Der politische Abstand zwischen Ost und West wächst wieder sichtbar. Während die AfD in westdeutschen Ländern vielerorts deutlich schwächer bleibt, erreicht sie im Osten inzwischen Werte, die sie zur stärksten politischen Kraft machen können. In Mecklenburg-Vorpommern kommt sie aktuell auf 36 Prozent, die CDU nur noch auf neun Prozent. Auch in Sachsen-Anhalt liegt die AfD vor der CDU. Das ist kein kurzfristiger Ausschlag, sondern das Ergebnis einer längerfristigen politischen Verschiebung.
Von einem „freien Fall“ aller etablierten Parteien kann man nicht überall sprechen
Der Begriff „Altparteien“ ist politisch aufgeladen und wissenschaftlich unscharf. Ebenso wäre es zu pauschal, alle etablierten Parteien im Osten als im freien Fall zu bezeichnen.
Die Entwicklung ist differenzierter. In Mecklenburg-Vorpommern steigt die SPD in der aktuellen Infratest-dimap-Erhebung beispielsweise von 27 auf 29 Prozent. Gleichzeitig fällt die CDU auf neun Prozent und damit auf ihren niedrigsten dort gemessenen Wert. Die AfD bleibt mit 36 Prozent klar vorn.
Das eigentliche Phänomen ist deshalb weniger ein gleichzeitiger Absturz aller anderen Parteien als eine dauerhafte Erosion traditioneller Parteibindungen, von der die AfD überdurchschnittlich stark profitiert.
Im Osten waren Parteibindungen nach 1990 nie so fest
Ein entscheidender Unterschied liegt in der politischen Biografie Ostdeutschlands.
Westdeutsche Familien haben teilweise über Generationen hinweg CDU, SPD oder FDP gewählt. Solche langfristigen Milieus entstanden im Osten nach 1990 deutlich schwächer.
Die Bundeszentrale für politische Bildung weist darauf hin, dass die emotionale Bindung an eine Partei einer der stärksten Faktoren für Wahlentscheidungen ist. Gerade bei Union und SPD spielte diese traditionelle Bindung lange eine große Rolle.
In Ostdeutschland konnte sie sich über Jahrzehnte nicht in vergleichbarer Weise entwickeln.
Wer einer Partei ohnehin nicht aus Tradition verbunden ist, wechselt leichter.
Die AfD trifft deshalb auf ein politisches Umfeld, in dem Wechselwählen historisch normaler ist.
1990 war für Millionen Menschen keine normale politische Veränderung
Ein zweiter Faktor wird im Westen häufig unterschätzt: die Dimension des Umbruchs nach der Wiedervereinigung.
Für Westdeutsche bedeutete die Einheit 1990 im Alltag vielfach Kontinuität. Institutionen, Währung, politische Ordnung, Unternehmen, Verwaltung und gesellschaftliche Strukturen blieben weitgehend bestehen.
Für Ostdeutsche bedeutete dieselbe Einheit einen nahezu vollständigen Systemwechsel.
Betriebe verschwanden, Berufe verloren an Wert, Eigentumsstrukturen änderten sich, Verwaltungen wurden neu aufgebaut und Millionen Menschen mussten ihre berufliche und persönliche Zukunft neu organisieren.
Der Deutschland-Monitor 2025 zeigt heute noch einen bemerkenswerten Zusammenhang: Menschen, die tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen in der Vergangenheit negativ erlebt haben, betrachten neue Veränderungen häufiger als Risiko.
Das ist politisch wichtig.
Migration, Energiewende, Digitalisierung oder wirtschaftlicher Strukturwandel werden nicht allein nach ihrem aktuellen Inhalt bewertet. Sie treffen auf biografische Erfahrungen mit früheren Umbrüchen.
Besonders strukturschwache Regionen zeigen geringes Vertrauen
Noch deutlicher wird der Zusammenhang beim Blick auf strukturschwache ostdeutsche Regionen.
