Bundeskanzler Friedrich Merz ist am Sonntag nach Kyjiw gereist. Schon seine Ankunft machte deutlich, unter welchen Bedingungen politische Gespräche in der Ukraine inzwischen stattfinden.
In der Hauptstadt waren Luftalarmsirenen zu hören, Explosionen erschütterten die Stadt. Russland hatte seine Angriffe auf ukrainische Städte und Infrastruktur in den vergangenen Tagen erneut verstärkt.
Merz traf Präsident Wolodymyr Selenskyj und sicherte der Ukraine weitere deutsche Unterstützung zu.
Doch dieser Besuch geht über ein weiteres Hilfspaket hinaus.
Er zeigt, wie sehr sich Deutschlands Rolle seit Beginn des russischen Angriffskrieges verändert hat.
Eine Milliarde Euro für militärische Hilfe
Deutschland will der Ukraine ein weiteres militärisches Hilfspaket im Umfang von einer Milliarde Euro zur Verfügung stellen.
Zusätzlich sollen 350 Millionen Euro für die Reparatur und Stabilisierung der ukrainischen Energieversorgung bereitgestellt werden.
Das ist angesichts des bevorstehenden Winters von besonderer Bedeutung.
Russland greift regelmäßig Kraftwerke, Stromnetze und andere Energieanlagen an. Ziel ist es nach ukrainischer Darstellung, das Land auch über den militärischen Kampf hinaus unter Druck zu setzen.
Merz erklärte bei seiner Ankunft, die Ukraine benötige in den kommenden Wochen umfassende Unterstützung.
Die Bundesregierung betrachtet die Verteidigung der Ukraine inzwischen ausdrücklich auch als Frage der deutschen Sicherheit.
Deutschland und Ukraine wollen gemeinsam Waffen entwickeln
Besonders bemerkenswert ist ein anderer Teil des Besuchs.
Deutschland und die Ukraine wollen ihre Zusammenarbeit bei der Entwicklung und Produktion von Waffen weiter vertiefen.
Im Mittelpunkt stehen Drohnen und Systeme zur Abwehr russischer Drohnen.
Ukrainische Streitkräfte haben seit 2022 enorme Erfahrungen mit unbemannten Fluggeräten gesammelt. Kaum ein anderer Krieg hat die militärische Bedeutung günstiger, massenhaft eingesetzter Drohnen so deutlich gezeigt.
Deutschland wiederum verfügt über eine leistungsfähige Rüstungsindustrie, Produktionskapazitäten und Kapital.
Beide Seiten versuchen nun, diese Fähigkeiten miteinander zu verbinden.
Damit verändert sich auch das Verhältnis zwischen Geber und Empfänger.
Die Ukraine erhält nicht mehr ausschließlich westliche Waffen.
Sie liefert zunehmend selbst Technologie, Erfahrung und Innovation nach Europa.
Der Krieg verändert Europas Rüstungsindustrie
Die Auswirkungen reichen weit über die Ukraine hinaus.
Deutschland und andere europäische Staaten haben in den vergangenen Jahren erkannt, dass ihre Produktionskapazitäten für Munition, Luftabwehrsysteme und moderne Waffentechnik teilweise nicht ausreichen.
Die NATO hat deshalb ihre Verteidigungsplanung grundlegend verändert.
Auf der östlichen Flanke wurden zusätzliche Kräfte stationiert. Gleichzeitig sollen Rüstungsproduktion, Luftverteidigung, Logistik und militärische Infrastruktur ausgebaut werden.
Die Ukraine könnte dabei künftig selbst zu einem wichtigen Teil der europäischen Rüstungsindustrie werden.
Das Land produziert inzwischen zahlreiche Drohnentypen und entwickelt Waffen unter realen Kriegsbedingungen in sehr kurzen Innovationszyklen.
Für deutsche Unternehmen ist diese Erfahrung zunehmend interessant.
Russland erhöht gleichzeitig den Druck
Während Merz in Kyjiw Gespräche führt, setzt Russland seine Angriffe fort.
Raketen und Drohnen treffen ukrainische Städte und Infrastruktur.
Auch die Ukraine greift verstärkt russische Ziele an. Besonders im Fokus stehen Ölraffinerien und Anlagen der Energieversorgung.
Damit hat sich der Krieg längst weit über die eigentliche Frontlinie hinaus ausgeweitet.
Beide Seiten versuchen, die wirtschaftlichen und logistischen Grundlagen des Gegners zu schwächen.
Eine schnelle politische Lösung ist derzeit nicht erkennbar.
Der fünfte Kriegswinter steht bevor
Für die ukrainische Bevölkerung beginnt bald der fünfte Winter seit der russischen Vollinvasion im Februar 2022.
Gerade die Energieversorgung könnte erneut zu einem entscheidenden Faktor werden.
Beschädigte Kraftwerke und Stromleitungen müssen teilweise unter laufenden Angriffen repariert werden.
