Potsdam galt über viele Jahre als schnell wachsende Stadt. Neue Wohnviertel, Schulen und Kitas wurden für immer mehr Einwohner geplant. Doch diese Entwicklung ist vorerst zum Stillstand gekommen: Im zweiten Quartal 2026 konnte der Zuzug den Rückgang durch mehr Sterbefälle als Geburten gerade noch ausgleichen. Gleichzeitig werden erneut deutlich weniger Kinder geboren.

POTSDAM. Die Veränderung wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Potsdams Einwohnerzahl ist nicht eingebrochen, sondern bewegt sich seit Monaten auf nahezu gleichbleibendem Niveau. Gerade darin liegt jedoch die politische Bedeutung.

Die Landeshauptstadt hat ihre großen Planungen über Jahre auf weiteres Wachstum ausgerichtet. Mehr Wohnungen, zusätzliche Schulplätze und neue soziale Infrastruktur sollten eine steigende Bevölkerung versorgen. Nun zeigt sich, dass die früheren Annahmen nicht mehr uneingeschränkt gelten.

Nach den jüngsten kommunalen Daten lebten Ende Juni 2026 insgesamt 25.668 Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit mit Hauptwohnsitz in Potsdam. Ihr Anteil an der Bevölkerung lag unverändert bei 13,6 Prozent. Die gesamte Einwohnerzahl veränderte sich im zweiten Quartal dagegen kaum.

Der Zuzug verhindert lediglich einen Rückgang

Potsdam wächst inzwischen nicht mehr aus eigener demografischer Kraft. Seit 2020 sterben in der Stadt mehr Menschen, als Kinder geboren werden. Der sogenannte natürliche Bevölkerungssaldo ist seitdem negativ. Bevölkerungswachstum entsteht nur noch, wenn mehr Menschen zuziehen als die Stadt verlassen.

Im zweiten Quartal 2026 reichte dieser Wanderungsgewinn offenbar gerade aus, um den Sterbeüberschuss auszugleichen. Die Einwohnerzahl blieb deshalb nahezu stabil.

Das ist ein grundlegender Unterschied zu den Jahren des starken Wachstums. Zwischen 2016 und 2018 wurden in Potsdam noch jeweils fast 2.000 Kinder pro Jahr geboren. Danach gingen die Zahlen deutlich zurück. Im Jahr 2023 waren es noch 1.539 Geburten, 2024 insgesamt 1.399 und 2025 nur noch 1.324.

Die Entwicklung lässt sich auf drei zentrale Faktoren zurückführen:

  • weniger Frauen befinden sich im geburtenstarken Alter,
  • Familien verschieben oder verzichten auf Kinder,
  • hohe Wohnkosten und fehlender größerer Wohnraum erschweren Familiengründungen.

Nicht jeder Rückgang lässt sich unmittelbar mit dem Potsdamer Wohnungsmarkt erklären. Auch bundesweit werden deutlich weniger Kinder geboren. In Deutschland fiel die Zahl der Geburten 2025 auf den niedrigsten Stand seit 1997.

Fast 1.500 Kinder unter sechs Jahren weniger erwartet

Die neue Potsdamer Bevölkerungsprognose zeigt, dass der Geburtenrückgang keine vorübergehende Abweichung sein dürfte. Bis 2028 soll die Zahl der Kinder unter sechs Jahren gegenüber 2024 um rund 1.430 beziehungsweise 14,6 Prozent sinken. Erst danach wird wieder mit einem langsamen Anstieg gerechnet.

Das hat unmittelbare Folgen für die Kita-Planung. Einrichtungen, die vor wenigen Jahren noch mit Wartelisten arbeiteten, könnten künftig weniger ausgelastet sein. Für freie Träger entsteht ein finanzielles Risiko, weil sich ein Teil ihrer Finanzierung nach der Zahl der betreuten Kinder richtet.

