Beim Umbau des Lessing-Museums Kamenz ist eine ungewöhnliche Nachricht aus der Vergangenheit zum Vorschein gekommen. In einer zurückgebauten Trennwand entdeckten Bauarbeiter eine alte Flasche, in der fast 50 Jahre lang ein handgeschriebener Brief verborgen war.

Die Botschaft stammt aus dem August oder September 1976. Drei Männer berichten darin, dass sie nach Feierabend eine Tür und ein Fenster im Museum zugemauert hatten. Bei ihnen handelte es sich nicht um ausgebildete Maurer, sondern um Mitglieder einer sogenannten Feierabendbrigade.

Der Fund soll künftig einen festen Platz in der Sammlung des Lessing-Museums erhalten.

Entdeckung beim Rückbau einer Trennwand

Das Lessing-Museum wird derzeit umfassend umgebaut, erweitert und modernisiert. Im Jahr 2027 soll das Haus seine Besucher wieder in einer erneuerten Form empfangen.

Während bei einer Baustelle normalerweise der Blick auf den künftigen Baufortschritt gerichtet ist, öffnete der Fund unerwartet ein Fenster in die Vergangenheit.

Beim Rückbau einer Trennwand durch die beauftragte Baufirma kam eine alte Radeberger Bierflasche zum Vorschein. Im Inneren befand sich ein sorgfältig zusammengefalteter Brief auf einem historischen Briefbogen des Lessing-Museums.

Drei Laien mauerten nach Feierabend

Die Verfasser beschrieben in gestochener deutscher Handschrift, welche Arbeiten sie im Museum ausgeführt hatten.

In dem Brief heißt es auszugsweise:

„Tür und Fenster mauerten in mühseliger Kleinarbeit im Schweiße ihres Angesichts zu die drei Laien im Maurerhandwerk.“

Einer der Beteiligten bezeichnete sich dabei augenzwinkernd als „Polier“, die beiden anderen als „Gehilfen“.

Weiter schrieben sie:

„Die Arbeit wurde nach unserem Feierabend erledigt, um dem Lessingmuseum zu schönerem Aussehen zu verhelfen.“

Die Nachricht wurde mit „Kamenz, im August/September 1976“ datiert.

Die Namen der drei Männer sind in der vorliegenden Fassung nicht vollständig wiedergegeben.

Feierabendbrigaden halfen gegen Handwerkermangel

Die Nachricht erzählt nicht nur von einer konkreten Baumaßnahme im Museum. Sie verweist auch auf typische Arbeitsstrukturen der DDR.

Bei den drei Männern handelte es sich um eine Feierabendbrigade. Solche Gruppen übernahmen außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit handwerkliche oder bauliche Aufgaben.

Dabei arbeiteten sowohl ausgebildete Handwerker als auch geschickte Laien gemeinsam an Wohnungen, öffentlichen Gebäuden oder betrieblichen Einrichtungen. Die Brigaden halfen teilweise dabei, Lücken zu schließen, die durch den damaligen Mangel an Handwerkskapazitäten entstanden.

Die Arbeiten im Lessing-Museum wurden dem Brief zufolge freiwillig nach Feierabend ausgeführt. Die Beteiligten wollten damit zu einer Verschönerung des Hauses beitragen.

Begehrte Bierflasche wurde zur Zeitkapsel

Als Behälter für ihre Botschaft wählten die Männer eine Flasche Radeberger Pilsner. Das Bier galt in der DDR als besonders begehrt und war nicht überall problemlos erhältlich.

Fast fünf Jahrzehnte blieb die Flasche unbemerkt in der Wand verborgen. Erst die aktuellen Umbauarbeiten machten sie wieder zugänglich.

Dass gerade eine alltägliche Getränkeflasche zum Träger einer historischen Nachricht wurde, verleiht dem Fund einen besonderen Charakter. Flasche, Etikett, Briefpapier und Handschrift erzählen gemeinsam von der Arbeits- und Alltagswelt der 1970er-Jahre.

Sommer 1976 zwischen Hitze, Protesten und Olympiasieg

Die Museumsmitteilung ordnet die Nachricht auch in die Ereignisse des Sommers 1976 ein.

