Vier mittelalterliche Stadttore prägen seit Jahrzehnten das öffentliche Bild Neubrandenburgs. Doch reichen Backsteingotik, Konzertkirche und Tollensesee aus, um Fachkräfte, Unternehmen und Gäste dauerhaft für die Stadt zu gewinnen? Mit einer großen Befragung sucht Neubrandenburg nun nach einem klareren Profil. Die entscheidende Frage ist allerdings nicht, welche Begriffe am Ende auf einem Plakat stehen – sondern welche Veränderungen daraus tatsächlich folgen.

NEUBRANDENBURG. Wer die Stadt von außen betrachtet, verbindet sie häufig zuerst mit ihren vier historischen Toren. Das Motiv ist bekannt, leicht verständlich und tief in der kommunalen Selbstdarstellung verankert. Doch eine Stadtmarke soll mehr leisten als ein Wiedererkennungszeichen.

Sie soll erklären, warum Menschen hier leben, arbeiten, investieren oder Urlaub machen sollen. Genau deshalb hat die Vier-Tore-Stadt am 23. Juli 2026 eine rund 15-minütige Online-Befragung gestartet. Teilnehmen können Einwohner, Berufspendler und Gäste. Die Befragung läuft bis zum 30. September, ist anonym und soll ein möglichst breites Bild davon liefern, wie Neubrandenburg heute wahrgenommen wird.

Gefragt wird unter anderem:

  • Was macht Neubrandenburg besonders?
  • Welche Stärken werden mit der Stadt verbunden?
  • Welche Eigenschaften prägen ihr Image?
  • Welche Themen sollten künftig stärker hervorgehoben werden?
  • Wofür soll Neubrandenburg außerhalb der Region bekannt sein?

Die Ergebnisse sollen in die künftige Ausrichtung des Stadtmarketings einfließen. Die Stadt möchte ihre Stärken sichtbarer machen und Neubrandenburg nach innen wie nach außen klarer positionieren.

Nicht am Schreibtisch entscheiden

Verantwortet wird der Markenprozess durch die Veranstaltungszentrum Neubrandenburg GmbH. Deren Leiterin für Marke und Marketing, Carolin Heinrich, betont, dass die Identität einer Stadt nicht allein von einer Agentur oder Verwaltung festgelegt werden könne.

„Eine starke Stadtmarke entsteht nicht am Schreibtisch. Sie entsteht aus den Erfahrungen, Eindrücken und Geschichten der Menschen, die hier leben, arbeiten oder zu Gast sind.“

Die Aussage beschreibt den Anspruch des Verfahrens: Das neue Profil soll nicht künstlich über die Stadt gelegt werden, sondern aus vorhandenen Wahrnehmungen und tatsächlichen Stärken entstehen.

Der Prozess begann bereits am 12. und 13. März 2026. Beim ersten Markenforum kamen knapp 100 Vertreter aus Stadtgesellschaft, Wirtschaft, Kultur, Sport, Tourismus, Politik und Verwaltung zusammen. In moderierten Gesprächsrunden diskutierten sie darüber, wie Neubrandenburg aktuell wahrgenommen wird und wie sich die Stadt künftig präsentieren sollte.

Dabei ging es nicht nur um Tourismuswerbung. Besprochen wurden auch:

  • die Gewinnung von Fachkräften,
  • die Rolle des Sports für die Stadt,
  • wichtige Zielgruppen des Stadtmarketings,
  • die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Kultur,
  • die Sichtbarkeit der Stadtmarke bei Veranstaltungen,
  • die langfristige Organisation des Stadtmarketings.

Als Beispiel stellte die Bielefeld Marketing GmbH ihren eigenen Markenprozess vor, der seit mehr als zehn Jahren schrittweise weiterentwickelt wird. Neubrandenburg orientiert sich damit an einem Modell, bei dem eine Stadtmarke nicht als einmalige Werbekampagne, sondern als dauerhafter Prozess verstanden wird.

Ein neues Logo allein löst keine Probleme

Stadtmarketing kann Aufmerksamkeit schaffen. Es kann vorhandene Angebote bündeln, Erfolgsgeschichten erzählen und ein einheitlicheres Erscheinungsbild entwickeln. Es kann jedoch keine fehlenden Arbeitsplätze, schlechten Bahnverbindungen oder ungenutzten Innenstadtflächen ersetzen.

