Michelle muss rechnen, Schulden abtragen und jede Ausgabe abwägen. Henry verwaltet das Vermögen anderer Menschen und kennt finanzielle Sicherheit als selbstverständlichen Teil seines Lebens. In „Die zweitgrößte Liebe“ lässt die Leipziger Autorin Ruth-Maria Thomas zwei Menschen aufeinandertreffen, deren Gefühle stark sind – deren Erfahrungen mit Geld, Arbeit und Zukunft aber kaum unterschiedlicher sein könnten.
Eine Beziehung zwischen zwei sozialen Welten
Der Roman erscheint am 30. Juli 2026 im dtv Verlag. Im Mittelpunkt stehen Michelle und Henry, beide Anfang dreißig. Michelle stammt aus einer Kleinstadt in der Lausitz. Nach dem Scheitern ihres Schmuckgeschäfts und steigenden Mietkosten arbeitet sie an der Rezeption eines Hotels.
Dort begegnet sie Henry. Er kommt aus finanziell abgesicherten Verhältnissen und verdient sein Geld mit der Verwaltung von Vermögen. Was zunächst als Liebesgeschichte beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer Auseinandersetzung über Besitz, Sicherheit, Scham und unterschiedliche Erwartungen an das Leben.
Der soziale Abstand zeigt sich nicht nur in großen Entscheidungen. Er liegt auch in alltäglichen Situationen:
- Michelle überlegt, ob sie sich eine Ausgabe leisten kann.
- Henry kennt die Angst vor der nächsten Miete kaum.
- Für sie bedeutet Arbeit häufig Existenzsicherung.
- Für ihn bietet Geld Schutz und Handlungsspielraum.
- Beide sprechen nur zögerlich über ihre Herkunft.
Der Roman fragt damit nicht nur, ob zwei Menschen einander lieben. Er fragt, ob eine Beziehung dauerhaft gleichberechtigt sein kann, wenn einer von beiden jederzeit finanziell unabhängiger bleibt.
Armut wirkt auch dann, wenn sie vorbei ist
Ruth-Maria Thomas erzählt soziale Herkunft nicht als abstrakte politische Debatte. Sie zeigt, wie finanzielle Unsicherheit Denken und Verhalten prägt. Michelle hat gelernt, sich Wünsche zu verbieten, ständig zu rechnen und zusätzliche Schichten anzunehmen.
„Immer zu rechnen. Das ständige schlechte Gewissen beim Geldausgeben.“
Mit solchen Beobachtungen beschreibt der Roman, wie ökonomischer Druck selbst intime Beziehungen beeinflusst. Wer lange mit knappen Mitteln gelebt hat, entwickelt häufig einen anderen Blick auf Risiko, Zukunft und Abhängigkeit als jemand, der auf familiäre Rücklagen zurückgreifen kann.
Dabei vermeidet Thomas nach Einschätzung des MDR einfache Rollenbilder. Henry wird nicht nur als wohlhabender Gewinner beschrieben, Michelle nicht ausschließlich als Opfer ihrer Herkunft. Beide tragen Erwartungen, Unsicherheiten und familiäre Prägungen in die Beziehung hinein.
Gerade darin liegt die gesellschaftliche Stärke des Romans. Klassismus zeigt sich nicht nur in Einkommenstabellen oder statistischer Ungleichheit. Er wirkt in Sprache, Selbstbewusstsein, Partnerwahl und in der Frage, wer sich ein Scheitern leisten kann.
Lausitz und Leipzig prägen die Autorin
Ruth-Maria Thomas wurde 1993 in Cottbus geboren und wuchs in der Lausitz auf. Vor ihrer literarischen Laufbahn arbeitete sie als Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe. Später studierte sie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, wo sie heute lebt und arbeitet.
Bereits ihr Debütroman „Die schönste Version“ beschäftigte sich mit Liebe, Gewalt, weiblicher Sozialisation und dem Aufwachsen im Osten Deutschlands. Das Buch stand 2024 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde später mit dem Ulla-Hahn-Preis ausgezeichnet.
Mit dem zweiten Roman rückt Thomas die Klassenfrage noch stärker in den Mittelpunkt. Dennoch möchte sie nach früheren Aussagen nicht auf stereotype ostdeutsche Themen wie Armut, Brüche oder Benachteiligung reduziert werden. Herkunft ist bei ihr kein fertiges Erklärungsmuster, sondern ein Teil komplexer Biografien.
Ein politischer Liebesroman ohne Parteipolitik
„Die zweitgrößte Liebe“ lässt sich als politischer Roman lesen, obwohl weder Parteien noch Parlamente im Mittelpunkt stehen. Politisch ist die Geschichte, weil sie beschreibt, wie ungleich Chancen verteilt sind.
Wer erbt, Rücklagen besitzt oder im Notfall Unterstützung von der Familie erhält, trifft andere Entscheidungen als jemand, der finanziell allein dasteht. Das betrifft:
- die Wahl des Berufs,
- die Möglichkeit einer Selbstständigkeit,
- Wohnort und Wohnqualität,
- Familienplanung,
- Trennungen und Abhängigkeiten,
- die Freiheit, berufliche Risiken einzugehen.
Die Beziehung zwischen Michelle und Henry wird damit zum Schauplatz einer größeren gesellschaftlichen Frage: Wie frei ist Liebe, wenn wirtschaftliche Ungleichheit immer mit am Tisch sitzt?
Der Roman erscheint zu einer Zeit, in der steigende Mieten, hohe Lebenshaltungskosten und geringe Vermögen besonders jüngere Haushalte belasten. Thomas liefert dazu keine sozialpolitische Analyse, sondern macht die Folgen in einer persönlichen Geschichte sichtbar.
Lesung im September in Leipzig
Nach der Veröffentlichung geht Ruth-Maria Thomas mit dem Roman auf Lesereise. Die Leipziger Präsentation ist für den 20. September 2026 in der Heilandskirche angekündigt. Am 24. September folgt eine Lesung im Dresdner Zentralwerk. Weitere Termine sind unter anderem in Cottbus, Berlin und Burg im Spreewald geplant.
Die wichtigsten Buchdaten:
- Titel: „Die zweitgrößte Liebe“
- Autorin: Ruth-Maria Thomas
- Verlag: dtv
- Erscheinungstermin: 30. Juli 2026
- Preis: 24 Euro
- Leipziger Lesung: 20. September 2026
- Dresdner Lesung: 24. September 2026
Der Roman zeigt, dass soziale Unterschiede nicht vor privaten Beziehungen haltmachen. Geld entscheidet nicht automatisch darüber, ob zwei Menschen einander lieben. Es beeinflusst aber, wie sicher sie sich fühlen, welche Risiken sie eingehen können und wie abhängig sie voneinander werden.
Gerade deshalb ist „Die zweitgrößte Liebe“ mehr als eine Liebesgeschichte. Es ist ein Roman über die unsichtbaren Grenzen, die Herkunft selbst dort zieht, wo zwei Menschen glauben, sie könnten sie gemeinsam überwinden.
Quellen und Datenbasis
- dtv Verlag: Buchinformationen, Erscheinungstermin und Lesungstermine zu „Die zweitgrößte Liebe“.