639 Jahre langes Konzert erhält in Halberstadt einen neuen Ton

Was bei einem gewöhnlichen Konzert nur einen Augenblick dauert, wird in der Halberstädter Burchardi-Kirche zu einem Ereignis von internationaler Bedeutung. Beim langsamsten Musikstück der Welt verändert eine zusätzliche Orgelpfeife den seit Jahren anhaltenden Klang.

Der 17. Klangwechsel des John-Cage-Orgelprojekts war für Mittwoch, 5. August 2026, um 15 Uhr vorgesehen.

Eine Pfeife mit dem Ton a′ wird in die eigens für das Projekt gebaute Orgel eingesetzt. Aus den bisherigen sieben gleichzeitig hörbaren Tönen entsteht dadurch ein Achtklang.

Der neue Ton soll über mehrere Jahre hinweg Teil des dauerhaften Klanges bleiben. DIE ZEIT+1

Aufführung soll erst im Jahr 2640 enden

Gespielt wird John Cages Werk „ORGAN²/ASLSP“. Die Abkürzung steht für „As Slow As Possible“ – also „so langsam wie möglich“.

Die Aufführung in Halberstadt begann am 5. September 2001. Nach dem Start war zunächst rund 17 Monate lang nur der Luftstrom des Orgelgebläses zu hören, bevor die ersten Pfeifentöne einsetzten.

Für die vollständige Aufführung sind insgesamt 639 Jahre vorgesehen. Der letzte Ton soll dem Zeitplan zufolge erst am 4. September 2640 verklingen.

Nach einem Vierteljahrhundert sind damit erst knapp vier Prozent der gesamten Aufführungsdauer erreicht. DIE ZEIT+1

Warum Halberstadt für das Projekt ausgewählt wurde

Die ungewöhnliche Dauer steht in Verbindung mit der Musikgeschichte Halberstadts.

Im Jahr 1361 wurde im Halberstädter Dom eine bedeutende mittelalterliche Blockwerkorgel fertiggestellt. Vom Jahr 2000 aus gerechnet lagen zwischen diesem Ereignis und der Gegenwart genau 639 Jahre.

Diese Zahl wurde zur Grundlage für die geplante Aufführungsdauer des Cage-Stückes.

Die Burchardi-Kirche entwickelte sich seit Beginn des Projekts zu einem international bekannten Ort für zeitgenössische Musik, Langzeitkunst und die Auseinandersetzung mit Zeit.

Nächste Veränderung erst im Oktober 2027

Nach dem Einsetzen der zusätzlichen Pfeife sind acht Töne gleichzeitig zu hören.

Der nächste Klangwechsel ist für den 5. Oktober 2027 vorgesehen. Dann soll der seit 2020 erklingende Ton e′ entfernt werden, wodurch sich die Zusammensetzung erneut verändert.

Ein Achtklang ist innerhalb des ersten Abschnitts der Aufführung nur selten vorgesehen. Nach Angaben der Veranstalter soll eine solche Klangfülle erneut 2028 und anschließend erst wieder 2046 erreicht werden. Halberstadt

Internationale Gäste kommen nach Halberstadt

Der Klangwechsel ist in ein mehrtägiges Kulturprogramm eingebettet.

Die zur Stiftung gehörende Cage Academy veranstaltet Workshops zur zeitgenössischen und experimentellen Vokalmusik. Hinzu kommen Konzerte, Aufführungen und Ausstellungen im benachbarten Cage-Haus.

Die Organisatoren rechneten mit Gästen und Musikinteressierten aus mehreren Ländern. Klangwechsel finden nur in großen zeitlichen Abständen statt und ziehen deshalb regelmäßig internationale Aufmerksamkeit auf Halberstadt.

Auch Medien außerhalb Sachsen-Anhalts berichteten am 5. August über das Ereignis. DIE ZEIT+1

Projekt wird ohne dauerhafte staatliche Förderung getragen

Die Langzeitaufführung wird nach Angaben der Stiftung wesentlich durch Ehrenamtliche, private Spender und Förderer ermöglicht.

An den Wänden der Burchardi-Kirche erinnern zahlreiche individuell gestaltete Tafeln an Patenschaften für einzelne Aufführungsjahre.

Für jedes der 639 Jahre ist eine solche Fördertafel vorgesehen. Die Unterstützung soll sicherstellen, dass auch kommende Generationen das Projekt fortführen können.

Eine besonders ungewöhnliche Förderidee ist das sogenannte Final Ticket. Es berechtigt zum Eintritt bei der geplanten Abschlussveranstaltung im Jahr 2640, ist übertragbar und kann an spätere Generationen weitergegeben werden.

Kunstwerk stellt das gewöhnliche Zeitempfinden infrage

Das Halberstädter Projekt unterscheidet sich grundlegend von einem normalen Konzert.

Es gibt keinen Musiker, der dauerhaft an der Orgel sitzt. Sandsäcke halten ausgewählte Tasten gedrückt, während ein elektrisches Gebläse die Pfeifen ununterbrochen mit Luft versorgt.

Erst bei einem Klangwechsel werden Pfeifen eingesetzt oder entfernt. Die Veränderung eines einzelnen Tones wird dadurch zu einem Ereignis, auf das Besucher teilweise mehrere Jahre warten.

Das Kunstwerk stellt die Frage, wie langsam Musik werden kann und welche Verantwortung Menschen übernehmen, wenn ein Projekt die eigene Lebenszeit um viele Jahrhunderte überschreitet.

Quellen

– DIE ZEIT: „Längstes Musikstück der Welt erhält neuen Ton“, veröffentlicht am 5. August 2026. DIE ZEIT

– Stadt Halberstadt und John-Cage-Orgel-Stiftung: Veranstaltungsinformationen zum 17. Klangwechsel „From 7to8“ am 5. August 2026. Halberstadt

– John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt: Informationen zur Aufführung von „ORGAN²/ASLSP“ und zum Programm des Klangwechsels.