Israelische Militäroffensive in Hebron: Mehr als 2.600 Palästinenser vertrieben
Massenvertreibung nach Terrorangriff
Hebron. Nach einem tödlichen Angriff auf israelische Soldaten hat die israelische Armee eine großangelegte Militäroffensive im besetzten Westjordanland begonnen. In der Stadt Hebron mussten nach jüngsten Angaben der Stadtverwaltung mehr als 2.600 Palästinenser ihre Wohnungen und Häuser verlassen. Ganze Stadtviertel wurden abgeriegelt, Gebäude zerstört und zahlreiche Menschen festgenommen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte ein hartes Vorgehen gegen militante palästinensische Gruppen an. Palästinensische Behörden und Menschenrechtsorganisationen werfen Israel dagegen eine kollektive Bestrafung der Zivilbevölkerung vor. Die Eskalation erfolgt nur zwei Tage vor der israelischen Parlamentswahl am 27. Oktober 2026.
Zwei israelische Soldaten bei Angriff getötet
Auslöser der Militäroperation war ein bewaffneter Angriff am Freitagmorgen, dem 23. Oktober, an einem israelischen Militärkontrollpunkt nahe Hebron.
Nach Angaben der israelischen Streitkräfte eröffneten zwei palästinensische Angreifer das Feuer auf die dort stationierten Soldaten.
Zwei israelische Soldaten im Alter von 20 und 23 Jahren wurden getötet, drei weitere verletzt. Die beiden Angreifer kamen bei dem anschließenden Schusswechsel ebenfalls ums Leben.
Die islamistische Hamas begrüßte den Angriff, übernahm zunächst jedoch nicht ausdrücklich die Verantwortung dafür.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte daraufhin eine umfassende militärische Reaktion an.
Die Armee begann noch am Freitag, Teile Hebrons abzuriegeln und großangelegte Durchsuchungen vorzubereiten.
Auch die Bewegungsfreiheit im übrigen Westjordanland wurde erheblich eingeschränkt.
Hunderte Familien müssen ihre Wohnungen verlassen
Seit Beginn des Militäreinsatzes verschärft sich die humanitäre Situation in Hebron.
Nach Angaben der Stadtverwaltung mussten bis Sonntag mehr als 2.600 Menschen ihre Häuser verlassen. Die Zahl ist gegenüber den ersten Meldungen vom Samstag deutlich gestiegen.
Zunächst hatten örtliche Behörden von rund 250 betroffenen Familien gesprochen.
Die Räumungen konzentrieren sich insbesondere auf die Viertel Al-Jaladah und Ein Deir Baha.
Bewohner berichten, dass israelische Soldaten durch die Straßen gingen und sie aufforderten, ihre Wohnungen innerhalb kürzester Zeit zu verlassen.
Teilweise hätten Familien nur wenige Minuten erhalten, um persönliche Gegenstände mitzunehmen.
Anwohner schilderten außerdem, dass Soldaten Gebäude mit schwarzen Kreuzen kennzeichneten.
Die genaue Bedeutung dieser Markierungen war zunächst unklar.
Viele der Vertriebenen suchten Zuflucht bei Verwandten oder in provisorischen Unterkünften.
Die Stadtverwaltung versucht, die betroffenen Familien mit Unterbringungsmöglichkeiten und anderen Hilfsangeboten zu unterstützen.
Israelische Armee zerstört Häuser und Geschäfte
Neben den Räumungen berichten internationale Nachrichtenagenturen über umfangreiche Zerstörungen in mehreren Stadtvierteln.
Israelische Militärfahrzeuge und schwere Baumaschinen wurden eingesetzt, um Gebäude und Teile der örtlichen Infrastruktur abzureißen.
Betroffen sind nach Angaben palästinensischer Behörden unter anderem Wohnhäuser, Geschäfte, gewerblich genutzte Gebäude und Straßen.
