Deutschland hat gerade den 36. Jahrestag seiner Wiedervereinigung gefeiert. Die innerdeutsche Grenze ist Geschichte, eine ganze Generation kennt die DDR nur noch aus Erzählungen, Büchern oder Museen. Und dennoch ist die Frage nach Ost und West politisch und gesellschaftlich keineswegs verschwunden.

Ausgerechnet rund um den Tag der Deutschen Einheit hat die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, eine Debatte eröffnet, die weit über Symbolpolitik hinausreichen könnte: Warum sollte das nächste Staatsoberhaupt nicht eine Frau aus Ostdeutschland sein?

Die Frage kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier näher rückt. Am 30. Januar 2027 tritt die Bundesversammlung zusammen, um ein neues Staatsoberhaupt zu wählen. Steinmeiers zweite Amtszeit endet am 18. März 2027.

Damit ist die Suche nach seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger längst mehr als eine theoretische Personalfrage.

Kaiser bringt ostdeutsche Bundespräsidentin ins Gespräch

Elisabeth Kaiser argumentiert dabei nicht allein mit Geschlecht oder Herkunft. Ihre Forderung berührt ein Problem, das Deutschland seit Jahrzehnten begleitet: Wer sitzt dort, wo die wichtigsten Entscheidungen getroffen werden?

Kaiser verweist darauf, dass derzeit keine der Spitzen der zentralen Verfassungsorgane aus Ostdeutschland stammt. Das könne bei Menschen im Osten den Eindruck verstärken, bei der Führung des Landes nicht ausreichend vertreten zu sein.

Eine ostdeutsche Bundespräsidentin wäre deshalb ein starkes Symbol.

Doch ein Symbol allein würde die weiterhin bestehenden Unterschiede zwischen Ost und West nicht beseitigen.

Denn 36 Jahre nach dem 3. Oktober 1990 zeigen die Zahlen ein widersprüchliches Bild. Ostdeutschland hat wirtschaftlich erheblich aufgeholt. Städte wurden saniert, neue Industrien entstanden, Hochschulen und Forschungsstandorte entwickelten sich und die Arbeitslosigkeit liegt längst nicht mehr auf dem Niveau der schwierigen Nachwendejahre.

Gleichzeitig bleiben Unterschiede bestehen, die sich nicht mit einem einzigen Feiertag wegdiskutieren lassen.

Fast 9.500 Euro Unterschied beim Jahresverdienst

Besonders sichtbar wird das beim Einkommen.

Der mittlere Bruttojahresverdienst von Vollzeitbeschäftigten lag 2025 in den ostdeutschen Bundesländern ohne Berlin bei 46.013 Euro. In Westdeutschland waren es 55.435 Euro.

Das sind mehr als 9.400 Euro Unterschied im Jahr.

Die Lohnlücke ist damit zwar deutlich kleiner als unmittelbar nach der Wiedervereinigung, aber sie ist weiterhin vorhanden.

Auch Thomas de Maizière, der am Tag der Deutschen Einheit im Sächsischen Landtag sprach, machte deutlich, dass die staatliche Einheit zwar vollzogen sei, bei Einkommen, Vermögen und Erbschaften aber weiterhin Unterschiede bestünden.

Genau hier liegt ein Kern der Debatte.

Deutschland ist politisch seit 1990 ein Land. Die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen vieler Familien unterscheiden sich jedoch bis heute.

Beim Erben wird der Abstand besonders deutlich

Noch größer als bei den laufenden Einkommen ist das Gefälle beim Vermögen.

Das lässt sich besonders deutlich an Erbschaften und Schenkungen erkennen.

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes entfielen im Jahr 2025 rund 95 Prozent des Gesamtwertes der steuerlich erfassten Erbschaften und Schenkungen auf die westlichen Bundesländer.

Dort wurden Vermögensübertragungen im Wert von rund 142,5 Milliarden Euro veranlagt. In den ostdeutschen Ländern einschließlich Berlin waren es rund acht Milliarden Euro.

Diese Zahlen lassen sich nicht eins zu eins auf das Vermögen jeder einzelnen Familie übertragen. Schon wegen der unterschiedlichen Bevölkerungszahlen wäre ein einfacher Vergleich irreführend.

Doch sie machen sichtbar, wie stark jahrzehntelang aufgebautes Vermögen noch immer nachwirkt.

Westdeutsche Familien konnten Immobilien, Unternehmen, Grundstücke und Kapital über Generationen hinweg weitergeben. In der DDR bestanden diese Möglichkeiten in wesentlich geringerem Umfang.

Die Folgen davon verschwinden nicht innerhalb einer Generation.

Mehr Ostdeutsche in Führungspositionen – aber noch keine Gleichverteilung

Auch auf den Führungsetagen hat sich die Lage verändert.

Nach dem aktuellen Bericht der Ostbeauftragten stieg der Anteil Ostdeutscher unter den Führungskräften der obersten Bundesbehörden seit 2022 von 13,9 auf 16,3 Prozent.

Das ist ein Fortschritt.

