Milliarden fließen in den kommenden Jahren in die deutsche und europäische Verteidigungsfähigkeit – und die ostdeutschen Länder wollen einen deutlich größeren Teil dieser Investitionen in ihre Regionen holen. Sachsen, Brandenburg und die übrigen ostdeutschen Länder drängen darauf, heimische Unternehmen, Forschungsstandorte und Hochtechnologie-Cluster stärker an Bundeswehr-Aufträgen und neuen industriellen Wertschöpfungsketten zu beteiligen. Aus einem bislang vergleichsweise kleinen Wirtschaftszweig könnte damit ein neuer Wachstumsfaktor für Teile Ostdeutschlands werden.
Die Forderung ist inzwischen nicht mehr auf einzelne Landesregierungen beschränkt.
Bereits Ende Januar machten die ostdeutschen Bundesländer im Bundesrat gemeinsam deutlich, dass die geplanten Verteidigungsinvestitionen ausgewogener über Deutschland verteilt werden sollen.
In einer gemeinsamen Protokollnotiz forderten sie eine Standort- und Strukturpolitik, die auch die besonderen wirtschaftlichen Voraussetzungen Ostdeutschlands berücksichtigt.
Ein zentraler Punkt: Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie ist in den neuen Bundesländern historisch deutlich schwächer vertreten als in vielen westdeutschen Industrieregionen.
Genau das soll sich nach dem Willen der Länder ändern.
Ostdeutsche Länder verlangen einen fairen Anteil
Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter gehört zu den deutlichsten Befürwortern einer stärkeren Beteiligung des Ostens.
Seine Forderung: Wenn der Bund Milliarden für neue Ausrüstung, Infrastruktur und Verteidigungsfähigkeit ausgibt, müsse auch ostdeutsche Wertschöpfung davon profitieren.
Dabei geht es nicht nur um große klassische Rüstungskonzerne.
Die ostdeutschen Länder verweisen ausdrücklich auf kleine und mittelständische Unternehmen, Forschungsinstitute und bestehende industrielle Kompetenzen, die auch für militärische Anwendungen genutzt werden könnten.
Dazu zählen beispielsweise Maschinenbau, Metallverarbeitung, Mikroelektronik, Sensorik, Software, Kommunikationstechnik, Drohnentechnologie, Raumfahrt und sogenannte Dual-Use-Produkte, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können.
Gerade hier besitzt Ostdeutschland bereits zahlreiche Unternehmen und Forschungseinrichtungen.
Dresden soll bei Bundeswehr-Beschaffung wichtiger werden
Ein Beispiel ist Sachsen.
Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr will seine vorhandene Präsenz in Dresden ausbauen.
Der Standort soll insbesondere bei Cyber- und Informationstechnik gestärkt werden.
Für Sachsens Landesregierung ist das ein wichtiges Signal.
Denn Dresden und sein Umland gehören zu den bedeutendsten europäischen Standorten für Mikroelektronik, Halbleiter, Software und Hochtechnologie.
Genau diese Fähigkeiten werden für moderne Verteidigungssysteme zunehmend wichtiger.
Militärische Stärke entscheidet sich längst nicht mehr nur über Panzer, Artillerie oder klassische Munition.
Sensoren, Satelliten, künstliche Intelligenz, sichere Kommunikationssysteme, Cyberabwehr und elektronische Kampfführung gewinnen erheblich an Bedeutung.
Damit entstehen auch für Regionen Chancen, die bislang nicht zu den klassischen Zentren der deutschen Rüstungsindustrie gehören.
Brandenburg erklärt Verteidigungsindustrie zur Zukunftsbranche
Besonders offensiv geht inzwischen Brandenburg vor.
Die Landesregierung stellte Anfang Juni eine eigene Initiative zur Stärkung der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie vor.
Ziel ist es, neue Unternehmen anzusiedeln, bestehende Firmen bei Erweiterungen zu unterstützen und insbesondere den brandenburgischen Mittelstand stärker in die Lieferketten der Branche einzubinden.
Brandenburg sieht dabei mehrere Standortvorteile.
Das Land verfügt über große Industrie- und Gewerbeflächen, Forschungsstandorte, Nähe zu Berlin und zahlreiche Unternehmen aus Luftfahrt, Logistik, Metallverarbeitung, Energie und Technologie.
Hinzu kommen Flächen, die beispielsweise für die Erprobung bestimmter Technologien interessant sein können.
Die Landesregierung bezeichnet die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie deshalb ausdrücklich als Zukunftsfeld.
Neue Chancen für den Mittelstand
Der eigentliche wirtschaftliche Effekt könnte weit über die bekannten Rüstungsunternehmen hinausreichen.
Eine aktuelle Analyse von Germany Trade & Invest zeigt, dass steigende Verteidigungsausgaben in Europa erhebliche zusätzliche Wertschöpfung erzeugen könnten.
Besonders interessant ist dabei, dass ein großer Teil nicht unmittelbar bei klassischen Waffenherstellern entstehen dürfte.
Von steigenden Investitionen könnten auch Maschinenbauer, Metallbetriebe, IT-Unternehmen, Elektronikhersteller und andere Zulieferer profitieren.
Genau diese industrielle Struktur ist in vielen Teilen Ostdeutschlands vorhanden.
Für mittelständische Unternehmen ergibt sich damit die Möglichkeit, zusätzliche Märkte zu erschließen und Abhängigkeiten von einzelnen Branchen zu reduzieren.
Das könnte beispielsweise dort interessant werden, wo Automobilzulieferer wegen des Strukturwandels nach neuen Geschäftsfeldern suchen.
