Holzdorf. Neue Hallen entstehen, Straßen und Versorgungssysteme müssen erweitert werden, Hunderte zusätzliche Soldaten und zivile Beschäftigte werden erwartet: Der Fliegerhorst Schönewalde/Holzdorf wächst zu einem zentralen Standort der deutschen Luftverteidigung und des militärischen Lufttransports. Für die Region an der Grenze von Brandenburg und Sachsen-Anhalt bedeutet das neue Arbeitsplätze und Kaufkraft – aber auch erheblichen Druck auf Wohnungen, Schulen, Kitas und Verkehrswege.
Arrow 3 schützt erstmals vor Raketen in großer Höhe
Die militärische Aufwertung des Standortes ist bereits sichtbar. Seit Dezember 2025 befindet sich in Holzdorf die erste Stufe des israelisch-amerikanischen Raketenabwehrsystems Arrow 3 im Betrieb. Das System soll ballistische Flugkörper bereits in sehr großer Höhe und außerhalb der Erdatmosphäre erkennen und abfangen können.
Damit schließt die Bundeswehr nach eigener Darstellung eine bisherige Lücke in der deutschen und europäischen Luftverteidigung. Die vollständige Einsatzfähigkeit des Systems soll schrittweise bis 2030 erreicht werden.
Der Ausbau steht im unmittelbaren Zusammenhang mit der veränderten Sicherheitslage in Europa. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine rückten die Landes- und Bündnisverteidigung sowie der Schutz vor weitreichenden Raketen wieder stärker in den Mittelpunkt der deutschen Verteidigungsplanung.
„In Holzdorf wird die Zeitenwende spürbar.“
Mit diesen Worten beschrieb der damalige Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz, die künftige Rolle des Standortes. Holzdorf werde mit der Stationierung der neuen Transporthubschrauber zum Dreh- und Angelpunkt des militärischen Hubschraubertransports.
47 Chinook-Hubschrauber sollen nach Holzdorf kommen
Neben der Raketenabwehr wird Holzdorf künftig den Großteil der neuen schweren Transporthubschrauber der Bundeswehr aufnehmen. Deutschland hat insgesamt 60 Maschinen vom Typ CH-47F Chinook bestellt. Nach den bisherigen Planungen sollen davon 47 in Holzdorf stationiert werden.
Die ersten Maschinen werden ab 2027 erwartet. Der Chinook ist an seinen zwei hintereinander angeordneten Rotoren erkennbar und soll die alternden CH-53-Hubschrauber ersetzen. Er kann Soldaten, Fahrzeuge, Material und Außenlasten transportieren und außerdem für medizinische Evakuierungen sowie internationale Einsätze genutzt werden.
Für die Stationierung müssen große Teile des Fliegerhorstes umgebaut oder neu errichtet werden. Geplant sind unter anderem:
- neue Abstell- und Wartungshallen,
- zusätzliche Flugbetriebsflächen,
- technische Werkstätten und Lager,
- Ausbildungs- und Verwaltungsgebäude,
- neue Unterkünfte und Versorgungseinrichtungen,
- angepasste Sicherheits- und Zufahrtssysteme.
Die größte Einzelmaßnahme ist nach Angaben der brandenburgischen Landesregierung der Bau der Hallen für Wartung und Unterbringung der schweren Hubschrauber. Für die militärische Infrastruktur werden insgesamt rund 700 Millionen Euro veranschlagt.
Hunderte neue Beschäftigte verändern die Region
Am Standort arbeiten derzeit etwa 2.000 Soldaten und zivile Beschäftigte. Perspektivisch sollen rund 700 weitere Dienstposten hinzukommen. Damit könnte Holzdorf zu einem der größten Bundeswehrstandorte im Osten Deutschlands werden.
Für Schönewalde, Herzberg, Jessen und die umliegenden Gemeinden ist das zunächst eine wirtschaftliche Chance. Zusätzliche Beschäftigte bringen Kaufkraft, benötigen Dienstleistungen und können regionale Handwerks-, Bau- und Versorgungsunternehmen stärken.
Erste private Investitionen folgen dem Ausbau bereits. In Herzberg wurde beispielsweise eine Niederlassung für technische und logistische Dienstleistungen rund um die künftigen Chinook-Hubschrauber vorbereitet.
Der Wachstumsschub trifft allerdings auf eine ländlich geprägte Region, deren Infrastruktur nicht auf einen derart schnellen Bevölkerungs- und Personalzuwachs ausgelegt ist. Besonders wichtig werden:
- zusätzlicher Wohnraum für Soldaten und Familien,
- Betreuungsplätze in Kitas und Horten,
- ausreichende Schulkapazitäten,
- bessere Straßenverbindungen,
- leistungsfähiger öffentlicher Nahverkehr,
- eine mögliche Stärkung der Bahnverbindungen,
- medizinische Versorgung und Einzelhandel.
Brandenburg stellt rund 100 Millionen Euro aus Strukturfördermitteln für die zivile Entwicklung des Umfeldes bereit. Das Geld soll unter anderem in Straßen, Bahnverbindungen, Schulen, Horte und Kindertagesstätten fließen.
Zwischen Wachstumsimpuls und neuer Belastung
Der Bundeswehr-Ausbau kann der Region eine Perspektive geben, die viele ländliche Räume seit Jahren suchen: langfristige Arbeitsplätze, öffentliche Investitionen und eine wachsende Nachfrage nach Wohnungen und Dienstleistungen.
Doch genau darin liegt auch der Konflikt. Entstehen militärische Gebäude schneller als Wohnungen, Schulen und Verkehrswege, drohen steigende Mieten, längere Wege und eine Überlastung kommunaler Angebote. Die Bundesländer Brandenburg und Sachsen-Anhalt haben deshalb eine gemeinsame Arbeitsstruktur eingerichtet, um militärische und zivile Projekte besser aufeinander abzustimmen.
Hinzu kommen mögliche Belastungen durch den Flugbetrieb. Mit dem Eintreffen der Chinook-Hubschrauber werden Zahl und Umfang der Übungsflüge voraussichtlich steigen. Die schweren Maschinen sind größer und lauter als viele bisher am Standort eingesetzte Hubschrauber. Fragen zu Flugrouten, Nachtflügen und Lärmschutz dürften deshalb spätestens mit dem regulären Betrieb stärker in den Mittelpunkt rücken.
Im Frühjahr 2026 war bei einer multinationalen Übung bereits zu sehen, wie sich der künftige Alltag verändern könnte: Niederländische Chinook-Hubschrauber trainierten gemeinsam mit Bundeswehrmaschinen und Fallschirmjägern in Holzdorf.
Holzdorf wird damit nicht nur militärisch größer. Der Standort verändert eine ganze Region zwischen Südbrandenburg und Sachsen-Anhalt. Ob daraus ein dauerhafter wirtschaftlicher Aufschwung entsteht, hängt davon ab, ob der zivile Ausbau mit dem Tempo der Bundeswehr Schritt halten kann.
Quellen und Datenbasis
- Bundeswehr und Bundesministerium der Verteidigung: Stationierung der CH-47F Chinook, Ausbau des Fliegerhorstes und künftige Rolle Holzdorfs.
- Landesregierung Brandenburg: Task Force zum Ausbau, zivile Infrastruktur, Arrow 3 und geplante Personalentwicklung.
- Berichte zum Projektstand: rund 700 Millionen Euro für militärische Infrastruktur, 47 Chinook-Hubschrauber und etwa 700 zusätzliche Beschäftigte.