Mecklenburg-Vorpommern steuert auf eine Landtagswahl zu, deren Ausgang die politischen Kräfteverhältnisse im Nordosten grundlegend verändern könnte. Am heutigen Freitag eröffnet die AfD in Stralsund offiziell ihren Wahlkampf für den 20. September. Sechs Wochen vor dem Urnengang liegt sie in einer aktuellen Umfrage bei 36 Prozent und damit deutlich vor der SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Die Frage ist inzwischen nicht nur, welche Partei stärkste Kraft wird – sondern vor allem, welche Regierungsmehrheit nach der Wahl überhaupt noch möglich ist.

Der Wahlkampfauftakt der AfD findet im Kreisverband Vorpommern-Rügen statt. Angekündigt sind neben Landeschef Enrico Schult auch der Bundestagsabgeordnete Leif-Erik Holm, Daniel Seifert sowie der sächsische AfD-Landesvorsitzende Jörg Urban. Schult formuliert für seine Partei ausdrücklich den Anspruch, nach der Wahl Regierungsverantwortung zu übernehmen.

AfD liegt sechs Wochen vor der Wahl deutlich vorn

Die Ausgangslage unterscheidet sich erheblich von der Landtagswahl 2021. Damals war die SPD mit 39,6 Prozent mit großem Abstand stärkste Kraft geworden. Die AfD erreichte 16,7 Prozent.

In der aktuell veröffentlichten Umfrage kommt die AfD nun auf 36 Prozent. Die SPD erreicht 29 Prozent, die Linke zwölf Prozent und die CDU neun Prozent. Mehrere weitere Parteien bewegen sich im Bereich der Fünf-Prozent-Hürde oder darunter.

Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Sechs Wochen vor einer Abstimmung können sich Stimmungen noch deutlich verändern. Die Zahlen zeigen jedoch, wie stark sich die politische Ausgangslage seit der vergangenen Landtagswahl verschoben hat.

Schwesig kämpft um eine weitere Amtszeit

Für Ministerpräsidentin Manuela Schwesig geht es um die Fortsetzung ihrer Regierungszeit. Die SPD stellt sie erneut in den Mittelpunkt ihrer Kampagne und wirbt unter dem Motto „Entscheidung für MV“ um Stimmen. Die Partei hat ihr Programm für die Jahre 2026 bis 2031 vorgelegt und ihre Direktkandidaten für die 36 Wahlkreise benannt.

Schwesig regiert Mecklenburg-Vorpommern seit 2017. Nach der Wahl 2021 bildete die SPD eine Koalition mit der Linken.

Ob eine Fortsetzung dieser Zusammenarbeit rechnerisch möglich wäre, hängt neben den Ergebnissen von SPD und Linken entscheidend davon ab, welche kleineren Parteien den Sprung in den Landtag schaffen.

Regierungsbildung könnte komplizierter werden als der Wahlsieg

Genau darin liegt eine der Besonderheiten dieser Wahl.

Selbst wenn die AfD am 20. September stärkste Kraft werden sollte, bedeutet dies nicht automatisch, dass sie auch die nächste Landesregierung führt. Andere Parteien schließen eine Koalition mit ihr bislang aus.

Damit könnten sich Mehrheiten ergeben, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen.

Besonders wichtig wird die Fünf-Prozent-Hürde. Scheitern mehrere kleinere Parteien daran, verändern sich die Sitzanteile der im Landtag vertretenen Parteien entsprechend deutlich.

Die Wahlentscheidung über Grüne, FDP, BSW und weitere kleinere Kräfte kann deshalb erheblichen Einfluss darauf haben, welche Koalitionen nach dem 20. September rechnerisch überhaupt möglich sind.

CDU steht vor besonders schwieriger Wahl

Auch für die CDU ist die Lage angespannt.

Die Partei tritt mit Daniel Peters als Spitzenkandidat an. Im Juni bestätigten ihn die Delegierten mit 97,22 Prozent als Landesvorsitzenden. Auf ihrem Landesparteitag verabschiedete die CDU außerdem ihr Wahlprogramm. Zu den Schwerpunkten gehören Wirtschaft, Sicherheit und Tourismus.

Der Rückhalt in der eigenen Partei steht allerdings in deutlichem Gegensatz zu den aktuellen Umfragewerten.

