In Dresden werden Hilfseinsätze geplant, Wasserprojekte koordiniert und Bildungsangebote für Schulen entwickelt. Doch die finanzielle Grundlage dieser Arbeit wird unsicherer. Arche Nova warnt, dass gekürzte oder auslaufende öffentliche Fördermittel internationale Projekte ebenso gefährden wie Bildungsarbeit in Sachsen. Eine unmittelbar bevorstehende Insolvenz ist nicht belegt – wohl aber eine Abhängigkeit, die bei jeder Haushaltskürzung zum Risiko wird.

Mehr Not, aber weniger verlässliches Geld

Nach einem Gespräch mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat Arche Nova öffentlich auf den wachsenden Finanzierungsdruck hingewiesen. Kürzungen und der Wegfall öffentlicher Fördermittel könnten internationale Hilfsprojekte sowie regionale Bildungsangebote gefährden, erklärte die Organisation. Welche konkreten Projekte bereits beendet oder in welchem Umfang Stellen abgebaut werden müssen, wurde dabei zunächst nicht mitgeteilt.

Arche Nova arbeitet seit 1992 von Dresden aus. Der Schwerpunkt liegt auf Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung sowie auf Katastrophenvorsorge, Ernährungssicherung und Bildung. Nach Angaben der Organisation war sie 2024 in 15 Ländern aktiv. Zu ihren Einsatzgebieten gehören unter anderem die Ukraine, Syrien, der Libanon, Mali, Äthiopien, Somalia, Kenia und Uganda.

Zuletzt liefen oder begannen unter anderem:

  • Trinkwasserversorgung für mehrere Tausend Menschen im Gazastreifen,
  • Nothilfe für Vertriebene im Libanon,
  • Wasser- und Hygienemaßnahmen in der Ukraine,
  • Bildungsangebote für syrische Flüchtlingskinder,
  • Projekttage und Beratungsangebote zur nachhaltigen Entwicklung in Sachsen.

Der Widerspruch ist offensichtlich: Kriege, Vertreibung und Klimafolgen erhöhen den Bedarf. Gleichzeitig stehen humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit in den öffentlichen Haushalten unter wachsendem Spardruck.

„Wir brauchen deshalb ein klares Signal, dass humanitäre Hilfe, Bildung für nachhaltige Entwicklung und zivilgesellschaftliches Engagement auch künftig politisch gewollt und unterstützt werden.“

Mit diesen Worten fordert Geschäftsführer Jens Ola langfristigen politischen Rückhalt.

86 Prozent der Einnahmen kamen aus öffentlichen Mitteln

Wie abhängig Arche Nova von institutionellen Geldgebern ist, zeigt der zuletzt veröffentlichte ausführliche Finanzbericht. Im Jahr 2024 nahm die Organisation insgesamt rund 25,9 Millionen Euro ein. Davon stammten etwa 22,18 Millionen Euro aus Zuwendungen öffentlicher Stellen. Das entsprach rund 85,6 Prozent der gesamten Einnahmen. Hauptgeldgeber waren unter anderem das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.

Private Spenden beliefen sich 2024 auf knapp 1,3 Millionen Euro. Sie lagen damit rund 716.000 Euro unter dem Vorjahreswert. Die Organisation führt den Rückgang unter anderem darauf zurück, dass öffentlich stark wahrgenommene Großkatastrophen oft kurzfristig besonders viele Spenden auslösen. Bleibt eine solche Aufmerksamkeit aus, sinken die Einnahmen – obwohl bestehende Krisen weitergehen.

Die Finanzstruktur zeigt das Problem:

  • Öffentliche Zuwendungen sichern den Großteil der Projekte.
  • Private Spenden können einen plötzlichen Förderausfall kaum ersetzen.
  • Viele Förderungen sind zeitlich und zweckgebunden.
  • Personalkosten und lokale Partnerstrukturen können nicht beliebig kurzfristig reduziert werden.
  • Anschlussanträge bieten keine Garantie auf eine Weiterfinanzierung.

