Wer durch die Dörfer rund um Cottbus oder im Spreewald fährt, stößt auf Schritt und Tritt auf sie: zweisprachige Ortsschilder, auf denen neben den deutschen Namen die niedersorbischen Bezeichnungen prangen – Chóśebuz statt Cottbus, Bórkowy statt Burg. Die Sorben und Wenden sind die kleinste slawische Volksgruppe Europas, seit mehr als 1.400 Jahren in der Lausitz verwurzelt. Doch kaum eine Gemeinschaft hat unter dem Hunger des Braunkohlebergbaus so gelitten wie sie.

Über 130 Dörfer und Siedlungen wurden im vergangenen Jahrhundert für die Tagebaue abgebaggert. Mit jeder geräumten Hofstelle ging nicht nur Wohnraum verloren, sondern auch das soziale Gefüge, in dem die sorbische Sprache und ihre Bräuche über Generationen ganz natürlich von den Großeltern an die Enkel weitergegeben wurden.

Das Ende der Zerstörung als Wendepunkt

Mit dem beschlossenen Ende der Kohleförderung fällt ein gigantischer Unsicherheitsfaktor weg: Keines der verbliebenen Dörfer steht mehr vor der Bedrohung der Devastierung.

Für den Dachverband Domowina und die sorbische Zivilgesellschaft ist das der Startschuss für eine Wiederbelebung. Doch die Herausforderungen haben sich verlagert. Der größte Gegner ist heute nicht mehr der Schaufelradbagger, sondern der schleichende Assimilationsdruck und der Demografie-Wandel.

  • Niedersorbisch vor dem Aus sterben? Während das Obersorbische in der sächsischen Oberlausitz (rund um Bautzen und Kamenz) durch lebendige Sprachinseln noch vergleichsweise stark verankert ist, gilt das Niedersorbische in Brandenburg als akut gefährdet.

  • Sprachförderung ab der Kita: Mit Modellprojekten wie „Witaj“ („Willkommen“) versuchen Kitas und Schulen in Cottbus und Umgebung, Kinder von klein auf zweisprachig aufziehen zu lassen.

Strukturwandel-Milliarden für die Kultur nutzen

Im Zuge des milliardenschweren Strukturwandels fordern die Vertreter der Minderheit, dass Kultur und Sprache nicht als Beiwerk behandelt werden, sondern als echter Standortvorteil.

„Wir sind keine Trachtengruppe für das Freilichtmuseum, sondern eine lebendige Gemeinschaft mit eigener Sprache und Geschichte“, betont eine Kulturvermittlerin aus dem Spree-Neiße-Kreis. „Wenn Geld in die Lausitz fließt, muss es auch in sorbische Medien, digitale Sprachlern-Apps und den Erhalt von Begegnungsstätten fließen. Das gibt der Region erst ihr unverwechselbares Gesicht, das sie von jeder anderen Industrieregion unterscheidet.“

Junge Sorben zwischen Tradition und Moderne

Eine neue Generation junger Sorben bricht verstaubte Klischees auf. Statt das Brauchtum nur zu Ostern oder zur Vogelhochzeit zu pflegen, nutzen junge Künstler, Musiker und Netzwerker Social Media, Indie-Pop und modernes Design, um ihre Identität neu zu interpretieren.

Sie sehen im Wandel der Lausitz die Chance, die Region als zweisprachiges, weltoffenes Herz Mitteleuropas zu positionieren – eingebettet zwischen Deutschland, Polen und der Tschechischen Republik. Die Braunkohle mag Geschichte sein, die Sprache und Kultur der Sorben soll es keineswegs werden.

Quellen & Datenbasis

  • Domowina – Bund Lausitzer Sorben e.V.: Positionspapier zur Rolle der sorbischen Minderheit im Strukturwandel der Lausitz.

  • Stiftung für das sorbische Volk: Tätigkeitsbericht und Sprachförderungs-Evaluierung (Stand: 2026).

  • Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg: Forschungsarbeiten zu kultureller Identität im Niederlausitzer Raum.