Ein Sensor erkennt einen möglichen Sturz, ein digitales System erinnert an Medikamente, eine Kommunikationshilfe verbindet ältere Menschen mit Angehörigen: Die Hochschule Zittau/Görlitz will zeigen, wie Technik ein längeres selbstbestimmtes Leben zu Hause ermöglichen kann. Doch gerade in der alternden Oberlausitz stellt sich eine entscheidende Frage: Ergänzen solche Systeme die Pflege – oder werden sie zunehmend als Ersatz für fehlendes Personal betrachtet?
Am 13. August öffnet das Institut für Gesundheit, Altern, Arbeit und Technik der Hochschule Zittau/Görlitz zwei seiner Forschungs- und Erfahrungsorte für die Öffentlichkeit. Von 9 bis 12 Uhr können Interessierte in der Brüderstraße 9 in Görlitz technische Hilfsmittel ausprobieren und mit Wissenschaftlern über ihre Alltagstauglichkeit sprechen.
Vorgestellt werden das AAL-Labor und die „AlterPerimentale Praxisforschungsstelle“. AAL steht für „Ambient Assisted Living“ – technische Systeme, die Menschen in ihrem Wohnumfeld unterstützen sollen. Die Hochschule nennt als Beispiele Sturzsensoren, intelligente Erinnerungssysteme und Kommunikationshilfen.
Technik soll Sicherheit geben
Viele ältere Menschen wollen so lange wie möglich in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus bleiben. In ländlichen Regionen ist dieser Wunsch besonders verständlich: Ein Umzug bedeutet dort häufig nicht nur den Verlust der vertrauten Wohnung, sondern auch das Verlassen des Heimatortes.
Assistenzsysteme sollen typische Risiken des Alltags verringern. Dazu gehören unter anderem:
- Sensoren, die ungewöhnliche Bewegungen oder Stürze erkennen,
- Erinnerungen an Medikamente und Termine,
- automatische Beleuchtung in Fluren und Treppenbereichen,
- Notruf- und Kommunikationssysteme,
- technische Hilfen bei eingeschränkter Mobilität,
- digitale Kontakte zu Angehörigen oder Pflegediensten.
Im AAL-Labor werden solche Technologien nach Angaben der Hochschule neutral und praxisnah getestet. Besucher sollen die Geräte nicht nur ansehen, sondern selbst ausprobieren und bewerten können.
„Hier zählt Ihre Erfahrung.“
Mit diesem Satz wirbt die Hochschule für die AlterPerimentale Praxisforschungsstelle. Ältere Menschen, Angehörige und Fachkräfte sollen dort mitentscheiden, welche Angebote tatsächlich gebraucht werden. Das ist wichtig, weil technisch mögliche Lösungen nicht automatisch den Alltag der Betroffenen verbessern.
Pflegekräfte sehen Chancen und Grenzen
Die Hochschule beschäftigt sich nicht erst seit diesem Sommer mit dem Thema. Am 1. Juli 2026 kamen im CELSIUZ Zittau Pflegefachkräfte aus der Region zu einem Workshop über Robotik in der Pflege zusammen.
Dabei ging es ausdrücklich um Chancen, Hemmschwellen, Grenzen und praktische Erfahrungen. Hintergrund sind der wachsende Fachkräftemangel in der Pflege und die beschleunigte Alterung der Bevölkerung im ländlichen Sachsen. Die Technik soll Pflegekräfte entlasten, ohne den menschlichen Kontakt aus dem Pflegealltag zu verdrängen.
Gerade bei wiederkehrenden oder körperlich belastenden Tätigkeiten können digitale und robotische Systeme helfen. Sie könnten beispielsweise Bewegungsabläufe unterstützen, Dokumentationsaufgaben erleichtern oder vor Gefahrensituationen warnen.
Nicht jede Aufgabe lässt sich jedoch an Geräte übertragen. Gespräche, Zuwendung, das Erkennen von Angst oder Verwirrung und die persönliche Einschätzung eines Gesundheitszustandes bleiben menschliche Leistungen.