Gleichzeitig bietet der Rückgang eine Chance. Werden Personal und Mittel nicht sofort abgebaut, könnten kleinere Gruppen entstehen und Kinder intensiver betreut werden. In Brandenburg warnen Wohlfahrtsverbände allerdings bereits davor, dass sinkende Kinderzahlen stattdessen zu Platzabbau, Personalreduzierungen oder Schließungen führen könnten.

Für Potsdam stellen sich deshalb konkrete Fragen:

  • Müssen geplante Kitaneubauten noch im bisherigen Umfang entstehen?
  • Welche Einrichtungen sind künftig von Unterbelegung bedroht?
  • Bleiben Erzieherstellen trotz sinkender Kinderzahlen erhalten?
  • Können frei werdende Räume für zusätzliche Förderung genutzt werden?
  • Wie stark unterscheiden sich die Entwicklungen zwischen den Stadtteilen?

Ein stadtweiter Rückgang bedeutet nicht automatisch, dass überall Plätze frei werden. In neu entstehenden Quartieren kann weiterhin Bedarf bestehen, während ältere Wohngebiete Kapazitäten verlieren.

Schulen spüren den Rückgang zeitversetzt

In den Grundschulen kommt die Entwicklung einige Jahre später an. Kinder, die heute nicht geboren werden, fehlen ab Beginn der 2030er-Jahre in den ersten Klassen.

Für Potsdam ist das besonders relevant, weil die Stadt in den vergangenen Jahren erhebliche Summen in neue Schulen, Erweiterungen und Übergangslösungen investiert hat. Die Schulentwicklungsplanung muss nun unterscheiden, ob der Bedarf dauerhaft sinkt oder sich lediglich räumlich verschiebt.

Die aktuelle Prognose erwartet zwar langfristig wieder mehr Kinder und Jugendliche. Zunächst fällt die Zahl der jüngsten Einwohner jedoch deutlich. Daraus entsteht ein schwieriger Planungskonflikt: Schulen lassen sich nicht kurzfristig bauen, schließen und später wieder eröffnen.

Zu frühe Kürzungen können später zu Engpässen führen. Werden dagegen sämtliche bisherigen Ausbaupläne unverändert fortgeführt, drohen zeitweise ungenutzte Räume und hohe Betriebskosten.

„Das Wachstum wird künftig ausschließlich durch Zuzug getragen.“

Diese Kernaussage ergibt sich aus der neuen städtischen Bevölkerungsprognose. Bis 2040 rechnet Potsdam weiterhin mit einem Anstieg um etwa 12.300 Menschen beziehungsweise 6,6 Prozent. Die frühere Prognose war jedoch noch von fast 218.000 Einwohnern ausgegangen und damit deutlich optimistischer.

Weniger Wachstum löst die Wohnungsnot nicht automatisch

Eine stagnierende Einwohnerzahl könnte zunächst den Eindruck erwecken, Potsdam benötige weniger neue Wohnungen. Diese Schlussfolgerung wäre jedoch zu einfach.

Der Wohnungsbedarf hängt nicht nur von der Zahl der Einwohner ab. Entscheidend sind auch:

  • die zunehmende Zahl kleiner Haushalte,
  • Trennungen und alleinlebende Menschen,
  • der Bedarf älterer Menschen an barrierefreien Wohnungen,
  • fehlende große und bezahlbare Familienwohnungen,
  • der Zuzug von Beschäftigten und Studierenden,
  • die räumliche Verteilung des Angebots.

Schon in den vergangenen Jahren wuchs der Wohnungsbestand, ohne dass sich der angespannte Markt grundsätzlich entspannte. Zwischen 2012 und der Erstellung des wohnungspolitischen Konzeptes entstanden rund 8.600 zusätzliche Wohnungen. Dennoch blieben Mieten, Grundstückspreise und die Verfügbarkeit bezahlbarer Wohnungen zentrale Probleme.