Europa erlebte damals eine Phase großer Hitze. In Altenburg kam es zu Jugendprotesten. In Uganda befreiten israelische Spezialkräfte Geiseln aus der Gewalt von Terroristen. Im italienischen Seveso löste hochgiftiges Dioxin eine schwere Umweltkatastrophe aus.

Das Segelschulschiff der Gesellschaft für Sport und Technik nahm Kurs auf Leningrad, während in Wien die Reichsbrücke einstürzte.

Musikalisch prägten unter anderem Jürgen Drews mit „Ein Bett im Kornfeld“ und die Puhdys mit „Lebenszeit“ den Sommer.

Die Fußballnationalmannschaft der DDR gewann bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille. In Kamenz beschäftigte sich die Stadtverordnetenversammlung unter anderem mit dem Wettbewerb „Schöner unsere Städte und Gemeinden“.

Inmitten dieser großen und kleinen Ereignisse mauerten drei Männer nach ihrer eigentlichen Arbeit eine Tür und ein Fenster im Lessing-Museum zu – und hinterließen dabei ihre Botschaft für eine unbekannte spätere Generation.

Museum will Fund dauerhaft bewahren

Die Flaschenpost wird nicht wieder in einer Wand verschwinden. Nach Angaben des Museums soll sie dauerhaft in die Sammlung aufgenommen werden.

Damit wird aus dem zufälligen Baustellenfund selbst ein Museumsobjekt. Die Nachricht dokumentiert einen Abschnitt der Geschichte des Hauses, der bislang vermutlich nur wenigen Menschen bekannt war.

In einem Literaturmuseum erscheint eine über Jahrzehnte bewahrte schriftliche Botschaft besonders passend. Sie zeigt, dass Texte nicht nur durch Bücher und Archive überliefert werden, sondern manchmal auch auf unerwarteten Wegen.

Verbindung zwischen altem und neuem Museum

Der Fund verbindet zwei Umbauphasen miteinander.

Im Jahr 1976 wollten die drei Mitglieder der Feierabendbrigade nach eigener Aussage dazu beitragen, das Lessing-Museum schöner zu machen. Rund 50 Jahre später wird das Haus erneut modernisiert und erweitert.

Wenn das Museum 2027 wieder öffnet, könnte die Flaschenpost daran erinnern, dass die Entwicklung des Hauses von vielen Menschen und mehreren Generationen getragen wurde.

Neben Museumsmitarbeitern, Wissenschaftlern und Planern gehören dazu auch jene Helfer, die nach Feierabend praktische Arbeiten übernahmen.

Ein persönliches Zeugnis des DDR-Alltags

Die Nachricht ist kein amtlicher Bericht und keine offizielle Chronik. Gerade darin liegt ihr besonderer Wert.

Der humorvolle Ton, die Rollenverteilung in „Polier“ und „Gehilfen“ sowie die Erwähnung der Arbeit nach Feierabend vermitteln einen unmittelbaren Eindruck von den Beteiligten.

Die Flaschenpost macht sichtbar, wie Bürger in den 1970er-Jahren zum Erhalt und zur Gestaltung öffentlicher Einrichtungen beitrugen. Gleichzeitig erinnert sie an den Handwerkermangel und die improvisierten Lösungen, die daraus entstanden.

Die beim Umbau des Lessing-Museums entdeckte Flaschenpost ist ein außergewöhnliches Zeugnis der Kamenzer Museums- und Alltagsgeschichte.

Drei Mitglieder einer Feierabendbrigade hielten 1976 fest, dass sie nach ihrer regulären Arbeit eine Tür und ein Fenster zugemauert hatten, um das Museum zu verschönern.

Fast 50 Jahre später erreichte ihre Nachricht die heutigen Verantwortlichen. Künftig soll sie nicht mehr verborgen bleiben, sondern als Teil der Sammlung an das Engagement früherer Helfer erinnern.

Quelle

– Lessing-Museum Kamenz: Presseinformation „Nachricht aus der Vergangenheit: Baustellenfund im Lessing-Museum Kamenz“, Juli 2026.