Am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau endet an diesem Freitag eine Intendanz – und wenige Stunden später beginnt eine neue. Philipp Bormann übernimmt am 1. August die Geschäftsführung und künstlerische Leitung des gemeinsamen Hauses. Für Zittau geht es dabei um mehr als einen Personalwechsel: Entscheidend ist, ob das Schauspielhaus seine Eigenständigkeit, sein Ensemble und seine Bedeutung für die südliche Oberlausitz behaupten kann.
Der Wechsel ist formal bis auf die Minute geregelt. Daniel Morgenroth wird zum 31. Juli 2026 um 24 Uhr als Geschäftsführer abberufen. Philipp Bormann übernimmt am 1. August um 0 Uhr die Leitung der Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau GmbH sowie der Theater-Servicegesellschaft. Den entsprechenden Personalentscheidungen hatten die beteiligten kommunalen Gremien zugestimmt.
Bormann kommt nicht von außen. Der gebürtige Hildesheimer arbeitet seit 2009 am Theater Görlitz-Zittau und leitete seit 2021 dessen Verwaltung. Er kennt damit nicht nur die künstlerischen Abläufe, sondern auch Haushaltspläne, Personalfragen und die komplizierte Struktur eines Vierspartenhauses mit zwei Produktionsstandorten.
Zittau bleibt das Zentrum des Schauspiels
Für die Stadt ist vor allem eine Frage entscheidend: Welche Rolle spielt das Haus am Theaterring künftig innerhalb der gemeinsamen Gesellschaft?
Das Schauspiel ist traditionell in Zittau beheimatet. Auch in der neuen Spielzeit sind dort mehrere Premieren und zahlreiche Vorstellungen vorgesehen. Zum Programm gehören unter anderem:
- die Komödie „Schöne Bescherungen“,
- „Johnny zieht in den Krieg“ nach Dalton Trumbos Roman,
- das Familienstück „Eine Woche voller Samstage“,
- die Uraufführung „Worte machen“,
- „Bäumels Tod oder Im Wald“ von Jaroslav Rudiš,
- „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ nach Erich Kästner.
Damit bleibt Zittau im veröffentlichten Spielplan ein eigenständiger Produktions- und Aufführungsort. Die Menge der Termine allein beantwortet jedoch noch nicht, wie stark der Standort langfristig innerhalb des Gesamtbetriebs bleibt.
Für Zittau zählen nicht nur Gastspiele und einzelne gut besuchte Abende. Wichtig sind ein festes Ensemble, eigene Premieren, Werkstätten, technische Arbeitsplätze und eine künstlerische Handschrift, die in der Stadt entsteht.
Neue Leitung setzt auf ein gemeinsames „Wir“
Die Spielzeit 2026/27 steht unter dem Motto „GRENZE MENSCH“. Damit will das Theater geografische, gesellschaftliche und persönliche Grenzen thematisieren. Das passt zu einem Haus, das nur wenige Kilometer von Polen und Tschechien entfernt arbeitet und seit Jahren grenzüberschreitende Projekte verfolgt.
Bormann hat angekündigt, Abgrenzungen innerhalb des Theaters zurückzudrängen. Gegenüber MDR Kultur beschrieb er seine Vorstellung mit den Worten:
„Über der Spielzeit steht kein Ich, sondern ein ganz großes Wir.“
Theater sei für ihn „ein großer Teamsport“.
Der Anspruch klingt verbindend. Für die Praxis bedeutet er jedoch eine anspruchsvolle Balance. Görlitz verfügt mit Musiktheater, Orchester und Tanz über einen großen Teil des Gesamtbetriebs. Zittau trägt vor allem das Schauspiel. Ein gemeinsames „Wir“ wird deshalb nur glaubwürdig sein, wenn beide Städte sichtbar profitieren und Entscheidungen nicht als schleichende Zentralisierung wahrgenommen werden.
Mit Martin Stefke übernimmt zudem ein neuer Schauspieldirektor, der zugleich stellvertretender künstlerischer Leiter wird. Auch die Tanzsparte erhält mit Wagner Moreira eine neue Führung. Der Intendanzwechsel bringt somit nicht nur einen neuen Geschäftsführer, sondern eine umfassendere personelle Neuordnung.
