Geschlossene Werkstore, leere Verkaufsflächen und stillgelegte Maschinen werden in Deutschland wieder häufiger. Im zweiten Quartal 2026 erreichte die Zahl der Firmenpleiten den höchsten Stand seit 21 Jahren. Die Entwicklung trifft nicht mehr nur einzelne Krisenbranchen: Von kleinen Dienstleistern bis zu größeren Unternehmen geraten Betriebe unter Druck, die mehrere wirtschaftlich schwache Jahre bislang überstanden hatten.
Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle registrierte zwischen April und Juni 2026 insgesamt 4.996 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften. Gegenüber dem ersten Quartal stieg die Zahl um rund neun Prozent. Einen vergleichbar hohen Wert hatte es zuletzt 2005 gegeben. Der Anstieg erfasst nach Angaben des Instituts fast alle großen Wirtschaftsbereiche.
Auch die breiter angelegte Halbjahresanalyse von Creditreform bestätigt den Trend. Danach wurden in den ersten sechs Monaten des Jahres rund 12.900 Unternehmensinsolvenzen gezählt – 7,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und der höchste Halbjahresstand seit 2013.
Die Zahlen von IWH und Creditreform sind nicht unmittelbar identisch, weil beide Institute unterschiedliche Unternehmensgruppen und Erfassungsmethoden verwenden. In der Richtung stimmen sie jedoch überein: Die Insolvenzwelle setzt sich fort und gewinnt an wirtschaftlicher Breite.
Nach Jahren der Krise ist das finanzielle Polster verbraucht
Viele der betroffenen Unternehmen scheitern nicht an einem einzelnen Ereignis. Hinter den Insolvenzanträgen steht häufig eine Kette von Belastungen, die sich über Jahre aufgebaut hat:
- schwache Nachfrage und zurückhaltender Konsum,
- hohe Energie- und Rohstoffkosten,
- gestiegene Löhne und Sozialabgaben,
- teurere Unternehmenskredite,
- auslaufende Finanzierungen,
- Bürokratie- und Dokumentationskosten,
- fehlende Rücklagen nach mehreren Krisenjahren.
Während der Pandemie konnten staatliche Hilfen, Kurzarbeitergeld und zeitweise ausgesetzte Insolvenzantragspflichten viele Betriebe stabilisieren. Danach folgten hohe Inflation, Energiepreisschocks und eine lang anhaltende wirtschaftliche Schwächephase.
Gerade mittelständische Unternehmen haben häufig einen erheblichen Teil ihrer Reserven eingesetzt, um Beschäftigte zu halten, Kostensteigerungen abzufangen oder vorübergehende Auftragseinbrüche zu überstehen. Bleibt der erwartete Aufschwung aus, wird aus einem Liquiditätsengpass schnell eine existenzielle Krise.
Creditreform spricht deshalb nicht nur von einem Nachholeffekt aus der Pandemie, sondern von einer strukturellen Belastung der Unternehmenslandschaft.
„Immer mehr Unternehmen geraten zwischen die Auswirkungen von schwacher Nachfrage, hohen Kosten und anhaltender Unsicherheit.“
So beschreibt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, die Lage. Eine Stabilisierung erwartet das Institut erst, wenn die Wirtschaft wieder nachhaltig wächst – nach derzeitiger Einschätzung frühestens 2027.
165.000 Arbeitsplätze und Milliardenforderungen betroffen
Jede Insolvenz reicht weit über das betroffene Unternehmen hinaus. Im ersten Halbjahr 2026 waren nach Berechnungen von Creditreform rund 165.000 Arbeitsplätze von Unternehmensinsolvenzen betroffen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es etwa 143.000.
Die geschätzten Forderungsausfälle beliefen sich auf rund 28,5 Milliarden Euro. Betroffen sind nicht nur Banken, sondern auch Lieferanten, Vermieter, Sozialversicherungsträger und kleinere Geschäftspartner.
Gerade für regionale Lieferketten kann eine größere Firmenpleite weitere Probleme auslösen. Wenn ein wichtiger Auftraggeber Rechnungen nicht mehr bezahlt, geraten auch grundsätzlich gesunde Zulieferer unter Druck. Besonders gefährdet sind kleinere Betriebe, die von wenigen Großkunden abhängig sind.
Die Halbjahreszahlen zeigen zugleich, dass Insolvenzen nicht ausschließlich ein Problem kleiner Firmen sind:
- 81 Prozent der Fälle betreffen Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten.
- Bei Firmen mit mehr als 250 Beschäftigten stiegen die Insolvenzen jedoch um 28,6 Prozent.
- Rund 22 Prozent der insolventen Unternehmen waren höchstens vier Jahre am Markt.
- Bei Firmen, die jünger als zwei Jahre waren, nahm die Zahl der Insolvenzen um 25,3 Prozent zu.
Damit geraten sowohl junge Gründungen als auch größere Arbeitgeber stärker unter Druck.
Dienstleistungen und Bau besonders belastet
Der Anstieg verteilt sich nicht gleichmäßig auf alle Branchen. Nach der Creditreform-Auswertung nahm die Zahl der Insolvenzen im Dienstleistungssektor im ersten Halbjahr um 12,6 Prozent zu. Rund 7.900 Fälle entfielen auf diesen Bereich – mehr als sechs von zehn registrierten Unternehmensinsolvenzen.