Deutschland will deshalb neben Waffen auch beim Wiederaufbau der Energieinfrastruktur helfen.
Die zusätzlichen 350 Millionen Euro sollen insbesondere dafür eingesetzt werden.
Für die Ukraine bedeutet jeder funktionierende Heiz- und Stromanschluss im Winter auch gesellschaftliche Stabilität.
Deutschland wird zu einem zentralen Unterstützer
Seit Beginn des Krieges hat sich Deutschland von einer zunächst zurückhaltenden Position zu einem der wichtigsten Unterstützer der Ukraine entwickelt.
Nach Angaben internationaler Nachrichtenagenturen hat Deutschland inzwischen Hilfen und militärische Unterstützung im Umfang von mehr als 43 Milliarden Euro bereitgestellt.
Dazu gehören unter anderem Luftverteidigungssysteme, Artillerie, Munition, Fahrzeuge und finanzielle Unterstützung.
Besonders bedeutend sind die deutschen IRIS-T-Systeme.
Die Ukraine nutzt sie zur Verteidigung ihrer Städte und kritischen Infrastruktur gegen russische Raketen und Drohnen.
Künftig soll die Zusammenarbeit noch stärker auf gemeinsame Produktion ausgerichtet werden.
Ukraine-Unterstützung wird auch für Deutschland wichtiger
Die Bundesregierung begründet ihre Politik zunehmend nicht nur mit Solidarität.
Sie verweist auf deutsche Sicherheitsinteressen.
Merz formulierte es bei seiner Ankunft in Kyjiw deutlich: Sollte Russland nicht gestoppt werden, könne sich die russische Kriegsmaschinerie eines Tages gegen andere europäische Staaten richten.
Diese Einschätzung wird in Moskau zurückgewiesen.
Russland wiederum wirft der NATO vor, durch Waffenlieferungen und militärische Unterstützung immer stärker Teil des Konflikts zu werden.
Damit prallen zwei grundsätzlich unterschiedliche Sichtweisen aufeinander.
Für NATO und Bundesregierung handelt es sich um Unterstützung eines angegriffenen Staates.
Russland betrachtet die wachsende militärische Zusammenarbeit als Bedrohung der eigenen Sicherheitsinteressen.
Die europäische Sicherheitsordnung verändert sich
Unabhängig von diesen gegenseitigen Vorwürfen ist eines bereits deutlich:
Der Krieg verändert Europas Sicherheitsarchitektur dauerhaft.
Finnland und Schweden sind der NATO beigetreten.
Die Allianz verstärkt ihre östliche Flanke.
Deutschland erhöht seine Verteidigungsausgaben und baut neue militärische Kapazitäten auf.
Polen investiert massiv in seine Streitkräfte.
Und die Ukraine entwickelt sich vom Empfänger westlicher Militärhilfe zunehmend zu einem technologischen Partner europäischer Staaten.
Diese Entwicklung könnte auch dann bestehen bleiben, wenn der Krieg eines Tages endet.
Kyjiw und Berlin rücken enger zusammen
Merz reiste nicht allein in die Ukraine.
Auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sowie Vertreter deutscher Unternehmen begleiteten ihn.
Das zeigt, dass es längst nicht nur um Waffenlieferungen geht.
Deutschland und die Ukraine wollen ihre wirtschaftlichen Beziehungen langfristig vertiefen.
Dazu gehören Energie, Infrastruktur, Wiederaufbau und Rüstungstechnologie.
Für deutsche Unternehmen könnte der Wiederaufbau der Ukraine eines Tages zu einem der größten europäischen Investitionsprojekte seit Jahrzehnten werden.
Doch Voraussetzung dafür wäre eine stabile Sicherheitslage.
Davon ist die Ukraine derzeit weit entfernt.
Der Ausgang des Krieges betrifft ganz Europa
Der Besuch des Bundeskanzlers zeigt deshalb exemplarisch, warum der Krieg längst keine rein ukrainisch-russische Angelegenheit mehr ist.
Es geht um die zukünftige Sicherheitsordnung Europas.
Um das Verhältnis zwischen Russland und NATO.
Um Europas Fähigkeit, sich selbst militärisch zu schützen.
Und um die Frage, welche Rolle Deutschland dabei übernehmen will.
Der Sonntag in Kyjiw liefert darauf eine erste Antwort.
Deutschland will nicht nur Geld und Waffen liefern.
Es will gemeinsam mit der Ukraine Technologien entwickeln, Produktionskapazitäten schaffen und damit langfristig die europäische Verteidigung stärken.
Aus einer zunächst vorsichtigen deutschen Ukraine-Politik ist innerhalb weniger Jahre eine strategische Partnerschaft geworden.
Wie weit diese Entwicklung noch führt, hängt entscheidend davon ab, wie lange der Krieg dauert – und welche Sicherheitsordnung danach entsteht.