Zum Bilanzstichtag 2024 beschäftigte der Verein 58 hauptamtliche Mitarbeiter, einschließlich Beschäftigter im Ausland. Hinzu kamen 28 Honorarkräfte und zwei ehrenamtlich Tätige in der Geschäftsstelle. Das Netzwerk nennt aktuell rund 250 Beschäftigte, davon mehr als 200 in internationalen Teams. Die Zahlen beruhen auf unterschiedlichen Abgrenzungen und Zeitständen und sind deshalb nicht unmittelbar vergleichbar.

US-Finanzierung brach bereits 2025 abrupt weg

Wie schnell internationale Projekte unter Druck geraten können, zeigte sich bereits im März 2025. Damals wurde nach Angaben von Arche Nova eine US-Finanzierung für ein Hilfsprojekt in Syrien plötzlich eingestellt. Die Organisation musste die weitere Versorgung teilweise neu absichern.

Solche Ausfälle treffen nicht nur die Verwaltung in Dresden. In den Projektländern hängen daran häufig:

  • lokale Arbeitsplätze,
  • Wassertransporte und Brunnenbetrieb,
  • Verteilung von Lebensmitteln und Hygienematerial,
  • Unterricht für geflüchtete Kinder,
  • Verträge mit örtlichen Partnerorganisationen,
  • bereits begonnene Bau- und Wiederaufbaumaßnahmen.

Ein Förderstopp kann deshalb bedeuten, dass eine bestehende Infrastruktur nicht weiterbetrieben wird, obwohl der Bedarf unverändert bleibt. Besonders problematisch sind Projekte, bei denen lokale Gemeinden über Jahre Vertrauen aufgebaut und Personal ausgebildet haben.

Arche Nova versucht nach eigenen Angaben, das Risiko durch mehr Unternehmensspenden, Stiftungsmittel und dauerhafte private Förderer zu verringern. Im Jahr 2024 wurde dafür eigens eine Stelle für Unternehmens- und Stiftungsfundraising geschaffen. Eine solche Diversifizierung braucht jedoch Zeit und kann öffentliche Millionenförderungen kurzfristig nicht ersetzen.

Bildungsprogramm im Libanon als Beispiel

Beim Gespräch mit Ministerpräsident Kretschmer ging es besonders um ein seit 2017 vom Freistaat Sachsen gefördertes Bildungsprogramm für syrische Flüchtlingskinder im Libanon. Nach Angaben von Arche Nova erhielten dadurch mehr als 7.700 Kinder Zugang zu Bildungsangeboten. Die Organisation möchte die Zusammenarbeit verstetigen.

Das Projekt zeigt zugleich, wie Förderpolitik funktioniert: Eine über Jahre aufgebaute Struktur bleibt davon abhängig, dass Parlamente und Ministerien immer wieder neue Mittel bewilligen. Läuft die Finanzierung aus, endet nicht nur eine einzelne Überweisung. Gefährdet sind Unterrichtsorte, Lehrkräfte, lokale Partnerschaften und der Schulzugang von Kindern.

Der Libanon befindet sich zudem in einer schweren Wirtschafts- und Versorgungskrise. Seit der erneuten militärischen Eskalation im Frühjahr 2026 leistet Arche Nova dort zusätzlich Nothilfe für Vertriebene. Damit wächst der Bedarf ausgerechnet in dem Moment, in dem die Finanzierung unsicherer wird.

Ministerpräsident Kretschmer bezeichnete Arche Nova als einen der bedeutenden sächsischen Akteure der Entwicklungshilfe und würdigte das Engagement der Mitarbeiter und Ehrenamtlichen. Eine konkrete neue Förderzusage oder ein langfristiger Finanzierungsrahmen wurde nach dem Gespräch allerdings nicht öffentlich bekanntgegeben.