Der Deutschland-Monitor kommt zu dem Ergebnis, dass dort die Veränderungsskepsis überdurchschnittlich groß ist. Gleichzeitig sind Demokratiezufriedenheit, Institutionenvertrauen und das Gefühl, selbst politischen Einfluss nehmen zu können, besonders niedrig.
Das ist ein zentraler Befund.
Er bedeutet gerade nicht, dass „der Osten“ grundsätzlich demokratiefeindlicher oder veränderungsunfähiger wäre.
Zwischen strukturstarken Regionen in Ost- und Westdeutschland sind die Unterschiede laut Deutschland-Monitor deutlich geringer als häufig angenommen.
Das Problem konzentriert sich vielmehr dort, wo wirtschaftliche Schwäche, Bevölkerungsverlust und geringe politische Selbstwirksamkeit zusammentreffen.
Die wirtschaftliche Einheit ist noch immer nicht vollständig erreicht
Auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung bestehen strukturelle Unterschiede.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung stellt fest, dass Wirtschaftskraft und Finanzkraft der ostdeutschen Länder weiterhin unter dem Durchschnitt liegen. Zwar hat sich der Abstand zu schwächeren westdeutschen Ländern deutlich verkleinert, dennoch besteht die ökonomische Trennlinie fort.
Hinzu kommt eine Frage, die über Einkommen hinausgeht: Wer besitzt Unternehmen, Immobilien und Kapital?
Vermögensaufbau benötigt Generationen.
Westdeutsche Familien konnten über Jahrzehnte Eigentum erwerben, Unternehmen vererben und Kapital weitergeben. Diese Kontinuität bestand in der DDR in wesentlich geringerem Umfang.
Das prägt bis heute die Wahrnehmung wirtschaftlicher Gleichheit.
Auch bei Führungspositionen bleibt eine sichtbare Lücke
Selbst der Bericht der Ostbeauftragten der Bundesregierung stellt fest, dass Ostdeutsche auf den höchsten Leitungsebenen der Bundesbehörden weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind.
Solche Zahlen besitzen politische Symbolkraft.
Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, dass Entscheidungen über ihre Region weiterhin überwiegend von Personen getroffen werden, die nicht aus dieser Region stammen, kann daraus ein Gefühl mangelnder Repräsentation entstehen.
Dieses Gefühl muss nicht in jedem Einzelfall objektiv gerechtfertigt sein, um politisch wirksam zu werden.
Die AfD besetzt genau diese Repräsentationslücke
Die AfD verbindet mehrere Themen, die in Teilen Ostdeutschlands besonders mobilisierend wirken.
Dazu gehören Migration, soziale Sicherheit, Energiepolitik, Kritik an politischen Institutionen und das Gefühl, dass politische Entscheidungen ohne ausreichende Rücksicht auf die eigene Lebenswirklichkeit getroffen werden.
Untersuchungen der Bundeszentrale für politische Bildung zeigen, dass AfD-Wähler Sorgen über Migration und soziale Gerechtigkeit häufig miteinander verbinden.
Das ist wichtig, weil der AfD-Erfolg deshalb nicht ausschließlich als kultureller Konflikt über Migration erklärt werden kann.
Bei vielen Wählern verbindet sich die Migrationsfrage mit Fragen nach Verteilung, Staat, Sicherheit und Fairness.
Protest allein erklärt 36 oder 40 Prozent nicht mehr
Bei frühen Wahlerfolgen der AfD wurde häufig von einer Protestwahl gesprochen.
Diese Erklärung reicht inzwischen nicht mehr aus.
Wer eine Partei über mehrere Wahlperioden hinweg wählt und ihr in Umfragen Werte von mehr als einem Drittel zutraut, trifft nicht ausschließlich eine spontane Protestentscheidung.
Die Bundeszentrale für politische Bildung betont, dass ideologische Nähe zur AfD einen wichtigen Einfluss auf die Wahlentscheidung besitzt.
Das bedeutet: Ein Teil der Wähler entscheidet sich inzwischen bewusst wegen konkreter politischer Positionen für die Partei.
Die Vorstellung, fast alle AfD-Wähler wollten lediglich den etablierten Parteien einen Denkzettel verpassen, unterschätzt diese Entwicklung.
