Die Deutsche Bahn lehnt eine Rückkehr der früheren Bäderzüge aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen an die Ostsee ab. Sie verweist auf veränderte Reisegewohnheiten, bestehende Verbindungen und Umsteigemöglichkeiten. Auf dem Papier klingt das nachvollziehbar. Für Familien, ältere Menschen und Reisende aus kleineren ostdeutschen Städten sieht die Wirklichkeit jedoch anders aus.

Wer in Berlin, Leipzig, Halle oder Erfurt in den Zug steigt, findet meist mehrere Fernverkehrsverbindungen am Tag. Wer dagegen in Zittau, Weißwasser, Nordhausen oder einer kleineren Kreisstadt lebt, beginnt seine Reise häufig mit einem Regionalzug, muss an einem größeren Bahnhof umsteigen und darf anschließend hoffen, dass die Anschlüsse funktionieren.

Das ist kein Komfortproblem für wenige Bahnliebhaber. Es ist eine Frage gleichwertiger Lebensverhältnisse.

Die Bahn plant von den Metropolen aus

Das heutige Fernverkehrsnetz folgt einer nachvollziehbaren wirtschaftlichen Logik: Viele Fahrgäste, kurze Haltezeiten und schnelle Verbindungen zwischen großen Städten. Die ICE-Sprinter verbinden vor allem Metropolen und bedeutende Verkehrsknoten. Für Berlin und Leipzig weist die Bahn beispielsweise zahlreiche tägliche Direktverbindungen aus.

Diese Konzentration hat jedoch eine Kehrseite. Ganze Regionen werden zu Zubringergebieten degradiert. Ihre Einwohner dürfen zwar Regionalzüge benutzen, sollen aber für längere Reisen zunächst einen Fernverkehrsbahnhof erreichen.

Von Erfurt nach Rostock gibt es derzeit keine direkte Verbindung. Reisende müssen mindestens einmal umsteigen. Selbst zwischen zwei bedeutenden ostdeutschen Städten dauert die schnellste Verbindung nach Bahnangaben knapp vier Stunden.

Aus kleineren Orten kommen weitere Regionalzugfahrten und zusätzliche Umstiege hinzu. Eine Reise an die Ostsee kann dadurch schon vor der eigentlichen Urlaubsfahrt anstrengend werden.

Umsteigen ist nicht für alle gleich einfach

Verkehrsplaner betrachten Umstiege häufig als normale Bestandteile einer Reisekette. Für einen allein reisenden Erwachsenen mit kleinem Rucksack mag das stimmen.

Eine Familie mit zwei Kindern, Kinderwagen und mehreren Koffern erlebt dieselbe Verbindung anders. Das gilt auch für ältere Menschen, Reisende mit körperlichen Einschränkungen und Urlauber, die Fahrräder mitnehmen möchten.

Schon eine verspätete Regionalbahn kann die gesamte Verbindung zerstören. Dann beginnt die Suche nach einem neuen Zug, freien Sitzplätzen und möglicherweise zusätzlichen Reservierungen.

Wer solche Erfahrungen mehrfach gemacht hat, entscheidet sich beim nächsten Urlaub wieder für das Auto. Genau darüber darf sich die Bahn anschließend nicht beklagen.

Die früheren Bäderzüge waren mehr als Ostalgie

Die Forderung nach direkten Sommerzügen wird schnell als sentimentaler Rückblick auf die DDR abgetan. Das greift zu kurz.

Die früheren Bäderzüge verbanden Städte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ohne Umstieg mit Stralsund und anderen Küstenzielen. Sie entstanden in einer anderen Zeit und unter anderen politischen Bedingungen. Nach der Wiedervereinigung verschwanden die meisten dieser Verbindungen, weil sich Reiseziele, Autobesitz und Nachfrage veränderten.

Niemand verlangt ernsthaft, das alte System unverändert zurückzubringen. Doch die Grundidee bleibt vernünftig: In der Hauptreisezeit werden Regionen mit einem gemeinsamen Ziel durch direkte Züge verbunden.

Das ist keine Nostalgie, sondern ein erprobtes Verkehrskonzept.

Ein saisonaler Zug muss nicht täglich fahren

Die Bahn argumentiert, dass das heutige Reiseverhalten individueller sei. Das stimmt. Daraus folgt aber nicht, dass Direktzüge grundsätzlich unwirtschaftlich wären.

Eine moderne Verbindung müsste nicht täglich das ganze Jahr über verkehren. Denkbar wären Fahrten an Freitagen, Samstagen und Sonntagen während der Sommerferien. Der Zug könnte mehrere mittlere Städte verbinden und anschließend ohne weiteren Umstieg nach Rostock, Stralsund oder auf die Insel Rügen fahren.

Ein solches Angebot ließe sich zunächst für eine oder zwei Ferienzeiten testen. Erst danach müsste entschieden werden, ob die Nachfrage einen dauerhaften Betrieb rechtfertigt.

