Ende September soll im Erfurter Zalando-Logistikzentrum Schluss sein. Für rund 2.100 verbliebene Beschäftigte beginnt damit die Suche nach einer neuen Arbeit. Besonders schwer trifft die Schließung Menschen, die erst seit wenigen Jahren in Deutschland leben: Bei einigen hängen auch ihr Aufenthaltsstatus, ein geplanter Sprachkurs oder der Nachzug der Familie an einer sicheren Beschäftigung.
Arbeit war für viele der erste Schritt in Deutschland
Als Zalando den Erfurter Standort 2012 eröffnete, entstand eines der größten Logistikzentren Thüringens. Anfang 2026 kündigte der Konzern an, den Betrieb bis Ende September einzustellen. Ursprünglich waren rund 2.700 Arbeitsplätze betroffen. Nachdem befristete Verträge ausgelaufen sind, arbeiten derzeit noch etwa 2.100 Menschen am Standort. Zalando begründet die Schließung mit einer Neuausrichtung seines europäischen Logistiknetzes nach der Übernahme des Modehändlers About You.
Ein großer Teil der Belegschaft stammt nicht aus Deutschland. Nach Angaben des Betriebsrates hatten im April rund 1.650 der ursprünglich 2.700 Beschäftigten eine Migrationsgeschichte. Zalando selbst erklärte, im Juli habe etwa die Hälfte der Mitarbeiter eine ausländische Staatsangehörigkeit besessen. Beschäftigte aus mehr als 60 Nationen arbeiteten in dem Zentrum; intern wurde in mehreren Sprachen kommuniziert.
Für viele war die Arbeit im Lager der erste feste Arbeitsplatz nach ihrer Ankunft in Deutschland. Gute Deutschkenntnisse waren für zahlreiche Tätigkeiten zunächst keine zwingende Voraussetzung. Das verschaffte auch Geflüchteten und neu zugewanderten Menschen eine Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen und nicht dauerhaft von staatlicher Unterstützung abhängig zu bleiben.
„Zalando in Erfurt hätte es ohne Menschen mit Migrationsgeschichte nicht gegeben“, sagt Erfurts Integrationsbeauftragter Daniel Stassny. Gerade in der Logistik würden große Teile der Wirtschaft ohne diese Beschäftigten nicht funktionieren.
Jobverlust kann Aufenthalt und Familiennachzug gefährden
Der Arbeitsplatzverlust hat nicht für alle Beschäftigten die gleichen Folgen. Deutsche Arbeitnehmer müssen eine neue Stelle finden und Einkommensverluste verkraften. Bei manchen ausländischen Mitarbeitern kommt eine zusätzliche Unsicherheit hinzu: Ihr Aufenthaltstitel kann unmittelbar oder mittelbar von einer Beschäftigung abhängen.
Stassny warnt vor einem Kreislauf, aus dem Betroffene nur schwer herauskommen. Wer seine Arbeit verliert, erhält unter Umständen nur noch einen kurzfristig gültigen Aufenthaltstitel. Mit einer solchen Bescheinigung sinken wiederum die Chancen auf eine neue feste Stelle, weil Arbeitgeber langfristige Planungssicherheit verlangen. Nach Angaben des Integrationsbeauftragten sind ihm allein in Erfurt mindestens sechs konkrete Fälle bekannt; im Umland dürfte die Zahl höher liegen.
Auch der Familiennachzug kann scheitern. Eine aus Libyen stammende Beschäftigte wollte ihren noch dort lebenden Ehemann mithilfe einer Verpflichtungserklärung nach Deutschland holen. Dafür benötigte sie ein verlässliches Einkommen. Mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes ist dieser Plan vorerst nicht mehr möglich.
Die Schließung betrifft damit unter anderem:
- Beschäftigte, deren Aufenthalt an eine Erwerbstätigkeit gebunden ist,
- Arbeitnehmer mit nur kurzen Aufenthaltserlaubnissen,
- Menschen, die für einen Familiennachzug ein festes Einkommen nachweisen müssen,
- angelernte Mitarbeiter ohne anerkannten Berufsabschluss,
- Beschäftigte mit noch geringen Deutschkenntnissen,
- Familien, die vollständig vom Zalando-Einkommen abhängig sind.
Die Fälle zeigen zugleich ein grundsätzliches Problem der deutschen Einwanderungs- und Arbeitsmarktpolitik. Menschen werden rasch in einfache Beschäftigung vermittelt, erhalten während dieser Zeit aber nicht immer ausreichend Gelegenheit, Sprache und berufliche Qualifikationen nachzuholen. Fällt der Arbeitsplatz weg, fehlt häufig die Grundlage für einen schnellen Wechsel in einen anderen Betrieb.