Die israelischen Streitkräfte begründen die Maßnahmen mit Sicherheitsinteressen.
Die Operation diene dazu, bewaffnete Gruppen aufzuspüren, Waffen sicherzustellen und mutmaßliche terroristische Infrastruktur zu beseitigen.
Nach israelischen Angaben wurden im Verlauf des Wochenendes mehr als 400 Orte durchsucht.
Zudem meldete das Militär die Festnahme von 40 Personen, denen Verbindungen zu Hamas oder Islamischem Dschihad vorgeworfen werden.
Palästinensische Organisationen berichteten zwischenzeitlich von einer höheren Zahl an Festnahmen.
Unabhängig überprüfen lassen sich nicht alle Einzelangaben zu den Durchsuchungen und Festnahmen.
Verteidigungsminister stellt Rückkehr unter Bedingungen
Besonders umstritten sind Äußerungen des israelischen Verteidigungsministers Israel Katz.
In einem Interview mit dem israelischen Sender Kan erklärte Katz, dass rund 2.000 betroffene Palästinenser vorerst nicht in ihre Häuser zurückkehren dürften.
Eine Rückkehr stellte er unter die Bedingung, dass die israelischen Streitkräfte ihre Operation gegen die Hamas in Hebron abgeschlossen hätten.
Damit bleibt für viele Familien unklar, wie lange sie ihre Wohnungen nicht betreten können.
Ob sämtliche geräumten Gebäude später wieder bewohnbar sein werden, ist ebenfalls offen.
Die israelische Regierung argumentiert, dass nach dem tödlichen Anschlag weitere Angriffe verhindert und militante Netzwerke zerschlagen werden müssten.
Palästinensische Vertreter kritisieren dagegen, dass zahlreiche betroffene Bewohner keinerlei Verbindung zu den Angreifern hätten.
Vorwurf der kollektiven Bestrafung
Hebrons Bürgermeister Youssef al-Jaabari bezeichnete das Vorgehen der israelischen Armee als unverhältnismäßig.
Seiner Darstellung zufolge werden ganze Familien aus Wohngebieten vertrieben, obwohl ihnen keine Beteiligung an dem Angriff vorgeworfen wird.
Auch die Palästinensische Autonomiebehörde verurteilte die Operation.
Sie forderte die internationale Gemeinschaft auf, stärkeren Druck auf Israel auszuüben und Maßnahmen zum Schutz der palästinensischen Zivilbevölkerung zu ergreifen.
Die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem warnte ebenfalls vor einer kollektiven Bestrafung der Bewohner.
Nach dem humanitären Völkerrecht sind Kollektivstrafen gegen geschützte Zivilpersonen verboten. Auch die zwangsweise Vertreibung der Bevölkerung eines besetzten Gebiets unterliegt strengen rechtlichen Grenzen.
Ob einzelne Maßnahmen der israelischen Streitkräfte gegen diese Vorschriften verstoßen, erfordert eine Prüfung ihrer konkreten Umstände.
Die israelische Armee weist den Vorwurf zurück, wahllos gegen die Bevölkerung vorzugehen. Sie bezeichnet ihre Einsätze als gezielte Sicherheitsoperationen.
Hebron weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten
Die Militäroffensive hat auch erhebliche Auswirkungen auf den Alltag außerhalb der unmittelbar betroffenen Stadtviertel.
Zufahrten nach Hebron wurden gesperrt, Kontrollpunkte geschlossen und der Verkehr massiv eingeschränkt.
Für zahlreiche Bewohner bedeutet dies, dass sie ihre Arbeitsplätze, Schulen oder medizinischen Einrichtungen nicht mehr wie gewohnt erreichen können.
Besonders problematisch ist die Situation für Menschen, die auf regelmäßige medizinische Behandlungen angewiesen sind.
Auch andernorts im Westjordanland erschweren zusätzliche Straßensperren den Zugang zu Krankenhäusern.
