Auf Bahnreisende im Havelland kommt eine erheblich längere Streckensperrung zu als zunächst angekündigt. Die Verbindung zwischen Wustermark, Rathenow und Stendal soll ab Oktober nicht zwei, sondern 14 Monate unterbrochen werden. In Rathenow und im Landkreis wächst die Sorge vor einer weitgehenden Abkopplung vom Schienenverkehr.

Aus zwei Monaten werden 14 Monate

Ursprünglich war vorgesehen, den betroffenen Abschnitt der Strecke Berlin–Lehrte für rund zwei Monate zu sperren. Nun teilte die Deutsche Bahn mit, dass die Regionalverkehrsstrecke voraussichtlich bis Dezember 2027 nicht wie geplant genutzt werden kann.

Für Rathenow bedeutet dies, dass die regulären Züge der Linie RE4 über mehr als ein Jahr nicht fahren. Fahrgäste müssen auf Busse und alternative Verbindungen ausweichen. Der Regionalexpress ist für viele Menschen die wichtigste Verbindung zu Arbeitsplätzen, Schulen und Behörden.

Landrat Roger Lewandowski bezeichnete die angekündigte Dauer als Schock für die Region. Der Landkreis werde faktisch vom Bahnverkehr abgekoppelt. Er fordert die Deutsche Bahn auf, die Planung zu überprüfen und die Sperrzeit deutlich zu verkürzen.

Bürgermeister spricht von einer Katastrophe

Auch Rathenows Bürgermeister Jörg Zietemann reagierte mit scharfer Kritik. Für Pendler sei die lange Unterbrechung eine erhebliche Belastung. Zugleich treffe sie Unternehmen, die auf erreichbare Arbeitsplätze und eine funktionierende Verbindung nach Berlin und in Richtung Sachsen-Anhalt angewiesen seien.

Besonders kritisiert wird die kurzfristige Kommunikation. Kommunen und Fahrgäste seien lange von einer zweimonatigen Sperrung ausgegangen. Erst wenige Wochen vor dem geplanten Baubeginn sei deutlich geworden, dass die Einschränkungen bis Ende 2027 dauern sollen.

Ein Ersatzverkehr mit Bussen kann nach Einschätzung der Kommunalpolitiker die Leistungsfähigkeit einer Regionalzugverbindung nicht vollständig ausgleichen. Busse benötigen im Straßenverkehr meist länger, bieten weniger Platz und sind anfälliger für Staus.

Bahn räumt zu optimistische Planung ein

Die Deutsche Bahn begründet die Verlängerung mit mehreren Verzögerungen. Nach eigener Darstellung wurde der ursprüngliche Zeitplan zu optimistisch angesetzt. Hinzu kommen später als erwartet erteilte Planfeststellungsbeschlüsse.

Als weiteren Grund nennt das Unternehmen technische Abhängigkeiten zwischen der Lehrter Stammbahn und der parallel verlaufenden Schnellfahrstrecke. Die Einbindung der Leit- und Sicherungstechnik sei komplexer als zunächst angenommen.

Ursprünglich sollte die Regionalstrecke bereits wieder genutzt werden, während die Arbeiten an der Schnellfahrstrecke fortgesetzt werden. Dieser Plan lässt sich nun nicht umsetzen. Die notwendigen Leitungen, Anlagen und Umspannwerke sollen nach dem derzeitigen Stand erst Ende 2027 vollständig fertig sein.

Pendler brauchen verlässlichen Ersatz

Für das Havelland stellt sich nun die Frage, wie der Ersatzverkehr organisiert wird. Dabei geht es nicht nur um die Zahl der Busse, sondern auch um Anschlüsse, Fahrzeiten und die Erreichbarkeit kleinerer Orte.

Berufspendler benötigen frühmorgens und am Abend ausreichend Kapazitäten. Auch für Schüler, Auszubildende, ältere Menschen und Reisende mit eingeschränkter Mobilität müssen verlässliche Verbindungen geschaffen werden.

Die lange Sperrung könnte zudem den Straßenverkehr belasten, wenn mehr Pendler auf das Auto umsteigen. Schon heute sind wichtige Zufahrten nach Berlin zu den Hauptverkehrszeiten stark ausgelastet.

Forderung nach neuem Zeitplan

Landkreis und Stadt erwarten nun konkrete Angaben darüber, welche Bauabschnitte tatsächlich die vollständige Sperrung erfordern. Zu prüfen wäre, ob zeitweise ein eingeschränkter Zugbetrieb oder eine abschnittsweise Öffnung möglich ist.

Bislang bleibt es jedoch bei der Ankündigung einer 14-monatigen Unterbrechung. Für die Region ist damit nicht nur die Bauplanung der Bahn, sondern auch deren Kommunikation zum politischen Thema geworden.

Die Verantwortlichen im Havelland wollen sich mit der Entscheidung nicht abfinden. Aus ihrer Sicht muss die Deutsche Bahn entweder die Sperrzeit verkürzen oder einen Ersatzverkehr bereitstellen, der den täglichen Bedarf der Region tatsächlich abdeckt.

Quellen

Bericht zur 14-monatigen Sperrung der RE4-Strecke, 10. September 2026; schriftliche Stellungnahme der Deutschen Bahn