Warum viele Westdeutsche die Entwicklung schwer nachvollziehen
Der größte Verständnisfehler liegt möglicherweise darin, Ost- und Westdeutschland als zwei Regionen mit derselben politischen Vergangenheit zu betrachten.
Sie teilen seit 1990 dieselbe staatliche Ordnung, aber nicht dieselbe historische Erfahrung dieser Ordnung.
Für die Mehrheit der Westdeutschen bedeutete die Bundesrepublik jahrzehntelang Stabilität.
Für viele Ostdeutsche begann die persönliche Erfahrung mit dieser Bundesrepublik dagegen gleichzeitig mit Arbeitsplatzverlust, Abwanderung, Privatisierung und tiefgreifender gesellschaftlicher Neuordnung.
Das heißt nicht, dass diese Erfahrungen zwangsläufig zur AfD führen.
Es erklärt aber, warum Vertrauen in bestehende Institutionen und Parteien unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann.
Der Westen unterschätzt häufig das Gefühl des Kontrollverlustes
Im politischen Streit wird oft über objektive Zahlen gesprochen.
Wähler reagieren jedoch nicht nur auf Statistik, sondern auch auf Kontroll- und Einflusswahrnehmung.
Wenn ein Krankenhaus schließt, eine Schule zusammengelegt wird, der Bus seltener fährt und gleichzeitig über Milliardenprogramme in Berlin diskutiert wird, entsteht lokal schnell ein anderes Bild staatlicher Leistungsfähigkeit als in einer prosperierenden Großstadt.
Der Deutschland-Monitor bestätigt diese Verbindung zwischen struktureller Schwäche und geringer politischer Unterstützung.
Genau hier stößt der westdeutsche Blick häufig an Grenzen.
Lebensrealitäten in Hamburg, München, Köln oder Frankfurt am Main sind nicht automatisch mit denen in der Altmark, Vorpommern oder der Lausitz vergleichbar.
Die politische Sprache spielt ebenfalls eine Rolle
Hinzu kommt ein kulturelles Problem.
Politische Kommunikation wird zunehmend von bundespolitischen Debatten, sozialen Netzwerken und großstädtischen Medienmilieus geprägt.
Wenn Menschen ihre Alltagssorgen darin nicht wiedererkennen, wächst der Eindruck politischer Distanz.
Die AfD nutzt genau diese Distanz kommunikativ.
Sie präsentiert sich als Gegenpol zu einem politischen Establishment und behauptet, Dinge auszusprechen, die andere Parteien nicht benennen wollten.
Ob ihre Lösungen tatsächlich funktionieren würden, ist eine andere Frage.
Politisch erfolgreich ist zunächst die Botschaft: Wir hören euch anders zu als die anderen.
Ausgrenzung kann die AfD gleichzeitig schwächen und stärken
Ein weiteres Paradox betrifft den Umgang der anderen Parteien mit der AfD.
CDU, SPD, Grüne und Linke lehnen Koalitionen mit ihr ab. Die CDU-Bundesführung hat diese Linie aktuell noch einmal ausdrücklich bekräftigt.
Aus demokratischer und programmatischer Sicht haben diese Parteien dafür jeweils eigene Gründe.
Aus Sicht vieler AfD-Wähler entsteht jedoch ein anderes Bild: Selbst wenn ihre Partei stärkste Kraft wird, werde sie grundsätzlich von Regierungsverantwortung ausgeschlossen.
Das kann bei Anhängern wiederum den Eindruck verstärken, dass ihre Stimme vom politischen System nicht ernst genommen werde.
Damit entsteht ein Kreislauf, aus dem die etablierten Parteien bislang kaum einen überzeugenden Ausweg gefunden haben.
Der Osten ist keineswegs politisch einheitlich
Trotzdem wäre es falsch, von „den Ostdeutschen“ zu sprechen.
Berlin stimmt anders als ländliche Regionen Brandenburgs. Leipzig entwickelt sich politisch anders als Teile der Lausitz. Universitätsstädte unterscheiden sich deutlich von schrumpfenden ländlichen Regionen.
