Wer heute durch die von Flussarmen der Havel durchzogene Stadt Rathenow im Westen Brandenburgs (Bundesland: Brandenburg, Landkreis Havelland) reist, stößt an jeder Ecke auf das Thema Licht, Linsen und Sehen. Die Stadt führt stolz den offiziellen Beinamen „Stadt der Optik“.

Lange bevor Jena zum weltweiten Zentrum für Mikroskope aufstieg, wurde im beschaulichen Havelland der Grundstein für die gesamte deutsche Sehhilfen- und Brillenproduktion gelegt – und das ausgerechnet in einem evangelischen Pfarrhaus.

Inhaltsübersicht

  1. Der sehende Pfarrer: Johann Heinrich August Duncker und sein Patent von 1801

  2. Die Vielschleifmaschine: Der Durchbruch zur Massenproduktion

  3. Der Boom im Havelland: Vom Handwerk zum Weltmarktführer ROW

  4. Die Brillen-Hauptstadt der DDR und der Wandel

  5. Ortspunkt Rathenow: Wo du die Welt der Optik hautnah erlebst

  6. Leser-Aufruf: Welches optische Erbe kennst du aus Rathenow?

Der sehende Pfarrer: Johann Heinrich August Duncker und sein Patent von 1801

Die Geschichte der optischen Industrie in Deutschland beginnt mit Johann Heinrich August Duncker (1767–1843). Als Pfarrer an der Rathenower St.-Marien-Andreas-Kirche beobachtete er besorgt, wie viele Menschen – darunter Handwerker, Gelehrte und Schulkinder – unter unkorrigierten Sehfehlern litten. Brillen waren damals teure, per Hand einzeln geschliffene Luxusgüter.

Duncker besaß eine Leidenschaft für Physik und Mechanik. Im Jahr 1801 erfand er die sogenannte Vielschleifmaschine – ein Holzgestell mit mehreren rotierenden Schleifschalen, mit dem sich erstmals bis zu elf Linsen gleichzeitig mit exakt gleichem Radius schleifen ließen. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen erteilte ihm am 10. März 1801 das königliche Privileg.

Die Vielschleifmaschine: Der Durchbruch zur Massenproduktion

Das Patent der Vielschleifmaschine wandelte die Optik vom zeitraubenden Kunsthandwerk zur modernen Manufakturindustrie. Duncker gründete gemeinsam mit dem Kaufmann Samuel Christoph Wagener die Optische Industrie-Anstalt Rathenow.

Nun konnten Lupe, Fernrohr- und vor allem Brillengläser in gleichbleibender Qualität zu erschwinglichen Preisen gefertigt werden. Rathenower Brillen wurden zum Inbegriff für bezahlbaren Sehkomfort in ganz Europa und Nordamerika.

Der Boom im Havelland: Vom Handwerk zum Weltmarktführer ROW

Das Wissen breitete sich rasch in der Region aus. Ehemalige Arbeiter Dunckers machten sich selbstständig, Zulieferer für Messinggestelle, Etuis und Spezialglas siedelten sich an. Um 1900 bestanden in Rathenow über 150 optische Betriebe, die Tausende Menschen beschäftigten.

1946 wurden viele Betriebe verstaatlicht und im VEB Rathenower Optische Werke (ROW) zusammengefasst. Das ROW entwickelte sich zum größten Produzenten von Brillengläsern, Gestellen, Mikroskopen und Projektionsobjektiven im gesamten Ostblock. Fast jeder Bürger in der DDR, der eine Brille trug, blickte durch Linsen aus Rathenow.

Die Brillen-Hauptstadt der DDR und der Wandel

Nach 1990 durchlief der Standort einen tiefgreifenden Restrukturierungsprozess. Das riesige Kombinat ROW schrumpfte, doch der Kern der Augenoptik blieb erhalten.

Heute ist Rathenow wieder das Zentrum mittelständischer Augenoptik-Unternehmen, Spezialisten für Präzisionsoptik und Heimat des Cluster Optik und Photonik Berlin-Brandenburg. Ein bedeutender Teil aller in Deutschland verkauften Brillengläser wird bis heute im Havelland veredelt oder gefertigt.

Ortspunkt Rathenow: Wo du die Welt der Optik hautnah erlebst

Wer auf den Spuren von Pfarrer Duncker im Havelland (Brandenburg) reisen möchte, findet beeindruckende Ausflugsziele:

  • Optikpark Rathenow (Schwedenberg): Das parkartige Gelände an der Havel kombiniert Natur mit Farb- und Lichtinstallationen, dem weltgrößten Brachymedial-Fernrohr und Mitmach-Stationen zur Optik.

  • Kulturzentrum Rathenow mit Optik-Ausstellung: Zeigt die faszinierende Geschichte der Rathenower Optikindustrie, original nachgebaute Vielschleifmaschinen Dunckers sowie eine historische Brillensammlung mit Hunderte Jahre alten Sehhilfen.

  • Duncker-Denkmal & Stadtkanal: Spaziergang entlang historischer Produktionsstätten und des Kanals, der früher zum Transport der Schleifsteine diente.

Leser-Aufruf: Welches optische Erbe kennst du aus Rathenow?

Trägst du selbst eine Brille, besitzt du noch ein historisches Mikroskop oder ein Fernglas aus den Rathenower Optischen Werken (ROW)?

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