Ein Fest der Farben und Identität: Die traditionellen Trachten der Sorben gehören zu den prächtigsten Kulturgütern Mitteleuropas. Foto: ODZ/Symbolbild

Wer durch die Dörfer zwischen Bautzen, Kamenz, Hoyerswerda und Cottbus fährt, bemerkt es sofort an den Ortsschildern und Wegweisern: Sie sind durchgehend zweisprachig verfasst – auf Deutsch und auf Sorbisch. In den Auen des Spreewaldes und den hügeligen Landschaften der Oberlausitz lebt seit mehr als 1.400 Jahren das sorbische Volk (in Brandenburg auch als Wenden bezeichnet).

Als anerkannte autochthone (einheimische) nationale Minderheit ohne eigenen Mutterstaat haben die rund 60.000 Sorben ein einzigartiges kulturelles Biotop bewahrt. Ihre Sprachen – Obersorbisch in Sachsen und Niedersorbisch in Brandenburg – gehören zu den westslawischen Sprachgruppen. Trotz jahrhundertelanger Assimilationsversuche, Sprachverbote im Nationalsozialismus und des strukturellen Wandels durch den Braunkohleabbau pocht das Herz der sorbischen Kultur heute kräftiger denn je.

Inhaltsübersicht

  1. Wurzeln im Herzen Europas: Wer sind die Sorben?

  2. Das Fest der Farben: Die Kunst der sorbischen Ostereier

  3. Festlicher Glaubensakt: Das Osterreiten in der Oberlausitz

  4. Von der Vogelhochzeit bis zum Zampern: Brauchtum durch das ganze Jahr

  5. Der Kampf um die Sprache: Wie junge Sorben ihre Identität neu erfinden

  6. Ortspunkte: Wo du die sorbische Kultur hautnah erleben kannst

  7. Leser-Aufruf: Welches sorbische Brauchtum hast du schon erlebt?

Wurzeln im Herzen Europas: Wer sind die Sorben?

Die Vorfahren der heutigen Sorben wanderten im Zuge der Völkerwanderung ab dem 6. Jahrhundert in den Raum zwischen Elbe und Saale ein. Während viele slawische Stämme im Laufe der Jahrhunderte in der deutschen Bevölkerung aufgingen, erhielten sich die Sorben in der geschützten Region der Lausitz ihre eigene Identität.

Heute unterscheidet man zwei Hauptgruppen:

  • Die Obersorben (Sachsen): Leben vor allem im Städtedreieck Bautzen-Kamenz-Hoyerswerda. Ihre Sprache (Obersorbisch) zeigt enge Verwandtschaften zum Tschechischen und wird durch eine starke, katholisch geprägte Gemeindestruktur im Alltag aktiv gesprochen.

  • Die Niedersorben/Wenden (Brandenburg): Beheimatet in der Niederlausitz rund um Cottbus und den Spreewald. Das Niedersorbische steht dem Polnischen nahe und ist evangelisch geprägt.

Das Fest der Farben: Die Kunst der sorbischen Ostereier

Weltweit berühmt sind die Sorben für ihre Filigrankunst zur Osterzeit: die sorbischen Ostereier. Die bunten Kunstwerke sind weit mehr als Dekoration – sie tragen Symbole für Schutz, Fruchtbarkeit und Gesundheit.

In stundenlanger Handarbeit werden die Eier mit vier traditionellen Techniken verziert:

  • Wachsreservetechnik: Mit Stecknadelköpfen oder zugeschnittenen Gänsefedern wird flüssiges Bienenwachs in geometrischen Mustern (z. B. Dreiecke als Wolfszähne gegen das Böse, Strahlen als Lebenssonne) auf das Ei aufgetupft, bevor es in Farbbäder getaucht wird.

  • Wachsbossiertechnik: Farbiger Wachs bleibt plastisch auf der Schale stehen.

  • Kratz- und Ätztechnik: Muster werden mit feinen Klingen aus der gefärbten Schale herausgeholt oder mit Säure geätzt.

