakter Grundsatz behandelt, sondern in konkrete Arbeitsabläufe übersetzt.
Warum wissenschaftliche Integrität an Bedeutung gewinnt
Wissenschaftliche Veröffentlichungen bilden die Grundlage für weitere Forschung, politische Entscheidungen, medizinische Empfehlungen und technische Entwicklungen.
Werden Daten manipuliert, Artikel gekauft oder Studien ohne ausreichende Prüfung veröffentlicht, können sich falsche Ergebnisse verbreiten. Diese müssen später aufwendig korrigiert oder zurückgezogen werden.
Digitale Publikationswege haben den wissenschaftlichen Austausch beschleunigt. Gleichzeitig haben sie neue Geschäftsmodelle ermöglicht, die den Ruf etablierter Fachzeitschriften ausnutzen oder Veröffentlichungen gegen Bezahlung anbieten.
Universitäten stehen deshalb vor der Aufgabe, Forschende stärker über Risiken zu informieren und verlässliche Verfahren für Verdachtsfälle zu entwickeln.
Preis nach Rosalind Franklin benannt
Der Preis trägt den Namen der britischen Biochemikerin Rosalind Franklin, die von 1920 bis 1958 lebte.
Ihre Arbeiten mit Röntgenbeugungsaufnahmen leisteten einen wesentlichen Beitrag zur Entschlüsselung der DNA-Struktur. Ihre wissenschaftliche Leistung wurde zu Lebzeiten jedoch lange nicht angemessen gewürdigt.
Mit der Namensgebung verbindet die Freie Universität die Auszeichnung mit Fragen von Anerkennung, Fairness und verantwortungsvoller Wissenschaft.
Der Rosalind-Franklin-Preis wurde 2025 erstmals vergeben. Er wird bis einschließlich 2027 jährlich ausgeschrieben.
Wer für den Preis vorgeschlagen werden kann
Nominiert werden können Wissenschaftler aller Karrierestufen der Freien Universität Berlin.
Berücksichtigt werden besondere Leistungen in Forschung und Lehre, herausragende Wissenschaftskommunikation sowie neue Ansätze zur Förderung guter wissenschaftlicher Praxis.
Der Preis beschränkt sich damit nicht auf die Aufdeckung von Fehlverhalten. Auch vorbeugende Maßnahmen, transparente Verfahren und die verständliche Vermittlung wissenschaftlicher Standards können ausgezeichnet werden.
Universität würdigt zwei unterschiedliche Ansätze
Die Vizepräsidentin für Forschung der Freien Universität Berlin, Prof. Dr. Maria Kristina Parr, bezeichnete die Arbeiten beider Wissenschaftlerinnen als herausragende Beiträge zur wissenschaftlichen Integrität.
Abalkina und Piquer-Rodríguez stärkten gute wissenschaftliche Praxis auf unterschiedliche Weise: Die eine untersucht und dokumentiert betrügerische Publikationsstrukturen, die andere entwickelt praktische Regeln für einen transparenten Umgang mit Forschungsdaten.
Damit decken die Auszeichnungen zwei zentrale Bereiche ab. Wissenschaftliche Integrität erfordert sowohl die Aufklärung problematischer Praktiken als auch klare und verlässliche Verfahren im täglichen Forschungsbetrieb.
Preisverleihung im November
Die Auszeichnungen werden am 25. November 2026 verliehen. Das Datum ist zugleich der Tag der guten wissenschaftlichen Praxis.
Bis dahin sollen die Arbeiten der beiden Preisträgerinnen innerhalb der Universität und darüber hinaus vorgestellt werden.
Mit der Preisvergabe will die Freie Universität zugleich auf die Bedeutung wissenschaftlicher Standards aufmerksam machen. Transparenz, nachvollziehbare Daten und eine funktionierende Qualitätskontrolle bilden wesentliche Voraussetzungen für glaubwürdige Forschung.
Anna Abalkina erhält den Rosalind-Franklin-Preis der Freien Universität Berlin für ihre Arbeit gegen Raubjournale, Paper Mills und weitere Formen problematischer Wissenschaftspublikationen.
María Piquer-Rodríguez wird zusätzlich für praxistaugliche Vereinbarungen zum transparenten Umgang mit Forschungsdaten ausgezeichnet.
Beide Arbeiten zeigen unterschiedliche Seiten wissenschaftlicher Integrität: die Aufdeckung von Missständen und die Entwicklung verlässlicher Regeln, die Probleme bereits im Forschungsalltag verhindern sollen.
Quelle:
Freie Universität Berlin: Pressemitteilung Nr. 099/2026 „Sozialwissenschaftlerin Dr. Anna Abalkina erhält Rosalind-Franklin-Preis der Freien Universität Berlin für wissenschaftliche Integrität“, veröffentlicht am 23. Juli 2026.