New York – Das ohnehin angespannte Treffen zwischen Bundesaußenminister Johann Wadephul und seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow ist von einer gezielten russischen Botschaft begleitet worden. Auf dem Verhandlungstisch im russischen Besprechungsraum bei den Vereinten Nationen lag vor Wadephuls Platz ein Bericht, in dem die international dokumentierten Verbrechen im ukrainischen Butscha als angebliche Inszenierung dargestellt werden.

Das rund 20-minütige Gespräch am Rande der UN-Generalversammlung war das erste bilaterale Treffen der Außenminister Deutschlands und Russlands seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.

Eine Annäherung gab es nicht. Wadephul sprach anschließend von einem intensiven Gespräch, machte jedoch deutlich, dass beide Seiten bei zentralen Fragen weiterhin weit auseinanderliegen.

Provokantes Papier liegt vor Wadephul

Besondere Aufmerksamkeit erhielt ein Dokument auf dem Verhandlungstisch. Es trug den Titel „Die Erben Goebbels: Fälschung der Ereignisse in Butscha und blutige Inszenierungen des Kiewer Regimes“.

Das Papier vertritt die russische Darstellung, wonach die weltweit bekannt gewordenen Bilder und Berichte aus Butscha manipuliert oder inszeniert worden seien.

Auf Aufnahmen des Treffens ist zu erkennen, dass Wadephul seinen Notizblock auf das Dokument legte. Die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa griff diese Szene anschließend auf und verbreitete über russische Kanäle die Behauptung, Wadephul habe das Papier bewusst verdeckt und so getan, als würde er es nicht bemerken. Dabei handelt es sich um Sacharowas Interpretation der Szene.

Russische Darstellung widerspricht UN-Ermittlungen

Die Behauptung, die Ereignisse in Butscha seien lediglich inszeniert worden, steht im Widerspruch zu den Untersuchungen der Vereinten Nationen.

Butscha stand vom 5. bis zum 30. März 2022 unter Kontrolle russischer Truppen. Das UN-Menschenrechtsbüro dokumentierte dort bis Ende Oktober 2022 die Tötung von 73 Zivilisten. Weitere 105 mutmaßliche Tötungen befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Überprüfung.

In einem umfassenderen Bericht über die von russischen Truppen kontrollierten Gebiete in den Regionen Kiew, Tschernihiw und Sumy dokumentierte die UN zudem zahlreiche Fälle mutmaßlicher Hinrichtungen. Bei Opfern wurden unter anderem gefesselte Hände sowie Verletzungen festgestellt, die auf Misshandlungen vor ihrem Tod hindeuteten. Die Vereinten Nationen sahen bei zahlreichen Fällen starke Hinweise auf mögliche Kriegsverbrechen.

Gespräch endet ohne Annäherung

Wadephul forderte Russland bei dem Treffen nach Angaben aus deutschen Delegationskreisen dazu auf, seinen Eskalationskurs gegenüber Deutschland, Europa und der NATO zu beenden.

Zugleich erklärte er, eine Rückkehr zu einem konstruktiveren Verhältnis zwischen Deutschland und Russland sei grundsätzlich möglich. Voraussetzung sei jedoch, dass Moskau seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine beendet und an einem dauerhaften Frieden mitwirkt.

Lawrow bewertete das Gespräch anschließend deutlich anders. Von russischer Seite hieß es, das Treffen habe keine Fortschritte gebracht.

Wadephul verteidigt Gespräch mit Lawrow

Trotz des ergebnislosen Treffens verteidigte Wadephul den direkten Austausch. Er erklärte anschließend, auch mit politischen Gegnern müsse gesprochen und verhandelt werden.

Das Treffen war nach Wadephuls Darstellung durch Vermittlung anderer Staaten zustande gekommen. Mehrere internationale Kollegen hätten ihm signalisiert, dass Russland zu einem Gespräch bereit sei.

Die Begegnung zeigt zugleich, wie tief die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau inzwischen belastet sind. Während Wadephul über ein mögliches Ende des Krieges und eine Verringerung der Spannungen sprechen wollte, nutzte die russische Seite das Treffen gleichzeitig für ihre öffentliche Darstellung der Ereignisse von Butscha.

Das auf dem Tisch platzierte Dokument und die anschließenden Kommentare Sacharowas wurden damit selbst zu einem Teil der politischen Auseinandersetzung.