In Brandenburg verschwinden 2026 in kurzer Folge drei Geburtsstationen. Strausberg ist bereits geschlossen, Potsdam-St. Josefs folgte im Juli und Bernau beendet den Betrieb im Oktober, weil Geburtenzahlen sinken und Personal fehlt.

Drei Kreißsäle verschwinden innerhalb weniger Monate

Am Krankenhaus Märkisch-Oderland in Strausberg wurde die Geburtshilfe am 29. Juni eingestellt. Wie das Krankenhaus mitteilt, musste der bereits geplante Rückzug wegen eines kurzfristigen Personalausfalls sogar vorgezogen werden. 2025 kamen dort nur noch 177 Kinder zur Welt, für 2026 wurden lediglich etwa 125 Geburten erwartet.

In Potsdam stellte das Alexianer St. Josefs-Krankenhaus seine Frauenheilkunde und Geburtshilfe bereits am 10. Juli vollständig ein. Ursprünglich war das Ende für den 31. Juli vorgesehen. Die Alexianer nennen Krankenhausreform, Spezialisierung, stabile Personalstrukturen und steigende Anforderungen an die Versorgung von Neugeborenen als wesentliche Gründe. Eine eigene Kinderklinik besitzt der Standort nicht.

Am 1. Oktober folgt Bernau. Das Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg nennt sinkende Geburtenzahlen, Fachkräftemangel, Finanzierungsdruck und die kommenden Anforderungen der Krankenhausreform. Bis Ende Juni waren dort 2026 lediglich 183 Kinder geboren worden. Offene Stellen konnten nach Angaben des Hauses trotz Bemühungen nicht besetzt werden.

Für Familien verschieben sich die Wege zum nächsten Kreißsaal

Mit jedem geschlossenen Standort konzentrieren sich Geburten auf weniger Kliniken. Für Strausberg übernimmt die Immanuel Klinik Rüdersdorf die zentrale geburtshilfliche Versorgung im Landkreis Märkisch-Oderland. Das Haus besitzt einen perinatalen Schwerpunkt und betreut auch Geburten ab der 32. Schwangerschaftswoche.

Für Bernau nennt das Immanuel Klinikum künftig Rüdersdorf, Berlin-Buch, Oranienburg und Eberswalde als Alternativen. Diese Kliniken seien aus Bernau beziehungsweise dem Umfeld nach Angaben des Krankenhauses in etwa 20 bis 30 Minuten erreichbar. Für Familien aus weiter entfernten Gemeinden des Barnim kann die tatsächliche Fahrt jedoch länger ausfallen.

Anders liegt der Fall in Potsdam. Dort bleibt mit dem Klinikum Ernst von Bergmann eine große Geburtshilfe innerhalb der Stadt erhalten. Das Haus betreut rund 1.600 Geburten pro Jahr, verfügt über ein Perinatalzentrum Level 1 und bereitet sich ausdrücklich auf zusätzliche Geburten nach der Schließung von St. Josefs vor.

Brandenburg bekommt immer weniger Kinder

Hinter den Klinikentscheidungen steht eine demografische Entwicklung, die sich weiter verschärft. Nach Angaben des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg wurden 2025 im Land nur noch 14.495 Kinder geboren. Das waren 659 beziehungsweise 4,3 Prozent weniger als 2024 und ähnlich wenige wie Mitte der 1990er-Jahre.

Die zusammengefasste Geburtenziffer sank von 1,33 auf 1,30 Kinder je Frau. Weniger Geburten bedeuten für kleine Geburtsstationen automatisch geringere Fallzahlen, während Personal, Bereitschaftsdienste, Operationsmöglichkeiten und medizinische Sicherheitsstrukturen rund um die Uhr vorgehalten werden müssen.

Strausberg zeigt, wie schnell diese Rechnung kritisch wird. Das Krankenhaus verweist neben den niedrigen Fallzahlen darauf, dass Geburtshilfen künftig eng mit Kinder- und Jugendmedizin verbunden sein sollen. Genau solche Anforderungen begünstigen eine Konzentration auf größere Häuser.

Das Problem reicht längst über Brandenburg hinaus

Auch andere ostdeutsche Regionen erleben diesen Rückzug. Im sächsischen Freital wurden Geburtshilfe, Gynäkologie und Kinder- und Jugendmedizin bereits Ende 2024 am Standort konzentriert beziehungsweise nach Pirna verlagert. Helios begründete den Schritt unter anderem mit dem Absturz der Geburtenzahl von 414 im Jahr 2019 auf 282 im Jahr 2023; für 2024 wurden nur noch rund 200 Geburten erwartet.

In Sachsen-Anhalt meldete das Altmark-Klinikum seine Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Gardelegen zum 14. Mai 2026 aus der regionalen Versorgung ab. Im Landtag erklärte die Gesundheitsministerin, dass ein verlässlicher 24-Stunden-Betrieb wegen fehlender Fachkräfte nicht mehr gesichert werden konnte. Die Zahl der Geburten war von 383 im Jahr 2016 über 273 im Jahr 2021 auf nur noch 93 im Jahr 2025 gefallen.

Damit zeichnet sich ein Muster ab: Kleine Standorte geraten besonders dann unter Druck, wenn niedrige Geburtenzahlen, fehlende Hebammen oder Ärzte und eine nicht vorhandene Kinderklinik zusammentreffen.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur Qualität, sondern Entfernung

Die Konzentration der Geburtshilfe hat medizinische Argumente. Große Zentren können Fachärzte, Anästhesie, Neonatologie und operative Versorgung dauerhaft vorhalten. Bei Risikogeburten kann das entscheidende Vorteile bringen. Genau damit begründen Krankenhausträger die Bündelung ihrer Leistungen.

Für dünn besiedelte Regionen entsteht jedoch ein Zielkonflikt. Je weniger Kreißsäle bestehen, desto weiter können die Wege für Schwangere werden. Besonders relevant ist das bei rasch fortschreitenden Geburten, schlechten Straßenverhältnissen oder langen Rettungsdienstwegen.

Schon Brandenburgs Krankenhausplanung hat deshalb ausdrücklich festgehalten, dass geburtshilfliche Abteilungen niedrigerer Versorgungsstufen für eine flächendeckende Versorgung im Land eine hohe Bedeutung besitzen. Gleichzeitig galt bereits dort eine Größenordnung von mindestens 300 Geburten pro Jahr als wichtiger Orientierungswert.

Welche Standorte als Nächstes gefährdet sind, lässt sich seriös nicht allein aus einer Geburtenzahl ableiten. Besonders verletzlich sind aber Häuser mit dauerhaft wenigen Geburten, Schwierigkeiten bei der 24-Stunden-Personalbesetzung und fehlender Kinder- oder Neugeborenenmedizin. Bernau, Strausberg, Freital und Gardelegen zeigen, dass genau diese Faktoren inzwischen mehrfach zu Standortentscheidungen geführt haben.

Für Ostdeutschland wird damit eine alte Frage der Daseinsvorsorge neu gestellt: Wie weit darf der nächste Kreißsaal entfernt sein, damit medizinische Spezialisierung nicht mit dem Verlust wohnortnaher Versorgung bezahlt wird?

Quelle: Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg, Krankenhaus Märkisch-Oderland GmbH, Alexianer St. Josefs-Krankenhaus Potsdam, Klinikum Ernst von Bergmann, Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, Altmark-Klinikum, Landtag Sachsen-Anhalt, Helios Kliniken, Land Brandenburg