Gerade der Geburtenrückgang könnte teilweise mit der Wohnsituation zusammenhängen. Junge Paare, die keine größere bezahlbare Wohnung finden, verschieben möglicherweise die Familiengründung oder ziehen ins Umland.

Weniger Kinder bedeuten deshalb nicht zwingend, dass weniger familiengerechter Wohnraum benötigt wird. Es kann ebenso bedeuten, dass dieser Wohnraum bereits fehlt.

Potsdam wird älter

Während weniger Kinder geboren werden, wächst die Zahl älterer Einwohner. Ende 2024 lebten 38.088 Menschen ab 65 Jahren in Potsdam. Im Jahr 2013 waren es noch 31.670. Der Anteil älterer Menschen liegt inzwischen bei ungefähr 20 Prozent.

Diese Entwicklung verschiebt die Aufgaben der Stadt. Langfristig werden möglicherweise weniger Kita- und Schulplätze, dafür aber mehr benötigt:

  • barrierefreie Wohnungen,
  • ambulante Pflegeangebote,
  • Hausarzt- und Facharztkapazitäten,
  • gut erreichbarer öffentlicher Nahverkehr,
  • wohnortnahe Einkaufsmöglichkeiten,
  • Begegnungsorte gegen Einsamkeit.

Der demografische Wandel wirkt zudem auf den Arbeitsmarkt. Wenn geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand gehen und weniger junge Menschen nachrücken, wächst der Fachkräftemangel. Potsdam kann diese Lücke nur durch Zuzug, höhere Erwerbsbeteiligung und bessere Ausbildung ausgleichen.

Dabei gewinnt die internationale Bevölkerung an Bedeutung. Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit sind im Durchschnitt deutlich jünger als die Gesamtbevölkerung. Nach Angaben der Stadt liegt ihr Seniorenanteil bei lediglich fünf Prozent.

Die Stadt muss flexibler planen

Die stagnierende Einwohnerzahl bedeutet nicht, dass Potsdam dauerhaft schrumpfen wird. Die Stadt erwartet weiterhin ein moderates Wachstum bis 2040. Dieses fällt jedoch erheblich geringer aus als noch vor wenigen Jahren prognostiziert.

Damit verändert sich die Aufgabe der Stadtplanung. Statt grundsätzlich immer mehr Kapazitäten zu schaffen, muss Potsdam stärker prüfen, wo Bedarf tatsächlich entsteht und wie Gebäude später anders genutzt werden können.

Eine neue Kita könnte beispielsweise so geplant werden, dass sie später als Schule, Nachbarschaftszentrum oder soziale Einrichtung verwendet werden kann. Schulgebäude könnten flexibel auf schwankende Schülerzahlen reagieren. Wohnquartiere müssten stärker für Familien und ältere Menschen gleichzeitig funktionieren.

Die neuen Zahlen sind deshalb weder Entwarnung noch reine Krisenmeldung. Sie markieren einen Wendepunkt.

Potsdam wächst vorerst nicht mehr in dem Tempo, das Politik und Verwaltung über Jahre gewohnt waren. Die Stadt wird älter, bekommt weniger Kinder und bleibt beim weiteren Wachstum vom Zuzug abhängig. Die entscheidende Frage lautet nun, wie schnell ihre Planungen dieser neuen Realität angepasst werden.

Quellen und Datenbasis

  1. Landeshauptstadt Potsdam, Bereich Statistik und Wahlen: Quartals- und Jahresdaten zur Einwohnerentwicklung sowie „Bevölkerung im Blick 2026“.
  2. Landeshauptstadt Potsdam: Bevölkerungsprognose 2025 bis 2040 mit Angaben zum Geburtenrückgang, zur Entwicklung der Kinderzahlen und zum erwarteten Wachstum.
  3. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg und Potsdamer Statistikberichte: Geburtenentwicklung, natürlicher Bevölkerungssaldo und demografischer Vergleich.