Leuna, Bitterfeld-Wolfen und Schwedt stehen exemplarisch für eine Industrie, von der große Teile der ostdeutschen Wertschöpfung abhängen. Doch ausgerechnet Chemieunternehmen und Raffinerien gehören zu den Betrieben, die hohe Energie- und Transformationskosten besonders stark treffen. Bund, Länder, Arbeitgeber und Gewerkschaften haben inzwischen mehrere Schutzmechanismen auf den Weg gebracht – ein deutliches Zeichen dafür, wie ernst die Lage genommen wird.

Bundesregierung sieht größten Nachteil bei Energiepreisen

Die Bundesregierung beschreibt die Lage der Chemiebranche inzwischen ungewöhnlich deutlich.

Bei der Vorstellung der Nationalen Chemieagenda im März erklärte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die Zukunft des deutschen Chemiestandorts entscheide sich jetzt. Als größten Wettbewerbsnachteil bezeichnete sie die Energiepreise. Ohne Gegenmaßnahmen drohten Wertschöpfung und Arbeitsplätze verloren zu gehen.

Auch Bundesumweltminister Carsten Schneider verwies ausdrücklich auf die ostdeutsche Industrie. Neben kurzfristigen Stromkostenentlastungen sei weiteres industriepolitisches Engagement notwendig, gerade mit Blick auf die Chemiestandorte im Osten Deutschlands.

Damit ist die Debatte längst mehr als eine Forderung einzelner Unternehmensverbände. Die Bundesregierung selbst betrachtet die Kostenbelastung der Chemie als strukturelles Wettbewerbsproblem.

Sachsen-Anhalt schlägt mit Chemie-Pakt Alarm

Noch deutlicher wird die Bedeutung im Chemie- und Raffineriepakt Ostdeutschland, den Sachsen-Anhalt im April gemeinsam mit Arbeitgebern, Chemieindustrie, Raffineriebranche und Gewerkschaft unterzeichnet hat.

Das Land beziffert den Anteil der Chemie-, Pharma- und Raffineriewirtschaft am industriellen Gesamtumsatz Sachsen-Anhalts auf rund zwei Fünftel. Wirtschaftsminister Michael Richter bezeichnete vor allem hohe Energie- und Transformationskosten als kritischen Faktor.

Der Pakt fordert unter anderem wettbewerbsfähige Energiebedingungen, den Schutz industrieller Wertschöpfungsketten, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie weniger Bürokratie.

Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Gerät die Chemie ins Rutschen, betrifft das nicht nur einzelne Fabriken.

Chemieprodukte stehen am Anfang zahlreicher industrieller Lieferketten – von Kunststoffen über Automobilzulieferer und Bauwirtschaft bis zu Pharma, Landwirtschaft und Konsumgütern.

Leuna zeigt, wie empfindlich das Netzwerk ist

Besonders deutlich wird die Verflechtung am Standort Leuna.

Nach Angaben einer Landesbehörde arbeiten dort heute etwa 9.000 Menschen in mehr als 100 Unternehmen. Damit gehört Leuna zu den größten Chemiestandorten Deutschlands.

Wie schnell einzelne Unternehmensprobleme größere Bedeutung bekommen können, zeigte 2026 die Insolvenz der DOMO Caproleuna GmbH. Zum 1. April wurde das Insolvenzverfahren eröffnet.

Die Produktion konnte anschließend durch die neu gegründete LEUNA-Polyamid GmbH fortgeführt werden. Mitte Mai waren nach Angaben des Landesverwaltungsamtes bereits wieder rund 80 Prozent der Anlagen in Betrieb.

Der Fall zeigt gleichzeitig Stärke und Verwundbarkeit des Standorts: Produktionsanlagen, Infrastruktur, Energieversorgung und Unternehmen greifen ineinander.

Fällt ein Glied aus, können Auswirkungen weit über den einzelnen Betrieb hinausgehen.

Bitterfeld-Wolfen lebt vom industriellen Verbund

Ähnlich ist die Lage in Bitterfeld-Wolfen.

Die Chemie gehört dort seit etwa 125 Jahren zur regionalen Wirtschaftsstruktur. Nach Angaben des Landes sind heute im Chemiepark 60 produzierende Unternehmen sowie rund 300 branchenbezogene Dienstleister aus Kunststoff-, Chemie- und Pharmawirtschaft angesiedelt.

Gerade dieses Netzwerk macht moderne Chemieparks wirtschaftlich attraktiv: Unternehmen können Infrastruktur, Energieversorgung, Logistik und Dienstleistungen gemeinsam nutzen.

Es erzeugt jedoch zugleich Abhängigkeiten.

Steigende Energiepreise treffen nicht isoliert einen einzigen Produzenten, sondern können die Kalkulation ganzer Standortverbünde verändern.

Dass Sachsen-Anhalt am 14. August ausgerechnet im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen eine neue Fraunhofer-Technologieplattform für Kreislaufwirtschaft und Verfahrenstechnik eröffnet, zeigt die andere Seite der Entwicklung: Die Standorte sollen nicht nur gesichert, sondern technologisch weiterentwickelt werden.