Mit neun Prozent liegt die CDU derzeit erheblich hinter AfD und SPD. Für eine Partei, die Mecklenburg-Vorpommern über viele Jahre mitregiert hat, wäre ein Ergebnis in dieser Größenordnung ein schwerer Einschnitt.

Peters versucht sich dabei als Vertreter einer politischen Mitte zu positionieren. Die CDU wirbt mit einem „neuen Anfang“ für Mecklenburg-Vorpommern und setzt unter anderem auf eine stärkere Wirtschaft, innere Sicherheit und Tourismus.

AfD setzt auf Migration, Sicherheit und Wirtschaft

Die AfD will in ihrem Wahlkampf insbesondere mit den Themen Migration, Abschiebung, innere Sicherheit und Wirtschaftspolitik punkten.

Landeschef Enrico Schult erklärt, seine Partei sei bereit, Verantwortung für Mecklenburg-Vorpommern zu übernehmen.

Damit geht die Partei deutlich über die Rolle einer Protest- oder Oppositionspartei hinaus und formuliert einen Regierungsanspruch.

Ob sie diesen politisch umsetzen könnte, bleibt angesichts der derzeitigen Haltung der übrigen Parteien allerdings offen.

Stralsund wird zum symbolischen Auftaktort

Dass die AfD ihre heiße Wahlkampfphase in Stralsund beginnt, ist auch regional von Bedeutung.

Vorpommern gehört seit Jahren zu den Gebieten, in denen die Partei besonders hohe Wahlergebnisse erzielt. Gleichzeitig ist Stralsund als größte Stadt in Vorpommern und regionales Zentrum ein wichtiger politischer Schauplatz.

Die Wahl wird jedoch nicht allein in den größeren Städten entschieden.

Mecklenburg-Vorpommern ist stark ländlich geprägt. Viele Wahlkreise umfassen große Flächen, kleinere Städte und zahlreiche Dörfer. Themen wie medizinische Versorgung, Schulen, Straßen, öffentlicher Nahverkehr und die Zukunft kleiner Gemeinden besitzen dort eine besondere Bedeutung.

Wirtschaft dürfte Wahlkampf stärker bestimmen

Auch die wirtschaftliche Entwicklung des Landes wird in den kommenden Wochen eine wichtige Rolle spielen.

Mecklenburg-Vorpommern profitiert stark vom Tourismus, besitzt aber zugleich industrielle Schwerpunkte etwa im Schiffbau, in der Ernährungswirtschaft, Energiewirtschaft und maritimen Industrie.

Hinzu kommen strukturelle Herausforderungen wie Fachkräftemangel, demografische Entwicklung und die Erreichbarkeit ländlicher Regionen.

Damit dürfte der Wahlkampf zunehmend auch darüber geführt werden, welche Partei glaubwürdig Arbeitsplätze sichern, Investitionen anziehen und die Infrastruktur außerhalb der größeren Städte verbessern kann.

Sechs Wochen können noch viel verändern

Bis zur Wahl am 20. September bleiben noch sechs Wochen.

In dieser Zeit folgen zahlreiche Wahlkampfveranstaltungen, Fernsehdebatten und regionale Termine. Parteien werden versuchen, bislang unentschlossene Wähler zu erreichen und ihre eigenen Anhänger tatsächlich zur Stimmabgabe zu bewegen.

Gerade bei einer politisch stark polarisierten Ausgangslage kann die Wahlbeteiligung erheblichen Einfluss auf das Ergebnis haben.

Die derzeitigen Umfragen zeigen deshalb vor allem eines: Mecklenburg-Vorpommern steht nicht vor einer gewöhnlichen Landtagswahl.

Die Kräfteverhältnisse haben sich seit 2021 erheblich verändert. Der Ausgang dürfte darüber entscheiden, ob die bisherige politische Ordnung im Schweriner Landtag Bestand hat – oder ob sich das Parteiensystem des Landes grundlegend neu sortiert.

Quellen

Deutsche Presse-Agentur: AfD startet mit Kundgebung in Stralsund in den Landtagswahlkampf, 7. August 2026

SPD Mecklenburg-Vorpommern: Landtagswahl 2026 – Wahlprogramm und Kandidaten

CDU Mecklenburg-Vorpommern: Wahlprogramm und Spitzenkandidat Daniel Peters, 2026