Internationale Medien berichteten unter anderem über einen Vater, der mit seiner krebskranken Tochter wegen der Sperrungen nicht wie geplant zu einer Behandlung nach Jerusalem gelangen konnte.
Die Maßnahmen betreffen damit nicht allein Menschen, die unmittelbar im Einsatzgebiet wohnen.
Militäroffensive unmittelbar vor israelischer Parlamentswahl
Die Eskalation erfolgt zu einem politisch besonders sensiblen Zeitpunkt.
Am Dienstag, dem 27. Oktober 2026, wird in Israel ein neues Parlament gewählt.
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu steht dabei unter erheblichem innenpolitischem Druck.
Seine Regierung verweist auf die Notwendigkeit, nach dem tödlichen Angriff militärische Stärke zu demonstrieren und weitere Anschläge zu verhindern.
Palästinensische Politiker werfen Netanjahu hingegen vor, die Operation auch für innenpolitische Zwecke zu nutzen.
Ein direkter Zusammenhang zwischen der bevorstehenden Wahl und konkreten militärischen Entscheidungen ist damit jedoch nicht nachgewiesen.
Fest steht, dass die Sicherheitslage im Westjordanland zu den wichtigen Themen der israelischen Innenpolitik gehört.
Auch die weitere Zukunft der Palästinensischen Autonomiebehörde ist Gegenstand zunehmender Auseinandersetzungen.
Mehrere rechtsgerichtete israelische Regierungsmitglieder haben erneut Forderungen nach ihrer Auflösung erhoben.
Gewalt im Westjordanland nimmt weiter zu
Hebron liegt im südlichen Westjordanland und gehört zu den bedeutendsten palästinensischen Städten.
Die Stadt ist seit Jahrzehnten ein besonderer Konfliktschwerpunkt.
Während große Teile von palästinensischen Behörden verwaltet werden, kontrolliert das israelische Militär einen weiteren Stadtbereich, in dem sich auch israelische Siedlungen befinden.
Die israelische Besatzung des Westjordanlands besteht seit dem Sechstagekrieg von 1967.
Die Siedlungspolitik Israels wird von weiten Teilen der internationalen Gemeinschaft als Verstoß gegen das Völkerrecht betrachtet. Die israelische Regierung bestreitet diese rechtliche Bewertung.
Seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 hat die Gewalt im Westjordanland erheblich zugenommen.
Immer wieder kommt es zu militärischen Einsätzen, palästinensischen Angriffen und Gewalt durch extremistische israelische Siedler.
Die aktuelle Operation in Hebron verschärft die ohnehin angespannte Situation.
Ungewisse Zukunft für Tausende Vertriebene
Wie lange die israelische Militäroffensive fortgesetzt wird, ist bislang nicht abschließend bekannt.
Die Armee hat erklärt, dass ihre Einsätze so lange dauern sollen, wie dies zur Beseitigung der aus ihrer Sicht bestehenden Sicherheitsbedrohungen erforderlich sei.
Für die betroffenen Palästinenser bedeutet dies anhaltende Unsicherheit.
Viele wissen nicht, wann sie in ihre Häuser zurückkehren können oder ob ihre Wohnungen nach den Abrissarbeiten überhaupt noch existieren.
Die Stadtverwaltung von Hebron rechnet mit erheblichen Herausforderungen bei der Unterbringung und Versorgung der Vertriebenen.
Zugleich bleibt offen, ob die angekündigten Maßnahmen zu einer nachhaltigen Verbesserung der Sicherheitslage führen oder die Spannungen weiter verschärfen.
Nach dem Tod zweier israelischer Soldaten steht Hebron damit im Mittelpunkt einer neuen Eskalation des Nahostkonflikts.
Während Israel sein Vorgehen mit dem Kampf gegen bewaffnete Gruppen begründet, wächst die Sorge um die Sicherheit und Zukunft der palästinensischen Zivilbevölkerung.