Gleichzeitig bleibt der Anteil unter dem Bevölkerungsanteil der ostdeutschen Länder.

Kaiser fordert deshalb mehr Ostdeutsche dort, wo Entscheidungen getroffen werden – nicht nur in Ministerien und Behörden, sondern ebenso in Unternehmen, Wissenschaft, Justiz, Kultur und Medien.

Die Diskussion darüber ist älter als die aktuelle Bundesregierung.

Sie berührt einen empfindlichen Punkt der deutschen Einheit: Reicht es aus, wenn die Lebensverhältnisse wirtschaftlich immer ähnlicher werden, oder muss sich Einheit auch in den Führungsetagen des Landes widerspiegeln?

Ein Bundespräsident aus dem Osten war schon einmal Realität

Ein ostdeutsches Staatsoberhaupt wäre dabei kein historisches Novum.

Joachim Gauck, geboren in Rostock und einst Bürgerrechtler in der DDR, war von 2012 bis 2017 Bundespräsident.

Eine Frau aus Ostdeutschland hat das Amt dagegen noch nie bekleidet.

Wer 2027 tatsächlich kandidieren wird, ist offen. Der Bundespräsident wird zudem nicht direkt von den Bürgern gewählt. Darüber entscheidet die Bundesversammlung, die aus den 630 Mitgliedern des Bundestages und ebenso vielen von den Ländern entsandten Mitgliedern besteht.

Eine Forderung der Ostbeauftragten ist deshalb noch lange keine Kandidatur.

Sie setzt jedoch ein Thema auf die politische Tagesordnung.

Symbol oder tatsächlicher Fortschritt?

Genau an diesem Punkt beginnt die schwierigere Debatte.

Würde eine ostdeutsche Bundespräsidentin die Einheit Deutschlands voranbringen?

Für Befürworter einer stärkeren Repräsentation wäre die Besetzung des höchsten Staatsamtes ein sichtbares Signal: Herkunft aus Ostdeutschland ist kein Hindernis für den Weg an die Spitze der Bundesrepublik.

Kritiker einer solchen Betrachtung können dagegen einwenden, dass die Herkunft bei der Auswahl des Staatsoberhauptes nicht entscheidend sein sollte. Maßgeblich müssten Persönlichkeit, Erfahrung und die Fähigkeit sein, das gesamte Land zu vertreten.

Beides muss sich allerdings nicht zwingend widersprechen.

Die zentrale Frage lautet vielmehr, warum bestimmte Biografien in Spitzenpositionen noch immer seltener vorkommen als andere.

Eine neue Generation verändert den Blick auf Ost und West

Gleichzeitig verändert sich die Gesellschaft.

Millionen Deutsche, die heute Verantwortung in Unternehmen, Verwaltungen, Medien und Politik übernehmen, waren zur Wiedervereinigung Kinder oder noch gar nicht geboren.

Für sie ist Deutschland selbstverständlich ein gemeinsamer Staat.

Thomas de Maizière formulierte es bei der Feierstunde in Dresden sinngemäß so: Eine neue Generation Ostdeutscher fordere Augenhöhe nicht mehr ein, sondern lebe sie.

Das könnte langfristig stärker verändern als jede staatliche Fördermaßnahme.

Denn Einheit bedeutet nicht, dass Unterschiede zwischen Regionen verschwinden müssen. Bayern und Schleswig-Holstein unterscheiden sich ebenfalls erheblich, genauso Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern.

Problematisch wird es dort, wo Herkunft dauerhaft über Chancen entscheidet.

36 Jahre später ist die Einheit noch immer ein Prozess

Der Blick auf Deutschland im Jahr 2026 liefert deshalb kein einfaches Ergebnis.

Die großen wirtschaftlichen Brüche der Nachwendezeit liegen Jahrzehnte zurück. Die Rentensysteme sind angeglichen, die Infrastruktur wurde grundlegend modernisiert und viele ostdeutsche Regionen haben sich zu erfolgreichen Industrie-, Wissenschafts- und Technologiestandorten entwickelt.

Gleichzeitig zeigen Einkommen, Vermögen, Erbschaften und die Besetzung von Spitzenpositionen, dass die Geschichte vor 1990 noch immer wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen hat.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis 36 Jahre nach der Wiedervereinigung.

Die Deutsche Einheit war am 3. Oktober 1990 staatsrechtlich vollzogen.

Gesellschaftliche Einheit lässt sich dagegen nicht an einem Datum festmachen.

Sie entsteht dort, wo Herkunft immer weniger darüber entscheidet, wie weit ein Mensch kommen kann.

Ob im Schloss Bellevue ab März 2027 tatsächlich erstmals eine Frau aus Ostdeutschland einzieht, ist derzeit vollkommen offen.

Die Debatte darüber hat jedoch bereits begonnen.

Und sie stellt eine Frage, die größer ist als die Person des nächsten Bundespräsidenten:

Wann ist Deutschland nicht nur auf der Landkarte, sondern auch bei Chancen, Vermögen und Verantwortung wirklich gleichberechtigt?