Betriebsrat forderte Transfergesellschaft
Nach langen und konfliktreichen Verhandlungen wurde am 9. Juli ein Sozialplan beschlossen. Er sieht unter anderem Abfindungen und Zuschläge für fest angestellte Mitarbeiter vor. Zalando hat für die Schließung und damit verbundene Risiken Rückstellungen in Höhe von 80 Millionen Euro gebildet. Die rund 300 befristet Beschäftigten, deren Verträge auslaufen, profitieren jedoch nicht im gleichen Umfang von den vereinbarten Leistungen.
Der Betriebsrat hatte zusätzlich eine Transfergesellschaft verlangt. In einer solchen Einrichtung hätten Beschäftigte für einen begrenzten Zeitraum weiterqualifiziert, beruflich beraten und auf neue Stellen vorbereitet werden können. Für ausländische Mitarbeiter wären dort auch Sprachkurse möglich gewesen.
„Für viele unserer Mitarbeitenden wäre es ein guter Übergang zu einer längerfristigen nächsten Beschäftigung“, erklärte Betriebsrätin Jana Clausen.
Zalando lehnte die Transfergesellschaft letztlich ab. Zu Beginn der Schließungsdebatte hatte die Konzernführung noch angekündigt, eine solche Möglichkeit mit dem Betriebsrat besprechen zu wollen. Das Unternehmen verweist nun auf mehrsprachige Beratungsangebote, Unterstützung im Kontakt mit Behörden und ein Büro der Bundesagentur für Arbeit direkt am Standort.
Außerdem können Beschäftigte versuchen, an andere Zalando-Standorte zu wechseln. Genannt wurde insbesondere das Logistikzentrum im hessischen Gießen. Für viele Arbeitnehmer ist ein Umzug jedoch keine einfache Lösung. Familien, Wohnungen, Schulen, Freundeskreise und laufende Behördenverfahren befinden sich in Thüringen.
Mehr als 22 Millionen Euro öffentliche Förderung
Politisch brisant bleibt, dass der Erfurter Standort beim Aufbau mit mehr als 22 Millionen Euro staatlicher Förderung unterstützt wurde. Die damalige Zweckbindung ist nach Angaben des Thüringer Wirtschaftsministeriums inzwischen ausgelaufen, sodass eine Rückforderung rechtlich nicht ohne Weiteres möglich ist.
Für Thüringen stellt sich dennoch die Frage, welche Gegenleistung von großen Unternehmen erwartet werden darf, wenn Standorte mit Steuergeld aufgebaut werden. Zalando hielt trotz Protesten an der Schließung fest und bezeichnete sie als notwendige unternehmerische Entscheidung. Die für den Standort eingesetzten Fördermittel, die jahrelange Arbeit der Belegschaft und die regionale Abhängigkeit spielen in der wirtschaftlichen Konzernplanung offenbar keine entscheidende Rolle mehr.
Der Standort war der einzige konzerneigene Zalando-Logistikbetrieb dieser Größenordnung in Ostdeutschland. Mit seiner Aufgabe verliert Thüringen nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch eine zentrale Anlaufstelle für Menschen, die andernorts wegen fehlender Sprachkenntnisse oder nicht anerkannter Abschlüsse kaum eingestellt wurden.
Für die Arbeitsverwaltung bleibt bis Ende September wenig Zeit. Unternehmen aus der Region haben sich bereits auf kleineren Jobmessen vorgestellt. Doch gerade Beschäftigte mit schwachen Deutschkenntnissen berichten, dass sie dort kaum Chancen erhielten. Ein ehemaliger Mitarbeiter schilderte, er sei bei der Suche nach einer neuen Stelle wiederholt an der Sprache gescheitert. Erst ein langfristiger Deutschkurs eröffne ihm nun eine neue Perspektive.
Quellen & Datenbasis
- MDR Thüringen: „Wie das Zalando-Aus migrantische Beschäftigte trifft“, 26. Juli 2026
- MDR Thüringen: Sozialplan für das Zalando-Logistikzentrum, 9. Juli 2026
- Tagesschau: Ankündigung der Standortschließung vom 8. Januar 2026
- Zalando: Angaben zur Neuausrichtung des europäischen Logistiknetzes
- Betriebsrat des Zalando-Standorts Erfurt und Integrationsbeauftragter der Stadt Erfurt