Selbst beim Verhältnis zu gesellschaftlichem Wandel zeigt der Deutschland-Monitor zwischen Ost und West insgesamt überraschend geringe Unterschiede.
Der entscheidende Gegensatz verläuft deshalb zunehmend nicht nur zwischen Ost und West.
Er verläuft zwischen Regionen mit Wachstum und Regionen mit Verlust, zwischen Menschen mit hoher und niedriger politischer Selbstwirksamkeit und zwischen jenen, die gesellschaftlichen Wandel als Chance erlebt haben, und jenen, die ihn vor allem mit Unsicherheit verbinden.
Mecklenburg-Vorpommern zeigt, wie weit die Verschiebung inzwischen reicht
Die aktuellen Zahlen machen die Dimension deutlich.
In Mecklenburg-Vorpommern erreicht die AfD im Juli-Ländertrend 36 Prozent. Die SPD kommt auf 29 Prozent, die Linke auf zwölf, die CDU auf neun und die Grünen auf fünf Prozent.
Noch 2022 lag die AfD dort bei 19 Prozent.
Innerhalb von vier Jahren hat sich ihr Umfragewert damit nahezu verdoppelt. Gleichzeitig fiel die CDU von 19 Prozent im Jahr 2024 auf derzeit neun Prozent.
Das ist keine gewöhnliche Schwankung mehr.
Es ist eine Neuordnung des Parteiensystems.
Wer die AfD zurückdrängen will, muss zuerst ihre Wähler verstehen
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob man Positionen der AfD gutheißt.
Politische Analyse beginnt damit, zu verstehen, warum Menschen eine Partei wählen.
Wer Millionen ostdeutsche AfD-Wähler lediglich als uninformiert, radikal oder demokratiefern beschreibt, erklärt wenig und riskiert, die vorhandene Distanz noch zu vergrößern.
Genauso falsch wäre es allerdings, problematische oder extremistische Positionen innerhalb der Partei zu verharmlosen. Die AfD in Sachsen-Anhalt wird vom dortigen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.
Beides kann gleichzeitig wahr sein: Eine Partei kann radikale Positionen vertreten – und ihre Wähler können dennoch reale wirtschaftliche, soziale und politische Erfahrungen haben, die erklären, weshalb sie ihr ihre Stimme geben.
Genau diese Unterscheidung fehlt in der deutschen Debatte häufig.
Der AfD-Aufstieg ist auch eine Warnung an die anderen Parteien
Der Erfolg der AfD im Osten lässt sich deshalb weder mit einem einzigen Schlagwort noch mit einem vermeintlichen „ostdeutschen Sonderweg“ erklären.
Er ist das Ergebnis von wirtschaftlicher Transformation, schwächeren traditionellen Parteibindungen, regionalen Strukturproblemen, Repräsentationsdefiziten, Migration als politischem Konfliktthema und einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber politischen Institutionen.
Wer diese Faktoren ignoriert, wird die politische Verschiebung kaum umkehren.
Die eigentliche Herausforderung für CDU, SPD, Grüne, Linke und andere Parteien besteht daher nicht darin, Ostdeutschen zu erklären, weshalb sie „falsch“ wählen.
Sie müssen ihnen zeigen, warum ihre eigene Politik im Alltag einen Unterschied macht.
Solange ihnen das nicht gelingt, dürfte die AfD im Osten eher weiter von der Unzufriedenheit profitieren als an Unterstützung verlieren.
Quellen
Infratest dimap – Mecklenburg-VorpommernTREND Juli 2026
Bundesregierung / Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland – Bericht 2025 „35 Jahre: Aufgewachsen in Einheit?“
Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland – Deutschland-Monitor 2025
Bundeszentrale für politische Bildung – Wahlergebnisse und Wählerschaft der AfD
Bundeszentrale für politische Bildung – Wahlverhalten in Ost- und Westdeutschland
Bundeszentrale für politische Bildung – Populismus in Ost und West
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung – Finanzkraft und wirtschaftliche Unterschiede zwischen den Bundesländern