Das Deutsche Zentrum für Astrophysik soll nicht erst nach seiner vollständigen Ansiedlung in der Lausitz Wirkung entfalten. Mit Dr. Stefan Ohm arbeitet nun ein Vertreter des Forschungszentrums im wissenschaftlichen Bildungsbeirat Hoyerswerdas mit. Für Schulen und Jugendliche eröffnet das neue Möglichkeiten – vorausgesetzt, aus Netzwerken entstehen dauerhaft erreichbare Angebote.
Der Bildungsbeirat berief Ohm am 8. Juli 2026 offiziell in das Gremium. Er leitet beim Deutschen Zentrum für Astrophysik die regionale Vernetzung und Wissenschaftskommunikation. Damit erhält das Forschungszentrum unmittelbaren Zugang zu einem kommunalen Beratungsgremium, das sich mit Bildungsbedarf, Defiziten und der Weiterentwicklung der Hoyerswerdaer Bildungslandschaft beschäftigt.
Der Beirat besteht aktuell aus neun Mitgliedern mit unterschiedlichen beruflichen und fachlichen Hintergründen. Noch 2026 sollen zwei weitere externe Fachleute hinzukommen: eine Professorin für inklusive Bildung und ein Professor für Soziale Arbeit. Im Mittelpunkt der gegenwärtigen Arbeit steht die Vorbereitung einer Bildungskonferenz im November.
Forschung soll vor Ort sichtbar werden
Das Deutsche Zentrum für Astrophysik befindet sich seit seiner Gründung als gemeinnützige Gesellschaft im September 2025 in der Aufbauphase. Bereits seit März 2023 unterhält das Projekt ein Büro im Hoyerswerdaer Rathaus. Vorträge, Informationsabende, Workshops und Roadshows sollen die geplante Spitzenforschung frühzeitig mit der Region verbinden.
Mit der Berufung in den Bildungsbeirat kann diese Zusammenarbeit stärker auf die Bedürfnisse von Schulen, Jugendlichen und Lehrkräften ausgerichtet werden. Denkbar sind unter anderem:
- Projekttage zu Astronomie, Physik und Datenverarbeitung,
- Begegnungen mit Wissenschaftlern,
- Besuche in Laboren und Forschungseinrichtungen,
- Unterstützung bei Schülerforschungsprojekten,
- Fortbildungen und fachliche Impulse für Lehrkräfte,
- Praktika und Berufsorientierung,
- Kooperationen mit regionalen Unternehmen.
Ein Teil dieser Grundlagen wurde bereits im März gelegt. Damals unterzeichneten Schulen, Forschungseinrichtungen, Wirtschaftsakteure und Stadtverwaltung eine Kooperationsvereinbarung. Beteiligt sind unter anderem das DZA, das Smart Mobility Lab der Technischen Universität Dresden, das Lausitzer Technologiezentrum sowie mehrere Gymnasien und Oberschulen aus Hoyerswerda.
„Mit der Unterzeichnung beginnt nun die eigentliche Arbeit.“
So beschrieb die Stadt die Kooperation im Frühjahr. Der Satz gilt auch für die neue Mitarbeit im Bildungsbeirat: Eine Berufung allein verändert noch keinen Unterricht. Entscheidend ist, ob aus den Gesprächen regelmäßig nutzbare Angebote entstehen.
Strukturwandel muss Kinder und Jugendliche erreichen
Das Astrophysikzentrum gehört zu den größten wissenschaftlichen Zukunftsprojekten der Lausitz. Für viele Einwohner bleibt ein solches Vorhaben zunächst abstrakt. Forschungsgebäude, Fördermittel und hoch spezialisierte Arbeitsplätze verändern den Alltag von Familien nicht automatisch.
Für Jugendliche wird der Strukturwandel erst dann konkret, wenn sie erkennen können, welche Berufe entstehen und welche Fähigkeiten dafür gebraucht werden. Das betrifft nicht nur theoretische Astrophysiker.
Ein Forschungszentrum benötigt beispielsweise:
- Informatiker und Datenwissenschaftler,
- Elektroniker und Mechatroniker,
- technische Zeichner und Konstrukteure,
- Labor- und Verwaltungsmitarbeiter,
- Handwerker für Bau, Betrieb und Wartung,
- Fachleute für Kommunikation und Bildung,
- Auszubildende und dual Studierende.
Wissenschaftsvermittlung kann deshalb mehr leisten als Begeisterung für Sterne und Galaxien. Sie kann Jugendlichen zeigen, dass technologische Berufe und Forschung nicht zwangsläufig einen Umzug nach Dresden, Berlin oder München voraussetzen.
Angebote dürfen nicht nur leistungsstarke Gymnasien erreichen
Eine zentrale Frage wird sein, welche Kinder und Jugendlichen von der Zusammenarbeit profitieren. Naturwissenschaftliche Förderangebote erreichen häufig zuerst jene Schüler, die ohnehin gute Noten, engagierte Eltern oder bereits ein ausgeprägtes Interesse mitbringen.
Der Bildungsbeirat muss deshalb darauf achten, dass auch Oberschulen, Förderschulen und Jugendliche mit schwierigeren Startbedingungen beteiligt werden. Wissenschaftskommunikation darf nicht zu einem Zusatzprogramm für eine kleine Gruppe besonders leistungsstarker Schüler werden.
