Einen Monat vor der Landtagswahl gerät die bisherige politische Ordnung in Sachsen-Anhalt ins Wanken. Zwei aktuelle Erhebungen sehen die AfD mit 41 Prozent deutlich vor allen anderen Parteien. Für die CDU und ihre bisherigen Koalitionspartner wird die Suche nach einer tragfähigen Mehrheit damit zur größten Herausforderung des Wahlkampfs.
Am 6. September 2026 wählen die Bürgerinnen und Bürger in Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Nach dem aktuellen Wahltrend liegt die AfD unverändert bei 41 Prozent. Die CDU folgt mit 24 Prozent und damit 17 Prozentpunkte hinter der stärksten Kraft.
Die Linke erreicht im gewichteten Durchschnitt der jüngsten Umfragen 13,4 Prozent. Die SPD kommt auf 6,1 Prozent. Grüne, BSW und FDP liegen derzeit unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde. Der Wahltrend berücksichtigt die jüngsten Erhebungen von Infratest dimap und INSA mit insgesamt 2.149 Befragten.
AfD könnte ihr Ergebnis von 2021 nahezu verdoppeln
Bei der Landtagswahl 2021 erreichte die AfD 20,8 Prozent. Sollte sie bei der kommenden Wahl tatsächlich auf 41 Prozent kommen, hätte sie ihren Stimmenanteil innerhalb von fünf Jahren nahezu verdoppelt.
Die CDU müsste dagegen erhebliche Verluste hinnehmen. Sie erhielt 2021 noch 37,1 Prozent und wurde mit deutlichem Abstand stärkste Kraft. Im aktuellen Wahltrend steht sie nur noch bei 24 Prozent – ein Rückgang um mehr als 13 Prozentpunkte.
Auch die gegenwärtige Regierungskoalition aus CDU, SPD und FDP hätte nach den derzeitigen Zahlen keine parlamentarische Mehrheit mehr. Die FDP würde mit aktuell 3,4 Prozent sogar den Wiedereinzug in den Landtag verpassen. Für die Grünen und das BSW ist die Lage ebenfalls unsicher.
CDU, Linke und SPD hätten rechnerisch eine knappe Mehrheit
Sollten nur AfD, CDU, Linke und SPD in den Landtag einziehen, käme ein Bündnis aus CDU, Linken und SPD nach einer theoretischen Berechnung auf 43 von mindestens 83 Mandaten. Damit hätte eine solche Dreierkoalition lediglich eine knappe Mehrheit.
Politisch wäre ein solches Bündnis jedoch schwierig. CDU und Linke trennen grundlegende Positionen, unter anderem in der Wirtschafts-, Finanz- und Gesellschaftspolitik. Die Frage, ob die CDU bereit wäre, mit der Linken zusammenzuarbeiten oder sich von ihr unterstützen zu lassen, dürfte deshalb zu einem der zentralen Themen der letzten Wahlkampfwochen werden.
Zugleich haben die anderen im Landtag vertretenen Parteien eine Zusammenarbeit mit der AfD bislang ausgeschlossen. Je stärker die AfD abschneidet, desto weniger rechnerische Möglichkeiten bleiben für eine Regierung ohne sie.
Fünf-Prozent-Hürde kann über die Regierung entscheiden
Eine entscheidende Rolle spielen SPD, Grüne, BSW und FDP. Bereits kleine Veränderungen innerhalb der statistischen Fehlertoleranz könnten die spätere Sitzverteilung grundlegend verändern.
In der jüngsten Infratest-dimap-Erhebung erreicht die SPD sieben Prozent und die Grünen kommen genau auf fünf Prozent. In der kurz zuvor veröffentlichten INSA-Umfrage liegt die SPD dagegen bei fünf Prozent, während Grüne, BSW und FDP jeweils nur vier Prozent erreichen.
Schaffen zusätzliche Parteien den Einzug in den Landtag, werden mehr Stimmen bei der Sitzverteilung berücksichtigt. Dadurch kann sich die Zahl der Mandate verändern, die eine Partei oder ein mögliches Bündnis für eine Mehrheit benötigt.
AfD strebt erstmals die Staatskanzlei an
Die AfD geht mit Ulrich Siegmund als Spitzenkandidaten in die Wahl. Die Partei verfolgt das Ziel, erstmals in einem Bundesland den Ministerpräsidenten zu stellen.
Ein Wahlergebnis von 41 Prozent würde jedoch nicht automatisch für eine Alleinregierung reichen. Ohne eigene absolute Mehrheit wäre die AfD auf einen Koalitionspartner, die Unterstützung anderer Abgeordneter oder zumindest eine Form der parlamentarischen Duldung angewiesen.
Da sämtliche anderen größeren Parteien eine Koalition mit der AfD ablehnen, könnte trotz ihres deutlichen Vorsprungs eine Regierung gegen die stärkste Partei gebildet werden. Genau darin liegt die besondere politische Brisanz dieser Landtagswahl.
Aus einer Landtagswahl wird eine bundesweite Richtungsentscheidung
Das Ergebnis dürfte weit über Sachsen-Anhalt hinaus wirken. Sollte die AfD mit großem Abstand stärkste Kraft werden, würde dies den Druck auf die CDU erhöhen, ihre bisherige Abgrenzungsstrategie zu erklären und zugleich eine regierungsfähige Alternative zu organisieren.
Scheitern mehrere kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde, könnte der neue Landtag im Wesentlichen aus nur vier Fraktionen bestehen. Dann stünden sich eine sehr starke AfD und ein politisch breit gefächertes Lager aus CDU, Linken und SPD gegenüber.
Die Regierungsbildung könnte dadurch länger dauern und bundesweite Debatten über Koalitionen, Minderheitsregierungen und die Zusammenarbeit zwischen bislang klar voneinander abgegrenzten Parteien auslösen.
Umfragen bleiben Momentaufnahmen
Bis zur Wahl am 6. September kann sich die politische Stimmung noch verändern. Wahlumfragen sind keine Prognosen des endgültigen Wahlergebnisses. Bei den erhobenen Werten muss außerdem mit statistischen Abweichungen von mehreren Prozentpunkten gerechnet werden.
Gerade bei Parteien nahe der Fünf-Prozent-Hürde können bereits geringe Veränderungen darüber entscheiden, ob sie überhaupt im Landtag vertreten sein werden. Die scheinbar klare Führung der AfD beantwortet deshalb noch nicht die entscheidende Frage: Wer kann nach der Wahl tatsächlich eine Regierung bilden?
Quellen
– DAWUM: Wahltrend zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 30. Juli 2026
– Infratest dimap: Sonntagsfrage zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, veröffentlicht am 30. Juli 2026
– INSA: Sonntagsfrage zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, veröffentlicht am 23. Juli 2026
– Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt: Informationen zur Landtagswahl am 6. September