Künstlerischer Anspruch trifft auf Kostendruck
Bormann übernimmt das Theater in einer schwierigen Lage. Öffentliche Bühnen kämpfen bundesweit mit steigenden Personal-, Energie- und Produktionskosten. Für das Gerhart-Hauptmann-Theater kommt die besondere Struktur mit zwei Häusern, mehreren Sparten und zahlreichen Spielorten hinzu.
Bereits im Januar sprach der neue Intendant im Zusammenhang mit der sächsischen Theaterfinanzierung von „großen Problemen“. Gleichzeitig will er eine Mischung aus experimentellen Produktionen und Stücken anbieten, die ein breiteres Publikum erreichen.
Darin liegt der zentrale Konflikt seiner Amtszeit:
- Ein anspruchsvolles Vierspartenprogramm kostet Geld.
- Zittau und Görlitz erwarten jeweils eine angemessene Präsenz.
- Neue Zuschauergruppen sollen gewonnen werden.
- Gleichzeitig dürfen Stammgäste nicht verloren gehen.
- Kinder-, Jugend- und grenzüberschreitende Angebote müssen mitfinanziert werden.
- Künstlerische Experimente müssen sich mit Auslastung und Einnahmen messen lassen.
Ein Theater in einer ländlich geprägten Grenzregion kann nicht nach denselben Maßstäben arbeiten wie ein großes Haus in Berlin, Hamburg oder München. Seine Bedeutung liegt nicht allein in verkauften Eintrittskarten. Es ist Kulturort, Arbeitgeber, Bildungsstätte und ein Stück kommunaler Identität.
Gerade deshalb wird jede Sparrunde politisch. Was betriebswirtschaftlich als Zusammenlegung oder Effizienzsteigerung erscheint, kann vor Ort als Verlust von Selbstständigkeit und kultureller Substanz wahrgenommen werden.
Morgenroth wechselt nach Würzburg
Daniel Morgenroth hatte das Gerhart-Hauptmann-Theater seit 2021 geleitet. Mit Beginn der neuen Spielzeit wechselt er an das Mainfranken Theater Würzburg. Unter seiner Intendanz erhielten mehrere Produktionen überregionale Aufmerksamkeit. Nun übernimmt mit Bormann ein Mann, der den Betrieb bereits aus der Verwaltung kennt.
Das kann ein Vorteil sein. Bormann muss das Haus, seine Beschäftigten und die kommunalen Gesellschafter nicht erst kennenlernen. Zugleich wird er nun an anderen Maßstäben gemessen: nicht mehr nur an geordneten Abläufen und belastbaren Zahlen, sondern auch an künstlerischem Profil, Publikumserfolg und öffentlicher Präsenz.
Die erste Spielzeit zeigt bereits, dass Zittau nicht lediglich mit einem Restprogramm versorgt werden soll. Neben klassischen und familienfreundlichen Stoffen stehen Uraufführungen, politisches Schauspiel, Lesungen, Jazz und Konzerte auf dem Plan.
Was Zittau jetzt erwarten darf
Für die Stadt beginnt mit dem 1. August keine völlig neue Theaterära. Bormann ist seit vielen Jahren Teil des Hauses. Trotzdem verändert sich die Verantwortung grundlegend.
In den kommenden Monaten wird sich zeigen müssen:
- ob Zittau regelmäßig eigene Premieren behält,
- ob das Schauspielensemble personell stabil bleibt,
- ob junge Menschen stärker erreicht werden,
- ob grenzüberschreitende Produktionen ausgebaut werden,
- ob Besucherzahlen und Einnahmen stabilisiert werden können,
- und wie offen die Leitung über finanzielle Schwierigkeiten informiert.
Der Standort Zittau hat eine lange Theatertradition und verfügt mit dem Haus am Theaterring über eine feste kulturelle Institution. Ein Intendant allein kann deren Zukunft nicht sichern. Dafür braucht es auch verlässliche Entscheidungen von Stadt, Landkreis, Kulturraum und Freistaat.
Der Führungswechsel ist dennoch ein wichtiger Moment. Philipp Bormann übernimmt ein Theater, das zwei Städte miteinander verbinden soll, ohne eine von beiden kulturell kleiner zu machen. Ob das gelingt, wird sich besonders in Zittau beobachten lassen.
Quellen und Datenbasis
- Stadtrat Zittau und Stadt Görlitz: Beschlüsse zur Abberufung Daniel Morgenroths und zur Berufung Philipp Bormanns zum 1. August 2026.
- Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau: Spielplan und Abonnementübersicht der Spielzeit 2026/27.