Genau hier liegt der zentrale Konflikt des Projekts. Neubrandenburg will attraktiver für Fachkräfte, Investoren, Besucher und die eigene Bevölkerung werden. Diese Zielgruppen beurteilen die Stadt aber nicht allein anhand von Werbemotiven.

Für ihre Entscheidung zählen ebenso:

  • verfügbare und bezahlbare Wohnungen,
  • attraktive Arbeitsplätze und Löhne,
  • Schulen, Kitas und medizinische Versorgung,
  • Zug- und Straßenverbindungen,
  • Kultur- und Freizeitangebote,
  • Sicherheit und Sauberkeit,
  • die Qualität der Innenstadt,
  • berufliche Perspektiven für Partner und Familien.

Eine neue Stadtmarke kann solche Faktoren sichtbar machen. Sie kann Defizite aber nicht überdecken. Wird das Marketingversprechen größer als die tatsächliche Erfahrung vor Ort, droht die Kampagne unglaubwürdig zu werden.

Deshalb sollte der Prozess nicht mit einem Logo, einer Farbwelt oder einem neuen Werbesatz enden. Notwendig sind konkrete Maßnahmen, an denen Bürger und Unternehmen erkennen können, was sich verändert.

Fachkräfte werden zum ersten Testfall

Die Veranstaltungszentrum Neubrandenburg GmbH kündigt an, aus dem Markenprozess erste Pilotprojekte zu entwickeln. Als Beispiel nennt sie die Gewinnung von Fachkräften – zunächst mit einem Schwerpunkt auf Ärzten. Dabei sollen Stadtmarketing, Wirtschaftsförderung sowie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt enger zusammenarbeiten.

Das ist ein sinnvoller Testfall. Denn medizinische Fachkräfte entscheiden sich selten allein wegen einer Stellenanzeige für eine Region. Relevant sind ebenso Wohnumfeld, berufliche Möglichkeiten für Angehörige, Schulen, Freizeitangebote und die Erreichbarkeit größerer Städte.

Eine funktionierende Stadtmarke könnte diese Angebote gebündelt darstellen und Bewerbern ein realistisches Bild vermitteln. Entscheidend bleibt jedoch, ob genügend Stellen, Praxismöglichkeiten und attraktive Arbeitsbedingungen vorhanden sind.

Das Beispiel zeigt den Unterschied zwischen Werbung und Standortentwicklung: Marketing kann Aufmerksamkeit erzeugen. Die tatsächlichen Gründe für einen Umzug müssen andere Akteure schaffen.

Wer wird in der Befragung tatsächlich erreicht?

Die Online-Umfrage ist niedrigschwellig und dauert nach Angaben der Verantwortlichen etwa 15 Minuten. Personenbezogene Daten sollen nicht gespeichert werden; die Auswertung erfolgt zusammengefasst und nach den Vorgaben des Datenschutzes.

Trotzdem stellt sich die Frage, wie repräsentativ die Ergebnisse sein werden. An offenen Online-Befragungen beteiligen sich häufig vor allem Menschen, die besonders stark interessiert, engagiert oder unzufrieden sind. Gruppen mit geringer digitaler Nutzung werden dagegen möglicherweise schlechter erreicht.

Für ein ausgewogenes Bild wäre deshalb wichtig, zusätzlich gezielt mit Menschen zu sprechen, die bei üblichen Beteiligungsformaten seltener vorkommen:

  • Jugendliche und Auszubildende,
  • ältere Einwohner,
  • Menschen in den äußeren Stadtteilen,
  • Berufspendler,
  • Studierende,
  • Zugewanderte,
  • kleine Gewerbetreibende,
  • Menschen, die Neubrandenburg verlassen haben.

Gerade die Perspektive ehemaliger Einwohner könnte aufschlussreich sein. Wer die Stadt verlassen hat, kann häufig konkret benennen, welche beruflichen, sozialen oder kulturellen Angebote gefehlt haben.

Neue Strukturen für das Stadtmarketing

Der Markenprozess ist Teil einer größeren Neuordnung. Die Stadt hat ihr Stadtmarketing 2026 formell neu aufgestellt und stärker bei der Veranstaltungszentrum Neubrandenburg GmbH gebündelt. Das Markenforum sollte dabei den inhaltlichen Startpunkt bilden.