Festlicher Glaubensakt: Das Osterreiten in der Oberlausitz

Das spektakulärste sorbische Ereignis des Jahres findet am Ostersonntag statt: das Osterreiten (Křižerjo).

In Gehrock und Zylinder sitzen hunderte katholische Männer auf festlich geschmückten Pferden. Mähnen und Schweife der Tiere sind aufwendig geflochten, die Sättel mit gestickten Schleifen und Muscheln verziert. In mehreren Prozessionen reiten die Männer betend und Kirchenlieder singend von Pfarrgemeinde zu Pfarrgemeinde, um die Botschaft von der Auferstehung Christi in die Nachbardörfer zu tragen.

Die Stille, das Klappern der Hunderte Pferdehufpaare und der mehrstimmige Gesang auf Sorbisch erzeugen eine ergreifende Atmosphäre, die Jahr für Jahr tausende Besucher in ihren Bann zieht.

Von der Vogelhochzeit bis zum Zampern: Brauchtum durch das ganze Jahr

Der Kalender der Sorben ist eng mit den Jahreszeiten verwoben:

  • Die Vogelhochzeit (Ptaszi kwas, 25. Januar): Ein Fest für Kinder. Als Dank dafür, dass die Kinder die Vögel im Winter gefüttert haben, stellen sie Teller auf das Fensterbrett und finden am Morgen süßes Gebäck in Form von Vögeln („Teigvögel“) oder Nestern vor.

  • Das Zampern: Vor Beginn der Fastenzeit ziehen verkleidete Gruppen mit Musik von Hof zu Hof, um den Winter zu vertreiben. Sie heischen nach Eiern, Speck und Geld für das anschließende Dorffest.

  • Das Maibaumstellen und -werfen: Im Frühsommer messen die jungen Männer des Dorfes ihre Kräfte beim Wettlauf um die Krone des gefällten Maibaums.

Der Kampf um die Sprache: Wie junge Sorben ihre Identität neu erfinden

Nach 1990 stand das Sorbische vor großen Herausforderungen. Durch den Strukturwandel und den Wegzug junger Menschen verringerte sich die Zahl der Muttersprachler. Doch eine neue Welle des Bewusstseins hat eingesetzt.

Über zweisprachige Kitas und Schulen (das Projekt Witaj / „Willkommen“), sorbische Bands, Podcasts, Social-Media-Kanäle und das Sorbische National-Ensemble verliert die Kultur ihr verstaubtes Image. Für viele junge Lausitzer ist die Zweisprachigkeit heute kein Hindernis, sondern ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal und ein Zeichen gelebter Weltoffenheit.

Ortspunkte: Wo du die sorbische Kultur hautnah erleben kannst

Wer das sorbische Erbe in Sachsen und Brandenburg entdecken möchte, findet faszinierende Orte:

  • Bautzen / Budyšin (Sachsen): Das kulturelle Zentrum der Obersorben mit dem Sorbischen Museum auf der Protschenberg-Höhe und dem zweisprachigen Deutsch-Sorbischen Volkstheater.

  • Cottbus / Chóśebuz (Brandenburg): Sitz des Wendischen Museums und des Sorbischen Instituts.

  • Dissen-Striesow (Brandenburg): Ein idyllisches Spreewald-Dorf mit einem rekonstruierten slawischen Mittelalterdorf (Storkow/Siedlung) und lebendiger Trachtentradition.

  • Schwarzkollm (Sachsen): Die KRABAT-Mühle bringt die weltberühmte sorbische Sage um den Zauberlehrling Krabat zum Leben.

Leser-Aufruf: Welches sorbische Brauchtum hast du schon erlebt?

Hast du schon einmal das Osterreiten in der Oberlausitz miterlebt, verzierst du Ostern Eier nach Wachstechnik oder fasziniert dich die Krabat-Sage?

Schickt uns eure Fotos und Geschichten per E-Mail an redaktion@ostdeutsche-zeitung.de!