Verteidigungsindustrie kann Autoindustrie nicht einfach ersetzen
Die Erwartungen sollten dennoch nicht überhöht werden.
Auch Sachsens Wirtschaftsminister Panter warnt davor, Verteidigungs- oder Raumfahrtindustrie als einfachen Ersatz für Arbeitsplätze in anderen Industriezweigen zu betrachten.
Ein Automobilzulieferer kann seine Produktion nicht automatisch auf militärische Produkte umstellen.
Zertifizierungen, Sicherheitsvorgaben, langwierige Beschaffungsverfahren und besondere technische Anforderungen stellen hohe Einstiegshürden dar.
Hinzu kommt, dass große Bundeswehr-Aufträge häufig an etablierte Unternehmen und internationale Konsortien gehen.
Die entscheidende Frage für Ostdeutschland lautet deshalb, wie mittelständische Betriebe tatsächlich Zugang zu den neuen Lieferketten erhalten.
Die Länder fordern hierfür ausdrücklich Vergabeverfahren, die auch kleineren und mittleren Unternehmen eine realistische Beteiligung ermöglichen.
Auch Infrastruktur entscheidet über neue Standorte
Neue Produktionsstätten entstehen außerdem nicht allein durch Förderprogramme.
Verteidigungsunternehmen benötigen leistungsfähige Verkehrswege, Energieversorgung, digitale Infrastruktur, geeignete Gewerbeflächen und ausreichend qualifizierte Beschäftigte.
Die ostdeutschen Ministerpräsidenten verbinden ihre Forderung nach mehr Verteidigungsinvestitionen deshalb zunehmend mit Forderungen nach Infrastrukturprojekten.
Dabei geht es unter anderem um Bahn- und Straßenverbindungen sowie um leistungsfähige internationale Verkehrsachsen.
Aus Sicht der Länder wäre es wenig sinnvoll, neue Industrieansiedlungen politisch zu fordern, wenn gleichzeitig die notwendige Infrastruktur fehlt.
Sicherheitswirtschaft reicht weit über klassische Rüstung hinaus
Der Begriff Verteidigungsindustrie führt zudem leicht in die Irre.
Die wirtschaftlichen Möglichkeiten reichen inzwischen weit über klassische Waffenproduktion hinaus.
Drohnenabwehr, Cybersecurity, Satellitenkommunikation, Sensorik, Robotik, Logistik, Schutztechnik und künstliche Intelligenz sind ebenfalls Teil einer wachsenden Sicherheitsökonomie.
Das ist insbesondere für Berlin, Brandenburg und Sachsen interessant.
Berlin verfügt über zahlreiche Technologieunternehmen und Start-ups. Brandenburg besitzt starke Luftfahrt- und Industriestandorte. Sachsen wiederum kann seine Mikroelektronik- und Forschungslandschaft einbringen.
Auch Unternehmen in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnten als spezialisierte Zulieferer profitieren.
Der Osten will nicht wieder nur Zuschauer sein
Hinter den Forderungen steckt gleichzeitig eine grundsätzliche wirtschaftspolitische Frage.
Bei früheren großen Investitionswellen fühlten sich ostdeutsche Länder teilweise nicht ausreichend berücksichtigt.
Diesmal soll frühzeitig Einfluss genommen werden.
Die Botschaft der Landesregierungen ist deshalb eindeutig: Wenn Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit mit Milliardenbeträgen ausbaut, sollen daraus nicht nur neue militärische Fähigkeiten entstehen, sondern möglichst auch industrielle Wertschöpfung in allen Teilen des Landes.
Sachsen formuliert diesen Anspruch besonders deutlich: Der Osten wolle bei der neuen Sicherheitsökonomie nicht Zuschauer, sondern Gestalter sein.
Milliardenmarkt trifft auf ostdeutschen Strukturwandel
Für Ostdeutschland kommt die Entwicklung zu einem entscheidenden Zeitpunkt.
Automobilindustrie und Zulieferer stehen unter Transformationsdruck, energieintensive Unternehmen kämpfen mit hohen Kosten und vielerorts beginnt der demografische Wandel den Arbeitsmarkt spürbar zu verändern.
Gleichzeitig besitzt der Osten moderne Produktionsstätten, vergleichsweise große Industrieflächen und starke Forschungsstandorte.
Die steigenden Verteidigungsausgaben könnten deshalb tatsächlich neue Wachstumschancen eröffnen.
Ob daraus aber ein breiter industrieller Aufschwung entsteht, entscheidet sich nicht an politischen Ankündigungen allein.
Entscheidend wird sein, wo neue Fabriken gebaut werden, welche Unternehmen Aufträge erhalten und ob ostdeutsche Mittelständler dauerhaft Teil der Lieferketten werden.
Der Kampf um diese Milliarden hat längst begonnen.
Quellen
Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz – Bundesrat und Forderung nach stärkerer Beteiligung Ostdeutschlands an Verteidigungsinvestitionen, 30. Januar 2026
Vertretung des Freistaates Sachsen beim Bund – gemeinsame Protokollerklärung ostdeutscher Länder zu Verteidigungsinvestitionen, 30. Januar 2026
Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz – Ausbau der Präsenz des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr in Dresden, 20. Mai 2026
Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz des Landes Brandenburg – Initiative zur Stärkung der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, 2. Juni 2026
Germany Trade & Invest – Verteidigung in Europa: Neue Rollen für zivile Zulieferer, 16. Juli 2026
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – SVI Connect und Exportinitiative Sicherheits- und Verteidigungsindustrie