Bis Ende 2026 sollen Aufgaben, Rollen und Organisationsstrukturen geklärt werden. Zugleich soll feststehen, wofür die Marke Neubrandenburg künftig steht und wie sie im Alltag sichtbar werden kann. Anfang 2027 ist ein zweites Markenforum vorgesehen, bei dem die bisherigen Ergebnisse präsentiert und weiterentwickelt werden sollen.

Der bisherige Zeitplan sieht damit mehrere Stufen vor:

  • Markenforum im März 2026,
  • öffentliche Online-Befragung bis 30. September,
  • Auswertung und Schärfung der Stadtmarke bis zum Herbst,
  • Klärung der Organisationsstruktur bis Ende 2026,
  • erste Pilotprojekte,
  • zweites Markenforum Anfang 2027.

Was bislang nicht öffentlich beziffert ist, sind die Gesamtkosten des Prozesses. In den zugänglichen Mitteilungen werden weder ein vollständiges Budget noch mögliche Ausgaben für externe Beratung, Gestaltung, Kampagnen oder Marktforschung genannt. Diese Angaben wären für eine transparente Bewertung wichtig.

Was soll Neubrandenburg künftig erzählen?

Die vier Tore werden auch nach dem Markenprozess nicht verschwinden. Sie gehören zur Geschichte und zum Erscheinungsbild der Stadt. Doch Neubrandenburg besitzt weitere Themen, die bislang nicht immer zu einem geschlossenen Bild verbunden werden.

Dazu gehören etwa:

  • die Lage am Tollensesee,
  • die Konzertkirche und die Philharmonie,
  • Sport und leistungsstarke Vereine,
  • Gesundheitswirtschaft und Klinikum,
  • Hochschule und Ausbildung,
  • Industrie und Mittelstand,
  • die Funktion als regionales Zentrum,
  • vergleichsweise kurze Wege zwischen Stadt und Natur.

Die Herausforderung besteht darin, daraus kein beliebiges Sammelsurium zu machen. Fast jede Stadt wirbt mit Lebensqualität, Natur, Kultur und guten Arbeitsbedingungen. Eine glaubwürdige Marke muss deshalb herausarbeiten, was Neubrandenburg tatsächlich von vergleichbaren Städten unterscheidet.

Das kann auch bedeuten, Widersprüche anzuerkennen: historische Stadtmauer und DDR-Architektur, regionales Zentrum und ländliches Umfeld, kultureller Anspruch und wirtschaftlicher Strukturwandel.

Ein glaubwürdiges Profil muss solche Gegensätze nicht verstecken. Es kann sie als Teil der Identität sichtbar machen.

Entscheidend wird die Umsetzung

Die Marken-Umfrage ist ein nachvollziehbarer Schritt, um mehr Menschen einzubeziehen. Ihr Erfolg lässt sich jedoch nicht allein an der Zahl der ausgefüllten Fragebögen messen.

Am Ende müssen überprüfbare Antworten stehen:

  • Welche Erkenntnisse brachte die Befragung?
  • Welche Kritik wurde besonders häufig genannt?
  • Welche Zielgruppen sollen künftig angesprochen werden?
  • Welche Maßnahmen folgen daraus?
  • Was kostet die Umsetzung?
  • Wer trägt langfristig die Verantwortung?
  • Woran wird der Erfolg gemessen?

Bleiben diese Fragen unbeantwortet, droht der Prozess auf ein neues Erscheinungsbild und einige Werbekampagnen reduziert zu werden.

Neubrandenburg sucht deshalb nicht nur ein neues Image. Die Stadt muss entscheiden, welches Versprechen sie künftig abgeben kann – und welche politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen nötig sind, damit dieses Versprechen im Alltag glaubwürdig bleibt.

Quellen und Datenbasis

  1. Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg: Pressemitteilung vom 23. Juli 2026 zur Onlinebefragung, Teilnahmefrist und Zielsetzung des Markenprozesses.
  2. Veranstaltungszentrum Neubrandenburg GmbH: Zeitplan, Ergebnisse des Markenforums, geplante Organisationsstruktur und erste Pilotprojekte.
  3. Stadt Neubrandenburg und Dokumentation des Markenforums: Teilnehmerkreis, politische Zielsetzung und geplantes zweites Forum Anfang 2027.