Wichtig wären:
- kostenlose Angebote während der regulären Schulzeit,
- Formate für unterschiedliche Alters- und Leistungsgruppen,
- barrierearme und inklusive Veranstaltungen,
- Fahrt- und Materialkosten ohne Belastung der Familien,
- praxisnahe Experimente statt ausschließlich theoretischer Vorträge,
- Angebote für Jugendliche ohne akademisches Elternhaus.
Die geplante Erweiterung des Beirats um Fachleute für inklusive Bildung und Soziale Arbeit kann dabei helfen, wissenschaftliche Angebote nicht nur fachlich, sondern auch sozial zugänglich zu gestalten.
Lehrkräfte brauchen Zeit und Unterstützung
Auch die besten Projekte funktionieren nur, wenn Schulen sie in ihren Alltag einbauen können. Lehrkräfte müssen Termine koordinieren, Inhalte vorbereiten und die Veranstaltungen pädagogisch begleiten.
Die Kooperationsvereinbarung sieht daher nicht nur Angebote für Schüler vor. Auch Lehrkräfte sollen fachliche Impulse erhalten und Themen wie Digitalisierung, Mobilität und moderne Technologie stärker in den Unterricht einbinden können.
Das kann jedoch zusätzliche Arbeit verursachen. Schulen kämpfen bereits mit Personalausfällen, organisatorischem Aufwand und wachsenden Anforderungen. Wissenschaftskooperationen dürfen deshalb nicht allein auf dem Engagement einzelner Lehrer beruhen.
Notwendig sind klare Ansprechpartner, fertige Unterrichtsmaterialien, langfristige Terminplanung und Angebote, die sich tatsächlich mit den Lehrplänen verbinden lassen.
Jugendliche hatten Zusammenarbeit selbst angeregt
Die Initiative für die im März geschlossene Bildungskooperation entstand nicht ausschließlich in Verwaltung oder Forschung. Ausgangspunkt war das Beteiligungsformat „Frühschicht“, bei dem sich mehr als 170 junge Menschen mit der Zukunft ihrer Region beschäftigten. Ihre Anregungen wurden anschließend in die Vereinbarung zwischen Schulen, Wissenschaft und Wirtschaft aufgenommen.
Damit liegt ein wichtiger Maßstab bereits vor: Jugendliche sollten nicht nur Teilnehmer fertiger Programme sein. Sie sollten mitentscheiden können, welche Themen und Formate sie interessieren.
Denkbar wären etwa:
- Schülerbeiräte für Wissenschaftsangebote,
- selbst entwickelte Forschungsfragen,
- Jugendkonferenzen zum Strukturwandel,
- Besuche an realen Forschungs- und Technikstandorten,
- Projektwochen mit öffentlich präsentierten Ergebnissen.
So könnte aus Wissenschaftskommunikation echte Beteiligung werden.
Erfolg braucht messbare Ergebnisse
Die Stadt nennt bislang keine konkreten Zielzahlen für die neue Zusammenarbeit. Deshalb bleibt zunächst offen, wie viele Schulen, Klassen und Jugendliche erreicht werden sollen.
Für eine spätere Bewertung wären mehrere Angaben wichtig:
- Wie viele Veranstaltungen finden pro Schuljahr statt?
- Welche Schulen nehmen teil?
- Wie viele Jugendliche werden erreicht?
- Entstehen Praktikums- oder Ausbildungsplätze?
- Nutzen auch Lehrkräfte die angebotenen Fortbildungen?
- Entwickeln mehr Jugendliche Interesse an technischen Berufen?
- Bleiben Teilnehmer später für Ausbildung oder Studium in der Region?
Der Bildungsbeirat kann beraten und Kontakte herstellen. Er ersetzt jedoch keine ausreichende Ausstattung der Schulen und keine verlässliche Berufsorientierung.
Forschung darf kein fernes Versprechen bleiben
Hoyerswerda verbindet mit dem Strukturwandel große Hoffnungen. Das DZA kann dabei zu einem wichtigen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Anker werden. Für die Stadtgesellschaft wird das Projekt aber erst glaubwürdig, wenn seine Wirkung über Büros, Konferenzen und Fachkreise hinausreicht.
Die Berufung Stefan Ohms in den Bildungsbeirat ist dafür ein sinnvoller Schritt. Sie schafft einen direkten Weg zwischen Forschungszentrum und kommunaler Bildungsplanung.
Ob daraus ein Erfolg wird, entscheidet sich nicht an der Zahl der Sitzungen. Entscheidend ist, ob ein Kind aus Hoyerswerda künftig ein Teleskop bedient, mit Forschungsdaten arbeitet, ein Praktikum absolviert – und dabei erkennt, dass berufliche Zukunft auch in der Lausitz möglich ist.
Quellen und Datenbasis
- Stadt Hoyerswerda: „Dr. Stefan Ohm wird Mitglied im wissenschaftlichen Bildungsbeirat“, 14. Juli 2026.
- Stadt Hoyerswerda: „Neue Kooperation verbindet Wissenschaft, Schule und Wirtschaft“, 20. März 2026.
- Stadt Hoyerswerda: Übersicht der aktuellen kommunalen Bildungsprojekte und Meldungen.