Bei Erdarbeiten für den Bau eines Einfamilienhauses ist in Quedlinburg eine unterirdische Luftschutzanlage aus dem Zweiten Weltkrieg zum Vorschein gekommen. Das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt untersuchte und dokumentierte das massive Bauwerk, das über Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit geraten war.
Bei dem Fund handelt es sich nicht um einen vollwertigen Luftschutzbunker, sondern um einen sogenannten Deckungsgraben. Solche Anlagen sollten Menschen bei Luftangriffen zumindest vor herumfliegenden Splittern, einstürzenden Trümmern und Beschuss schützen. Gegen einen direkten Bombentreffer boten sie jedoch keinen ausreichenden Schutz.
Betongewölbe kam bei Erdarbeiten zum Vorschein
Nach Beginn der Arbeiten zeigte sich auf dem Grundstück zunächst die Abdeckung eines rund 2,50 Meter breiten Betongewölbes. Dieses zog sich nahezu über das gesamte Baufeld. Bei der weiteren Untersuchung wurde deutlich, dass sich darunter ein ungefähr 20 Meter langer Schutzgraben befindet.
Die gesamte Anlage nimmt gemeinsam mit zwei unterschiedlich langen Seitenarmen eine Fläche von etwa 20 mal 14 Metern ein. Die Seitenarme dienten als Zugänge beziehungsweise Ausgänge. Der Schutzbau liegt an der Kante eines Bergsporns mit Blick in das westlich anschließende Bodetal. Die Quedlinburger Altstadt befindet sich nach Angaben des Landesamtes ungefähr 600 Meter entfernt.
Bauwerk entstand aus unbewehrtem Stampfbeton
Die Konstruktion wurde abschnittsweise aus Stampfbeton ohne Stahlarmierung errichtet. Nach dem Ausheben der Baugrube entstanden zunächst der Fußboden und die jeweils etwa 45 Zentimeter breiten Seitenwände. Darüber wurde eine rund 20 Zentimeter starke, halbrunde Betondecke geformt.
An den Innenwänden sind noch heute deutliche Abdrücke der verwendeten Schalbretter zu erkennen. Die Außenseite des Gewölbes wurde dagegen geglättet und mit einem Schutzanstrich versehen.
Fünf quadratische Öffnungen in der Decke sollten die Versorgung mit Frischluft sicherstellen. Sie waren jeweils etwa 25 mal 25 Zentimeter groß. Zwei schleusenartige Zugänge mit doppelten Türen ermöglichten es, das Innere der Anlage abzuriegeln.
Schutz vor Splittern, aber nicht vor Bombentreffern
Deckungsgräben gehörten zu den einfacheren Luftschutzbauten des Zweiten Weltkriegs. Sie wurden häufig mit Erdschichten bedeckt und sollten der Bevölkerung bei Angriffen einen begrenzten Schutzraum bieten.
Im Unterschied zu massiven Luftschutzbunkern waren die Gewölbe jedoch nicht darauf ausgelegt, dem direkten Einschlag einer Bombe standzuhalten. Sie konnten Schutz vor Splittern, Beschuss und herabfallenden Trümmern bieten, blieben bei einem Volltreffer aber lebensgefährlich.
Der Quedlinburger Fund dokumentiert damit nicht nur die damalige Bauweise. Er macht auch sichtbar, unter welchen Bedingungen Menschen während des Krieges Schutz suchen mussten.
Anlage wurde in der DDR teilweise verfüllt
Zu DDR-Zeiten wurde der Deckungsgraben nach Angaben des Landesamtes unregelmäßig bis zu zwei Dritteln mit Material verfüllt. Teilweise wurden dafür die vorhandenen Lüftungsschächte vergrößert.
Anschließend entstand auf dem Gelände ein Spielplatz. Die unterirdische Anlage geriet in Vergessenheit und wurde erst durch die aktuellen Erdarbeiten wiederentdeckt.
Die Verfüllung erschwerte die Dokumentation des Innenraums. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Anlage ursprünglich etwa zwei Meter hoch war.
Sicherungskasten und elektrische Leitungen erhalten
Trotz der eingeschränkten Zugänglichkeit konnten die Archäologen mehrere technische Überreste feststellen. Dazu gehören Eisenschellen, mit denen elektrische Leitungen an den Seitenwänden befestigt waren, sowie ein Sicherungskasten mitsamt Kabelresten.
Reste früherer Sitzbänke oder anderer Einrichtungsgegenstände ließen sich dagegen nicht mehr nachweisen. Ein blind endender Abschnitt im Nordosten könnte nach Einschätzung der Experten als Platz für ein Notabort gedient haben. Diese Deutung stützt sich auf Vergleiche mit ähnlich aufgebauten Schutzanlagen.
Vermutlich war der gesamte Bau während seiner Nutzung von einer Erdaufschüttung bedeckt. Sichtbar waren demnach nur die mit Metallrohren versehenen Lüftungsschächte.
Familie darf Einfamilienhaus weiterhin bauen
Noch nicht endgültig geklärt ist, was mit der freigelegten Anlage geschieht. Nach Angaben eines Stadtsprechers darf die betroffene Familie ihr geplantes Einfamilienhaus aber in jedem Fall errichten.
Eine mögliche Lösung besteht darin, den Hohlraum vollständig zu verfüllen und die neue Bebauung darüber zu errichten. Derzeit werde geprüft, ob dies statisch möglich ist. Sollte ein Abriss des Bauwerks notwendig werden, könnten die Kosten nach Angaben der Stadt bei den Bauherren liegen. Das Landesamt steht dazu mit der Familie im Austausch.
Während eine regionale Veröffentlichung bereits davon berichtet, dass der dokumentierte Graben überbaut werde, bezeichnet der MDR die konkrete technische Lösung noch als offen. Sicher ist bislang lediglich, dass die Errichtung des Hauses nicht grundsätzlich verhindert wird.
Archäologie beschäftigt sich auch mit der jüngsten Vergangenheit
Das Landesamt ordnet den Fund der sogenannten Archäologie der Moderne zu. Diese beschäftigt sich nicht nur mit weit zurückliegenden Epochen, sondern auch mit materiellen Spuren des 19. und 20. Jahrhunderts.
Solche Befunde können Aspekte des damaligen Alltags sichtbar machen, die in schriftlichen Quellen nur unvollständig überliefert sind. Im Fall des Quedlinburger Deckungsgrabens geht es vor allem um die Organisation des zivilen Luftschutzes und die unmittelbaren Erfahrungen der Menschen im Krieg.
Das Landesamt bewertet die Anlage deshalb als eindringliches Zeugnis der damaligen Bedrohung. Menschen fanden dort zwar einen gewissen Schutz, mussten aber auf engem Raum ausharren und konnten einem direkten Bombentreffer kaum etwas entgegensetzen. Der Fund erinnere damit zugleich an den Wert friedlicher Zeiten.
Quellen
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt: Presseinformation zur Wiederentdeckung des Luftschutz-Deckungsgrabens vom 28. Juli 2026.
Goslarsche Zeitung: Bericht zur Dokumentation und geplanten Überbauung der Anlage.