Auch Bildungsangebote in Sachsen stehen auf dem Spiel

Arche Nova arbeitet nicht ausschließlich im Ausland. In Sachsen organisiert der Verein Schulprojekttage, Fortbildungen, Beratung und Angebote zum Globalen Lernen sowie zur Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Seit 2014 unterhält die Organisation eine Fachpromotorenstelle für Globales Lernen. Außerdem ist sie eine von acht sächsischen Servicestellen für Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Angebote richten sich unter anderem an Schulen, Lehrer, Eltern, Jugendliche und außerschulische Bildungseinrichtungen.

Damit betrifft die Förderdebatte auch den Standort Dresden unmittelbar. Fallen Zuschüsse weg, können weniger Projekttage stattfinden, Beratungsstellen verschwinden oder befristete Stellen nicht verlängert werden.

Offen bleibt bislang:

  • Welche Förderprogramme 2026 konkret gekürzt wurden,
  • welche Bewilligungen Ende des Jahres auslaufen,
  • welche Projekte keine Anschlussfinanzierung erhalten,
  • wie viele Beschäftigte unmittelbar betroffen sind,
  • welche Summe Arche Nova für 2027 fehlt,
  • ob Sachsen zusätzliche Landesmittel bereitstellen wird.

Diese Angaben wären notwendig, um die tatsächliche Schwere der Lage abschließend beurteilen zu können. Der Begriff „finanzieller Druck“ beschreibt bislang ein deutliches Risiko, aber noch keine belegte Zahlungsunfähigkeit.

Kein Verwaltungsproblem, sondern eine politische Entscheidung

Hilfsorganisationen werden häufig aufgefordert, effizienter zu arbeiten und mehr private Spenden einzuwerben. Der Finanzbericht von Arche Nova zeigt jedoch, dass das grundlegende Problem nicht allein durch Einsparungen lösbar ist. Bei einem Finanzierungsanteil öffentlicher Stellen von mehr als 85 Prozent kann ein Verein Kürzungen in Millionenhöhe nicht mit Spendenläufen oder Einzelspenden ausgleichen.

Die Organisation erhielt für ihren Jahresabschluss 2024 einen uneingeschränkten Bestätigungsvermerk. Zudem trägt sie seit 1993 durchgehend das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen. Für das Jahr 2023 lag der Anteil der Werbe- und Verwaltungsausgaben laut DZI bei 3,35 Prozent und damit im niedrigen Bereich.

Die aktuelle Debatte ist deshalb weniger eine Frage vermeintlich zu hoher Verwaltungskosten. Sie ist eine politische Prioritätenentscheidung: Wie viel Geld stellen Bund und Länder für humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Bildungsarbeit bereit?

Für Arche Nova geht es um Planungssicherheit. Für die Betroffenen in den Projektländern geht es um Wasser, Hygiene, Nahrung und Bildung. Und für Dresden steht die Frage im Raum, ob eine international arbeitende Organisation ihre Strukturen am Standort dauerhaft halten kann.

Ein Lob des Ministerpräsidenten hilft bei der öffentlichen Anerkennung. Rechnungen, Arbeitsverträge und Hilfsprojekte lassen sich damit jedoch nicht finanzieren. Entscheidend wird sein, ob aus dem politischen Respekt eine verlässliche Förderung wird.

Quellen und Datenbasis

  • Arche Nova: Jahresbericht und Finanzbericht 2024 mit Angaben zu Einnahmen, öffentlichen Zuwendungen, Spenden, Personal und Projektfinanzierung.
  • Arche Nova und dpa: Angaben zum Gespräch mit Ministerpräsident Michael Kretschmer, zu gefährdeten Angeboten und zum Bildungsprogramm im Libanon.
  • Arche Nova: aktuelle Projektinformationen aus Gaza und dem Libanon sowie Angaben zur Bildungsarbeit in Sachsen.
  • Aktion Deutschland Hilft: Profil, Beschäftigtenzahl und Arbeitsschwerpunkte der Dresdner Organisation.