Wer bezahlt die Technik?
Neben der technischen Zuverlässigkeit ist die Finanzierung eine zentrale offene Frage. Ein einzelner Notrufknopf ist vergleichsweise einfach. Ein vernetztes System mit Sensoren, digitaler Steuerung, Wartung und professioneller Betreuung kann dagegen erhebliche Kosten verursachen.
Für ältere Menschen und ihre Familien stellen sich deshalb praktische Fragen:
- Welche Geräte werden von Pflege- oder Krankenkassen bezahlt?
- Wer installiert und wartet die Systeme?
- Was geschieht bei einem Strom- oder Internetausfall?
- Wer erhält Zugriff auf Bewegungs- und Gesundheitsdaten?
- Können auch Menschen ohne technisches Vorwissen die Geräte bedienen?
- Bleibt die Technik auch für Haushalte mit kleiner Rente bezahlbar?
Die Hochschule kann Systeme testen und Empfehlungen entwickeln. Ob daraus ein flächendeckendes Angebot entsteht, hängt jedoch von Pflegekassen, Kommunen, Wohnungsunternehmen, Anbietern und politischen Entscheidungen ab.
Datenschutz beginnt im Wohnzimmer
Assistenztechnik sammelt häufig sensible Informationen. Ein Sturzsensor muss Bewegungen erkennen. Eine digitale Erinnerungshilfe kennt möglicherweise Medikamentenzeiten. Vernetzte Geräte registrieren, wann jemand aufsteht, einen Raum verlässt oder über längere Zeit nicht reagiert.
Diese Daten können Sicherheit schaffen. Gleichzeitig dringen sie tief in die Privatsphäre ein.
Entscheidend ist deshalb, dass ältere Menschen verstehen, welche Informationen erhoben werden und wer sie erhält. Eine technisch komfortable Lösung darf nicht dazu führen, dass Bewohner in ihrer eigenen Wohnung dauerhaft überwacht werden, ohne die Kontrolle darüber zu behalten.
Auch Angehörige stehen vor einem Konflikt. Die Möglichkeit, jederzeit nach dem Zustand eines Familienmitglieds zu sehen, kann beruhigen. Sie kann aber ebenso in ständige digitale Kontrolle umschlagen.
Forschung mit Bedeutung für die ganze Oberlausitz
Obwohl der öffentliche Termin im August in Görlitz stattfindet, betrifft das Thema auch Zittau und den südlichen Landkreis. Das Institut gehört zur gemeinsamen Hochschule und arbeitet an beiden Standorten. Der Pflegeworkshop im Juli fand bewusst im CELSIUZ Zittau statt.
Die Forschung ist für die Region besonders relevant, weil sich Alterung, weite Wege und Fachkräftemangel gegenseitig verstärken. Wo ambulante Dienste lange Fahrtstrecken bewältigen müssen und Angehörige nicht in der Nähe wohnen, können technische Hilfen einen konkreten Nutzen haben.
Sie lösen jedoch das Grundproblem nicht. Ein Sensor kann einen Sturz melden, aber keinen verletzten Menschen aufrichten. Eine App kann an Tabletten erinnern, aber nicht beurteilen, warum jemand sie nicht mehr einnehmen möchte. Ein Bildschirm kann Angehörige verbinden, aber keinen persönlichen Besuch ersetzen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Technik in der Pflege eingesetzt werden sollte. Sie lautet, wie sie eingesetzt wird – als Unterstützung für Menschen oder als billiger Ersatz für menschliche Nähe und professionelle Betreuung.
Quellen und Datenbasis
- Hochschule Zittau/Görlitz: Veranstaltung „Erleben Sie die Zukunft des Alterns“ am 13. August 2026 in Görlitz.
- Institut für Gesundheit, Altern, Arbeit und Technik: Informationen zum AAL-Labor und zur AlterPerimentale Praxisforschungsstelle.
- Hochschule Zittau/Görlitz: Ergebnisdokumentation des Workshops „Robotik in der Pflege?“ vom 1. Juli 2026 im CELSIUZ Zittau.