Viele Dienstleister verfügen nur über geringe Rücklagen und hängen von wenigen Kunden oder öffentlichen Aufträgen ab. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz zahlreiche Geschäftsmodelle.
Im Baugewerbe stieg die Zahl der Pleiten um 4,5 Prozent. Hohe Materialpreise, teure Finanzierungen und die schwache Nachfrage nach Neubauten belasten insbesondere kleinere Bauunternehmen und Projektentwickler.
Anders als in der ursprünglichen Zuspitzung angenommen, sank die Zahl der Handelsinsolvenzen laut Creditreform im ersten Halbjahr leicht um 1,3 Prozent. Einzelne prominente Pleiten dürfen daher nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Handel in dieser Statistik gegen den allgemeinen Trend einen kleinen Rückgang verzeichnete.
Die amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigen die grundsätzliche Aufwärtsbewegung. Von Januar bis April 2026 wurden 8.551 beantragte Unternehmensinsolvenzen registriert – 6,7 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Allein im April meldeten die Amtsgerichte 2.276 Fälle.
Ostdeutschland trifft der Verlust einzelner Betriebe besonders hart
Bundesweit liegen die höchsten absoluten Fallzahlen naturgemäß in den großen westdeutschen Bundesländern. Für kleinere ostdeutsche Städte kann die Insolvenz eines einzelnen Industriebetriebs jedoch gravierendere Folgen haben.
In vielen Regionen hängen an einem Unternehmen nicht nur direkte Arbeitsplätze, sondern auch:
- Handwerks- und Wartungsaufträge,
- Transport- und Logistikleistungen,
- Gewerbesteuereinnahmen,
- Ausbildungsplätze,
- Aufträge für regionale Zulieferer,
- Kaufkraft für Handel und Gastronomie.
Bricht ein größerer Arbeitgeber weg, lässt sich der Verlust in strukturschwachen Regionen oft nicht kurzfristig ausgleichen. Besonders anfällig sind Standorte, die stark von energieintensiver Industrie, Automobilzulieferern, Bauunternehmen oder einzelnen Großkunden abhängen.
Die Gefahr besteht deshalb nicht allein in einer steigenden Gesamtzahl von Insolvenzen. Entscheidend ist, welche Unternehmen betroffen sind und welchen Platz sie in regionalen Lieferketten einnehmen.
Teure Kredite werden zum nächsten Risiko
Creditreform verweist auf eine wachsende Zahl von Unternehmen, deren operatives Ergebnis nicht mehr ausreicht, um die Zinsen für bestehende Kredite zu bedienen. Im Jahr 2024 traf dies auf 7,5 Prozent der untersuchten Unternehmen zu – gegenüber 6,5 Prozent im Jahr 2015. Bei größeren Firmen lag der Anteil zuletzt sogar bei zehn Prozent.
Viele Kredite wurden in Zeiten niedriger Zinsen abgeschlossen. Müssen sie nun verlängert oder neu verhandelt werden, steigen die Finanzierungskosten deutlich. Unternehmen, die bereits mit geringen Margen arbeiten, können dadurch zahlungsunfähig werden, obwohl ihr Kerngeschäft grundsätzlich noch funktioniert.
Hinzu kommt ein Vertrauensproblem: Verschlechtert sich die Bonität einer Firma, verlangen Lieferanten häufig kürzere Zahlungsfristen oder Vorkasse. Banken werden bei neuen Krediten vorsichtiger. Dadurch kann sich eine angespannte Lage zusätzlich beschleunigen.
Der Mittelstand braucht mehr als kurzfristige Hilfen
Die hohen Insolvenzzahlen zeigen, dass die Krise nicht mehr ausschließlich mit einzelnen Förderprogrammen oder Überbrückungskrediten beantwortet werden kann. Unternehmen benötigen vor allem verlässliche Bedingungen:
- wettbewerbsfähige Energiepreise,
- schnellere Genehmigungen,
- weniger bürokratischen Aufwand,
- verlässliche öffentliche Investitionen,
- bessere Finanzierungsmöglichkeiten,
- stärkere Nachfrage und wirtschaftliches Wachstum.
Nicht jede Insolvenz lässt sich verhindern. Marktaustritte gehören zu einer funktionierenden Wirtschaft. Problematisch wird es jedoch, wenn grundsätzlich tragfähige Unternehmen wegen einer dauerhaften Kombination aus schwacher Nachfrage, hohen Kosten und fehlender Finanzierung aufgeben müssen.
Der höchste Stand seit 21 Jahren ist deshalb mehr als eine statistische Marke. Er zeigt, dass viele Unternehmen ihre letzte Reserve verbraucht haben. Ohne eine wirtschaftliche Erholung droht die Pleitewelle nicht nur weiterzulaufen, sondern zunehmend auch größere Arbeitgeber und regionale Wirtschaftsstrukturen zu treffen.
Quellen und Datenbasis
- Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle: IWH-Insolvenztrend für das zweite Quartal 2026 mit 4.996 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften.
- Creditreform Wirtschaftsforschung: Halbjahresanalyse 2026 zu 12.900 Unternehmensinsolvenzen, betroffenen Arbeitsplätzen, Branchen und Forderungsausfällen.
- Statistisches Bundesamt: Amtliche Unternehmensinsolvenzen von Januar bis April 2026 und methodische Hinweise zur zeitlichen Verzögerung der Statistik.