Kommentar zum Arbeitsmarkt

Ostdeutschlands Wirtschaft braucht ausländische Arbeitskräfte, doch erfolgreiche Zuwanderung entscheidet sich an Beschäftigung und Integration.

68,3 Milliarden Euro direkte Wertschöpfung sind kein politisches Gefühl, sondern eine wirtschaftliche Größenordnung. Ausländische Beschäftigte sind für Ostdeutschland längst unverzichtbar geworden. Trotzdem wäre es ebenso falsch, daraus die Botschaft abzuleiten, jede Form von Zuwanderung sei automatisch ein wirtschaftlicher Gewinn.

Die Zahlen lassen sich nicht wegdiskutieren

Die neue Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft trifft einen empfindlichen Punkt der ostdeutschen Debatte. Beschäftigte ohne deutschen Pass erwirtschafteten 2025 unmittelbar 68,3 Milliarden Euro beziehungsweise 10,5 Prozent der ostdeutschen Wertschöpfung. Unter Einbeziehung weiterer wirtschaftlicher Effekte errechnet das IW sogar 92,4 Milliarden Euro.

Gleichzeitig verliert der Osten einheimische Arbeitskräfte.

Die Bevölkerung altert. Jahr für Jahr erreichen geburtenstarke Jahrgänge das Rentenalter, während vielerorts nicht genügend junge Beschäftigte nachrücken.

Wer unter diesen Bedingungen behauptet, Ostdeutschland könne seinen Wohlstand dauerhaft ohne Zuwanderung sichern, ignoriert die wirtschaftliche Realität.

Migration und Arbeitsmigration sind nicht dasselbe

Genauso falsch ist allerdings die andere Vereinfachung.

Aus der Tatsache, dass ausländische Beschäftigte einen erheblichen wirtschaftlichen Beitrag leisten, folgt nicht, dass jede Zuwanderung gleichermaßen sinnvoll ist.

Eine funktionierende Einwanderungspolitik muss unterscheiden.

Wer einen Arbeitsplatz hat, eine Ausbildung absolviert, Steuern und Sozialabgaben zahlt und dauerhaft seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, stärkt ein Land auf eine andere Weise als jemand, dessen Aufenthalt über Jahre ungeklärt bleibt und der keinen Zugang zum Arbeitsmarkt findet.

Diese Unterscheidung ist weder unmenschlich noch fremdenfeindlich. Sie ist Voraussetzung einer glaubwürdigen Einwanderungspolitik.

Der Osten braucht Menschen, die bleiben wollen

Die Bundesagentur für Arbeit weist schon länger darauf hin, dass ausländische Arbeitnehmer einen erheblichen Teil des Beschäftigungswachstums in Deutschland tragen. Zwischen 2014 und 2025 wurde der Beschäftigungsaufbau überwiegend durch Beschäftigte ohne deutsche Staatsangehörigkeit getragen.

Für Ostdeutschland ist die Herausforderung noch größer.

Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern konkurrieren nicht nur miteinander um Arbeitskräfte. Sie konkurrieren mit Bayern, Baden-Württemberg, Österreich, der Schweiz und zunehmend auch mit den wirtschaftlich aufholenden Staaten Mittel- und Osteuropas.

Ein polnischer Ingenieur oder eine tschechische Facharbeiterin muss heute nicht nach Sachsen gehen. Ein indischer IT-Spezialist muss nicht in Thüringen arbeiten.

Wer qualifizierte Menschen gewinnen will, muss ihnen deshalb etwas anbieten.

Gute Löhne. Bezahlbaren Wohnraum. Funktionierende Schulen. Schnelle Behörden. Sicherheit. Verlässliche Regeln. Und das Gefühl, willkommen zu sein, wenn man seinen Beitrag leisten will.

Unternehmen brauchen keine Sonntagsreden

Besonders in kleinen ostdeutschen Städten entscheidet sich die Zukunft nicht in migrationspolitischen Grundsatzpapieren.

Sie entscheidet sich beim Bäcker, der keinen Nachfolger findet. Beim Pflegeheim, dem Mitarbeiter fehlen. Beim Maschinenbauer, der Ausbildungsplätze nicht besetzen kann. Beim Handwerksbetrieb, dessen Chef Aufträge ablehnen muss.

Diesen Unternehmen hilft es nicht, wenn Politik jedes Problem unter dem Begriff „Fachkräftemangel“ zusammenfasst und anschließend eine Kampagne startet.

Sie brauchen Menschen.

Deshalb sollte der Staat arbeitswilligen und qualifizierten Zuwanderern das Leben leichter machen: schnellere Anerkennung von Abschlüssen, weniger Bürokratie, bessere Sprachförderung und deutlich schnellere Entscheidungen über Aufenthalt und Arbeit.

Wer Integration fordert, muss sie ermöglichen

Zur Wahrheit gehört aber auch die andere Seite.

Wer dauerhaft in Deutschland leben möchte, muss sich auf dieses Land einlassen.

Deutschkenntnisse, Respekt vor Gesetzen, die Anerkennung der freiheitlichen Gesellschaft und die Bereitschaft, den eigenen Lebensunterhalt soweit möglich selbst zu verdienen, sind keine überzogenen Forderungen.

Integration funktioniert nicht, wenn der Staat keine Erwartungen mehr formuliert.

Sie funktioniert aber ebenso wenig, wenn jemand arbeitet, Steuern zahlt und seit Jahren im Land lebt, gleichzeitig jedoch monatelang auf einen Termin bei der Ausländerbehörde warten muss.

Ein handlungsfähiger Staat muss beides können: fordern und ermöglichen.

Der Osten sollte die Debatte selbstbewusst führen

Ostdeutschland hat bei diesem Thema wenig Zeit für ideologische Grabenkämpfe.

Die Zahlen zeigen, dass ausländische Beschäftigte bereits heute einen wichtigen Teil der Wirtschaftsleistung erwirtschaften. Die Bundesagentur für Arbeit dokumentiert ebenfalls die wachsende Bedeutung internationaler Beschäftigung für den deutschen Arbeitsmarkt.

Das bedeutet nicht, dass jede Kritik an der deutschen Migrationspolitik falsch ist.

Im Gegenteil: Gerade weil der Osten Zuwanderung braucht, muss er stärker darauf achten, welche Zuwanderung gelingt und welche Strukturen Integration verhindern.

Deutschland braucht Kontrolle an seinen Grenzen und Kontrolle darüber, wer bleiben darf. Ostdeutschland braucht gleichzeitig offene Türen für Menschen, die hier arbeiten, Unternehmen gründen, Familien aufbauen und Teil dieser Gesellschaft werden wollen.

Beides widerspricht sich nicht.

Eine vernünftige Einwanderungspolitik ist weder „offene Grenzen“ noch „niemanden hereinlassen“. Sie sorgt dafür, dass diejenigen kommen und bleiben können, die gemeinsam mit uns etwas aufbauen wollen. Für Ostdeutschland wird genau das zu einer der entscheidenden Wirtschaftsfragen der kommenden Jahre.

Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft; Bundesagentur für Arbeit