Andere saisonale Verkehrsangebote werden ebenfalls nicht deshalb verworfen, weil sie außerhalb ihrer Hauptzeit weniger Fahrgäste hätten.

Die Ostsee ist kein Nischenziel

Die Küstenorte gehören weiterhin zu den wichtigsten Urlaubszielen Deutschlands. In der Hauptsaison sind Zufahrtsstraßen überlastet, Parkplätze knapp und viele Orte mit Autoverkehr überfordert.

Die Bahn bietet zwischen Berlin und Rostock zahlreiche Verbindungen an. Für Reisende aus Berlin ist die Ostsee damit vergleichsweise gut erreichbar. Auch das Stadt-Land-Meer-Ticket richtet sich vor allem an Fahrten zwischen Berlin beziehungsweise Brandenburg und den Küstenstädten Rostock, Stralsund und Wismar.

Warum sollte ein ähnliches saisonales Angebot aus Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen von vornherein ausgeschlossen werden?

Gerade für Regionen, die seit Jahren über schwache Fernverkehrsanbindungen klagen, wäre eine solche Verbindung ein sichtbares Signal: Ihr gehört weiterhin zum Bahnland Deutschland.

Der Deutschlandtakt darf das Land nicht vergessen

Der geplante Deutschlandtakt verspricht schnellere und besser abgestimmte Verbindungen. Wichtige Hauptachsen sollen künftig im Halbstundentakt bedient werden. Davon sollen durch abgestimmte Nahverkehrsanschlüsse auch Menschen außerhalb der Großstädte profitieren.

Dieses Konzept ist grundsätzlich richtig. Doch auch der beste Takt ersetzt nicht jede Direktverbindung.

Ein Umstieg bleibt ein Umstieg. Eine verpasste Verbindung bleibt eine verpasste Verbindung. Und ein Bahnhof ohne Fernverkehrshalt bleibt für viele Reisende ein Zeichen, dass ihre Region in den großen Planungen nur am Rand vorkommt.

Der ländliche Raum braucht beides: verlässliche Anschlüsse an die Hauptachsen und gezielte direkte Angebote für besonders stark nachgefragte Reiseziele.

Nicht jede Strecke muss sofort Gewinn bringen

Die Deutsche Bahn ist ein Unternehmen. Sie muss wirtschaftlich arbeiten und kann keine leeren Züge durch das Land schicken.

Sie gehört jedoch vollständig dem Bund und erfüllt eine öffentliche Aufgabe. Verkehrspolitik darf deshalb nicht ausschließlich danach beurteilt werden, welche Verbindung kurzfristig den höchsten Ertrag bringt.

Straßen in dünn besiedelten Regionen werden ebenfalls nicht geschlossen, weil dort weniger Fahrzeuge fahren als auf einer Autobahn bei Berlin. Schulen, Krankenhäuser und Feuerwehren werden nicht allein nach maximaler Auslastung verteilt.

Mobilität ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie entscheidet darüber, ob Menschen Arbeitsplätze erreichen, Verwandte besuchen und ohne eigenes Auto verreisen können.

Die Bahn sollte einen Sommerzug testen

Die Forderung muss konkret und überprüfbar sein.

Für den Sommer 2027 sollte ein saisonaler Direktzug aus Mitteldeutschland an die Ostsee erprobt werden. Als Ausgangspunkt kämen beispielsweise Südostsachsen oder Thüringen infrage. Unterwegs könnten weitere Städte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg angebunden werden.

Der Zug müsste ausreichend Platz für Familiengepäck und Fahrräder bieten. Er sollte früh am Morgen Richtung Küste und am Nachmittag oder Abend zurückfahren. Die Buchungszahlen würden anschließend zeigen, ob die Nachfrage vorhanden ist.

Ein solcher Test wäre ehrlicher als eine pauschale Absage vom Schreibtisch aus.

Gleichwertige Lebensverhältnisse beginnen am Bahnhof

Menschen auf dem Land erwarten nicht an jedem Bahnhof einen ICE im Stundentakt. Sie wissen, dass ein kleiner Ort nicht dieselben Verbindungen haben kann wie Berlin oder Leipzig.

Sie dürfen aber erwarten, dass Verkehrspolitik ihre Bedürfnisse ernst nimmt und neue Angebote zumindest prüft.

Wer ständig vom Umstieg auf den öffentlichen Verkehr spricht, muss auch attraktive öffentliche Verbindungen schaffen. Wer den ländlichen Raum stärken will, darf ihn nicht dauerhaft zum Umsteigeland machen.

Die früheren Bäderzüge müssen nicht als Museumsverkehr zurückkehren. Ihre wichtigste Idee ist jedoch hochaktuell: Auch Menschen außerhalb der Metropolen verdienen eine direkte Verbindung zu wichtigen Reisezielen.