Wer vor dem imposanten Hauptgebäude des Bauhauses in Dessau-Roßlau steht und den Blick über die transparente Glasvorhangfassade schweifen lässt, spürt sofort den Geist des Aufbruchs. Was hier in den 1920er Jahren entstand, war nichts Geringeres als ein radikaler Bruch mit den überladenen Ornamenten des Historismus und der Kaiserzeit.
Das Bauhaus – gegründet 1919 in Weimar (Thüringen) und von 1925 bis 1932 in Dessau (Sachsen-Anhalt) zu seiner höchsten Blüte geführt – war Laboratorium, Kunstschule und Werkstatt zugleich. Die Vision von Gründer Walter Gropius war klar: Kunst, Handwerk und moderne Industrietechnik sollten verschmelzen, um schöne, funktionale und bezahlbare Alltagsgegenstände für breite Bevölkerungsschichten zu schaffen.
Inhaltsübersicht
Aufbruch in Weimar: Die Geburtsstunde einer Idee
Blütezeit in Anhalt: Warum Dessau zur Ikone der Moderne wurde
Das Leben in den Meisterhäusern: Wo Klee, Kandinsky und Breuer schufen
Schließung und weltweiter Triumph: Die Vertreibung der Idee
Ortspunkte: Das UNESCO-Welterbe Bauhaus hautnah erleben
Leser-Aufruf: Wie viel Bauhaus steckt in deinem Alltag?
Aufbruch in Weimar: Die Geburtsstunde einer Idee
Im April 1919 vereinigte der Architekt Walter Gropius in Weimar die Großherzoglich-Sächsische Hochschule für Bildende Kunst mit der Kunstgewerbeschule zum Staatlichen Bauhaus Weimar. Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs suchte eine junge Generation von Künstlern nach einem Neuanfang.
Im berühmten Vorkurs lernten die Studierenden unter Meistern wie Johannes Itten, Wassily Kandinsky, Paul Klee und Lyonel Feininger, Materialien rein aus ihren Eigenschaften heraus zu verstehen. Hier entstand 1923 mit dem Musterhaus Am Horn das erste Versuchshaus, das bereits alle Grundzüge des modernen Bauens vorwegnahm.
Blütezeit in Anhalt: Warum Dessau zur Ikone der Moderne wurde
Politische Anfeindungen konservativer Kräfte zwangen das Bauhaus 1925 zum Umzug nach Dessau. Die aufstrebende Industriestadt bot ideale Bedingungen: eine aufgeschlossene Stadtführung und eine florierende Industrie.
In Dessau entwarf Gropius das berühmte Bauhausgebäude mit seinen getrennten Trakten für Lehre, Werkstätten und Atelierwohnungen. Es folgte die Siedlung Dessau-Törten, ein Pionierprojekt für den kostengünstigen, seriellen Wohnungsbau. In den Werkstätten entstanden Designikonen wie der Stahlrohrsessel Wassily von Marcel Breuer, die Marianne-Brandt-Aschenbecher oder die schlichte Bauhaus-Tapete, die zum kommerziell erfolgreichsten Produkt der Schule wurde.
Das Leben in den Meisterhäusern: Wo Klee, Kandinsky und Breuer schufen
Nur wenige Gehminuten vom Schulgebäude entfernt ließ Gropius im Kiefernwald die Meisterhäuser errichten – weiße, kubische Doppelhäuser für die Lehrenden.
Hier lebten und arbeiteten Künstlerpersönlichkeiten wie Wassily Kandinsky, Paul Klee, Lyonel Feininger, Georg Muche und László Moholy-Nagy Wand an Wand. Die Meisterhäuser dienten als Reallabor für modernes Wohnen, neuartige Farbgestaltungen im Innenraum und eingebaute Funktionsmöbel.
Schließung und weltweiter Triumph: Die Vertreibung der Idee
Unter dem Druck der Nationalsozialisten musste das Bauhaus Dessau 1932 schließen. Nach einem kurzen Ausweichversuch als private Schule in Berlin lösten die Nationalsozialisten die Institution 1933 endgültig auf.
Doch der Versuch, die moderne Idee zu vernichten, bewirkte das Gegenteil: Die Meister und Schüler emigrierten in alle Welt – nach Chicago, Harvard, Tel Aviv oder Basel – und trugen den Bauhaus-Gedanken in die globale Architektur- und Designwelt.
Ortspunkte: Das UNESCO-Welterbe Bauhaus hautnah erleben
Wer auf den Spuren der Moderne in Sachsen-Anhalt und Thüringen reisen möchte, findet weltberühmte Bauwerke:
Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt): Das Bauhausgebäude, die Meisterhäuser, die Siedlung Törten sowie das 2019 eröffnete, hochmoderne Bauhaus Museum Dessau im Stadtzentrum mit der zweitgrößten Sammlung weltweit.
Weimar (Thüringen): Das Bauhaus-Museum Weimar direkt am Gründungsort, das Musterhaus Am Horn sowie das historische Hauptgebäude der heutigen Bauhaus-Universität.
Leser-Aufruf: Wie viel Bauhaus steckt in deinem Alltag?
Schätzt du klare Linien bei Möbeln, besitzt du einen Klassiker wie die Wagenfeld-Leuchte oder hast du die Meisterhäuser in Dessau besucht?
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