Berlin – Am 3. Oktober feiert Deutschland 36 Jahre Wiedervereinigung.
Eine ganze Generation kennt die deutsche Teilung nur noch aus Geschichtsbüchern, Filmen und den Erzählungen der Eltern oder Großeltern.
Autobahnen, Schienen, Innenstädte und Unternehmen in Ostdeutschland haben sich seit 1990 grundlegend verändert. Gleichzeitig zeigen aktuelle Zahlen: Wirtschaftlich und gesellschaftlich sind die Unterschiede zwischen Ost und West kleiner geworden – verschwunden sind sie aber nicht.
Löhne haben stark aufgeholt
Beim Einkommen hat Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung einen gewaltigen Aufholprozess erlebt.
1991 verdienten Vollzeitbeschäftigte in den ostdeutschen Ländern durchschnittlich lediglich 924 Euro brutto im Monat.
Im Westen waren es damals 1.987 Euro.
Bis 2024 stiegen die durchschnittlichen Bruttomonatsverdienste im Osten auf 3.973 Euro.
Im Westen lagen sie bei durchschnittlich 4.810 Euro.
Damit verdienen Arbeitnehmer im Westen weiterhin gut ein Fünftel mehr.
Der Unterschied ist also erheblich kleiner geworden, aber auch nach mehr als drei Jahrzehnten noch sichtbar.
Beim verfügbaren Einkommen ist die Lücke kleiner
Ein ähnliches Bild zeigt sich beim sogenannten Nettoäquivalenzeinkommen.
Das mittlere Einkommen stieg in Ostdeutschland und Berlin zwischen 2008 und 2024 besonders kräftig.
2024 lag der Median in den östlichen Ländern bei knapp 25.900 Euro im Jahr.
In Westdeutschland waren es gut 28.100 Euro.
Der Unterschied betrug damit rund 2.200 Euro.
Größte Lücke bleibt beim Vermögen
Deutlich stärker als bei den laufenden Einkommen unterscheiden sich Ost und West weiterhin beim angesammelten Vermögen.
Die Gründe reichen bis weit vor die Wiedervereinigung zurück.
Immobilienbesitz, Unternehmensvermögen, Kapitalanlagen und Erbschaften konnten sich über Generationen unterschiedlich entwickeln.
Nach Daten des Statistischen Bundesamtes verfügten westdeutsche Haushalte 2018 im Durchschnitt über ein Nettogesamtvermögen von rund 182.000 Euro.
Bei ostdeutschen Haushalten einschließlich Berlin waren es rund 88.000 Euro.
Damit war das durchschnittliche Vermögen im Westen weiterhin mehr als doppelt so hoch.
Erbschaften zeigen Unterschied besonders deutlich
Noch größer fällt das Gefälle bei größeren Erbschaften und Schenkungen aus.
2024 wurden in Deutschland steuerlich erfasste Vermögensübertragungen von insgesamt 113,2 Milliarden Euro registriert.
Davon entfielen 106,4 Milliarden Euro auf die westlichen Bundesländer.
Auf die ostdeutschen Bundesländer einschließlich Berlin entfielen lediglich 6,8 Milliarden Euro.
Pro Einwohner lag das steuerlich erfasste vererbte oder verschenkte Vermögen im Westen bei knapp 1.600 Euro.
Im Osten einschließlich Berlin waren es gut 400 Euro.
Damit besteht bei der Weitergabe von Vermögen zwischen Generationen weiterhin ein erheblicher Unterschied.
Ostdeutschland ist deutlich älter
Auch demografisch haben sich die beiden Landesteile unterschiedlich entwickelt.
1990 war die ostdeutsche Bevölkerung sogar jünger als die westdeutsche.
Inzwischen hat sich das Verhältnis umgekehrt.
2024 lag das Durchschnittsalter in den östlichen Flächenländern bei 47,6 Jahren.
In den westdeutschen Flächenländern waren es 44,5 Jahre.
Eine Ursache ist die starke Abwanderung insbesondere junger Menschen aus Ostdeutschland in den Jahren nach der Wiedervereinigung.
Hinzu kam der drastische Einbruch der Geburtenzahlen Anfang der 1990er-Jahre.
Abwanderung hat tiefe Spuren hinterlassen
Vor allem in den 1990er- und 2000er-Jahren verloren viele ostdeutsche Regionen große Teile ihrer jüngeren Bevölkerung.
Inzwischen ist die Situation differenzierter.
Großstädte wie Leipzig, Dresden, Potsdam oder Jena ziehen seit Jahren neue Einwohner an.
Viele ländliche Regionen kämpfen dagegen weiterhin mit Bevölkerungsverlust und Alterung.
2023 und 2024 wanderten zudem wieder etwas mehr Menschen aus den ostdeutschen in die westdeutschen Länder als in die Gegenrichtung.
Armutsrisiko hat sich angenähert
Bei der Armutsgefährdung haben sich Ost und West dagegen stark angenähert.
2008 galten in den östlichen Bundesländern und Berlin noch 22,9 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet.
Bis 2024 sank der Anteil auf 16,9 Prozent.
Im Westen stieg die Quote im gleichen Zeitraum von 12,8 auf 15,1 Prozent.
Damit beträgt der Unterschied inzwischen weniger als zwei Prozentpunkte.
Neue Industriezentren im Osten
Gleichzeitig ist in Ostdeutschland eine neue industrielle Struktur entstanden.
Dresden zählt heute zu den wichtigsten Halbleiterstandorten Europas.
Brandenburg hat sich zu einem Zentrum für Elektromobilität, Batterietechnik und erneuerbare Energien entwickelt.
In Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind ebenfalls neue Technologie- und Energieunternehmen entstanden.
Die wirtschaftliche Karte Ostdeutschlands sieht damit völlig anders aus als noch in den 1990er-Jahren.
Eine Generation kennt die Mauer nur aus Erzählungen
Für Menschen, die nach 1990 geboren wurden, ist Deutschland selbstverständlich ein gemeinsamer Staat.
Der aktuelle Bericht der Ostbeauftragten beschäftigt sich deshalb besonders mit der Frage, ob Herkunft dennoch weiterhin über Aufstiegschancen entscheidet.
Die Bundesregierung sieht insbesondere beim Vermögensaufbau und bei der Repräsentanz Ostdeutscher in Führungspositionen weiterhin Unterschiede.
Zusammengewachsen – aber nicht überall gleich
36 Jahre nach der Wiedervereinigung ergibt sich deshalb kein einfaches Bild.
Die großen Unterschiede bei Infrastruktur, Arbeitslosigkeit und Einkommen sind erheblich kleiner geworden.
Millionen Menschen leben, arbeiten, studieren und gründen Unternehmen längst unabhängig von der früheren innerdeutschen Grenze.
Gleichzeitig wirken historische Unterschiede beim Vermögen, bei Erbschaften und der Bevölkerungsentwicklung bis heute nach.
Die deutsche Einheit ist deshalb längst politische Realität.
Die vollständige wirtschaftliche und gesellschaftliche Angleichung ist dagegen auch nach 36 Jahren noch nicht abgeschlossen.