Schwedt kämpft zusätzlich um seine Rohölversorgung

In Schwedt kommt zu Energiepreisen und Transformation ein weiteres Problem hinzu: die Versorgung der PCK-Raffinerie mit Rohöl.

Russland leitet seit Mai kein kasachisches Rohöl mehr über die Druschba-Pipeline nach Schwedt. Die brandenburgische Landesregierung beschäftigt deshalb weiterhin eine eigene Task Force mit Versorgung, Pipelinekapazitäten und Eigentümerstruktur der Raffinerie.

Ende Juni meldete Brandenburg dennoch eine zuletzt stabile PCK-Auslastung von 82 Prozent. Ministerpräsident Dietmar Woidke forderte zugleich den Bund auf, die Versorgung des Standorts dauerhaft sicherzustellen.

Auch die Bundesregierung stuft Schwedt als zentral ein. Bundeswirtschaftsministerin Reiche bezeichnete die Raffinerie im Mai als bedeutend für die Kraftstoffversorgung der Region und die industrielle Entwicklung Brandenburgs.

Schwedt ist damit längst nicht nur eine lokale Raffineriefrage. Der Standort gehört zur Energieversorgung von Berlin, Brandenburg und weiteren Regionen und ist gleichzeitig industrieller Anker der Uckermark.

Industriestrompreis soll Belastung senken

Eine der wichtigsten Antworten des Bundes ist der geplante Industriestrompreis.

Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums richtet sich das Instrument potenziell an rund 9.500 energieintensive Unternehmen, ausdrücklich einschließlich kleiner und mittlerer Betriebe. Es ist für die Jahre 2026 bis 2028 vorgesehen.

Die maximale Kompensation soll 50 Prozent des maßgeblichen Referenzpreises betragen. Als Preisuntergrenze sind fünf Cent je Kilowattstunde vorgesehen.

Für Chemiebetriebe kann das von erheblicher Bedeutung sein, weil Strom und andere Energieträger einen wesentlich größeren Anteil der Produktionskosten ausmachen als in vielen Dienstleistungsbranchen.

Ob die Entlastung ausreicht, um international wieder dauerhaft konkurrenzfähige Kostenstrukturen zu schaffen, lässt sich allerdings noch nicht beurteilen.

Industrie zeigt erste Stabilisierung – Entwarnung gibt es nicht

Die jüngsten Konjunkturdaten liefern zumindest vorsichtige positive Signale.

Das Bundeswirtschaftsministerium berichtete im Juli, dass die Produktion in energieintensiven Industriezweigen seit Jahresbeginn wieder aufwärtsgerichtet war. Im Mai lag sie knapp drei Prozent über dem Vorjahresniveau. Auch die chemische Industrie profitierte zuletzt von einer etwas höheren Nachfrage.

Eine breit angelegte Erholung sieht das Ministerium dennoch nicht.

Hohe Rohstoff- und Energiekosten, geopolitische Unsicherheit, Lieferkettenprobleme und schwierige Finanzierungsbedingungen bleiben Belastungsfaktoren. Das Wirtschaftsministerium bezeichnet das industrielle Umfeld weiterhin als fragil.

Neue Zahlen zur wirtschaftlichen Lage im August werden am 13. August um 10 Uhr veröffentlicht. Dann wird sich zeigen, ob sich die leichte Stabilisierung fortgesetzt hat.

Für Ostdeutschland geht es um mehr als Chemie

Die Auseinandersetzung um Leuna, Bitterfeld-Wolfen und Schwedt berührt eine grundsätzliche Frage der ostdeutschen Wirtschaftspolitik.

Nach der Wiedervereinigung wurden Milliarden in die Modernisierung alter Industriestandorte gesteckt. Chemieparks, Raffinerien und neue Unternehmen entwickelten sich vielerorts zu industriellen Kernen einer Region.

Heute beginnt ein neuer Transformationsprozess.

Produktion soll klimafreundlicher werden, fossile Rohstoffe sollen teilweise ersetzt, Kreislaufwirtschaft ausgebaut und neue Verfahren in industrielle Größenordnungen gebracht werden. Gleichzeitig konkurrieren die Standorte mit Ländern, in denen Energie teilweise deutlich günstiger zur Verfügung steht.

Genau darin liegt das Dilemma: Die Industrie soll investieren, während ein Teil ihrer bestehenden Produktion bereits unter Kostendruck steht.

Die Nationale Chemieagenda, der Industriestrompreis und der Chemie- und Raffineriepakt zeigen, dass Bund und Länder diese Gefahr erkannt haben.

Ob daraus ein erfolgreicher Umbau entsteht oder Ostdeutschland erneut industrielle Substanz verliert, entscheidet sich nicht erst in zehn Jahren.

Der Kampf um Leuna, Bitterfeld-Wolfen und Schwedt läuft bereits.

Quelle:

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie; Bundesregierung; Landesregierung Brandenburg; Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten Sachsen-Anhalt; Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt; Landesanstalt für Altlastenfreistellung Sachsen-Anhalt.