Seit März legt das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie am Frevelgraben die Reste einer verlassenen Siedlung frei. Die Befunde zeigen Grubenhäuser, Brunnen und Parzellen, während nur wenige Alltagsgegenstände erhalten blieben.
Die Ausgrabungsfläche liegt östlich von Halberstadt auf Höhe der Gessnerstraße. Die Untersuchungen erfolgen im Zuge der weiteren Erschließung des Industriegebietes Ost und in enger Abstimmung mit der Stadtverwaltung.
Als Wüstung bezeichnen Archäologen eine Siedlung, die von ihren Bewohnern dauerhaft verlassen wurde. Das untersuchte Areal am Frevelgraben zählt nach Einschätzung des Landesamtes zu den wissenschaftlich besonders bedeutenden Fundstellen der Region.
Geophysikalische Messungen zeigen Siedlungsstruktur
Fachleute hatten das Gelände bereits vor Beginn der Grabungen mit geophysikalischen Messverfahren untersucht. Dabei zeichneten sich Teile einer mehrgliedrigen, grabenartigen Umfassung und zahlreiche Spuren innerhalb des Areals ab.
Die anschließenden Ausgrabungen bestätigten die Vermutung einer mittelalterlichen Siedlung. Archäologen dokumentierten mehrere in einer Reihe angelegte Grubenhäuser, dazugehörige Siedlungsgruben und zwei Brunnen.
Nördlich der eigentlichen Anlage fanden sie keine Hausstandorte. Gruben und Kulturschichten zeigen jedoch, dass die damaligen Bewohner auch den Uferbereich des Frevelgrabens intensiv nutzten.
Häuser wurden in zwei Phasen errichtet
Überschneidungen im Boden und direkt nebeneinanderliegende Grubenhäuser belegen zwei Siedlungsphasen. Offenbar verlagerte sich der Ort im Laufe seiner Entwicklung etwas, weil die Bewohner neue Häuser errichteten.
Auch die Grabenstrukturen veränderten sich wiederholt. Die Menschen erweiterten die Siedlung und passten ihre Aufteilung an neue Anforderungen an.
Besonders wertvoll ist für die Forscher die erkennbare Gliederung der Grundstücke. Sie kann neue Erkenntnisse darüber liefern, wie die Menschen in der mittelalterlichen Ortschaft lebten und ihre Siedlung organisierten.
Wenige Gegenstände blieben zurück
Trotz der dichten und gut erhaltenen Baubefunde fanden die Archäologen bislang nur wenige Alltagsgegenstände. Vergleichbare Wüstungen weisen häufig deutlich mehr zurückgelassenes Material auf.
Die Bewohner scheinen den Ort geordnet verlassen und den größten Teil ihres Besitzes mitgenommen zu haben. Gefunden wurden einzelne Keramikscherben und wenige Metallobjekte.
Zu den besonderen Stücken zählen ein bronzener Zapfhahn, mehrere Beschläge und Gürtelschließen. Diese Gegenstände stellen vermutlich nur einen kleinen Teil des ehemaligen Besitzes dar.
Wüstung könnte zum früheren Kühlingen gehören
Historische Karten liefern Hinweise auf den möglichen Namen der verlassenen Siedlung. Wüstungskarten aus der Zeit um 1900 verzeichnen rund einen Kilometer westlich der Grabungsfläche einen aufgegebenen Ort namens Kühlingen.
Auf Messtischblättern aus den Jahren 1872 bis 1943 erscheint die Bezeichnung Kühlingen unmittelbar nördlich des heutigen Grabungsareals. Das Landesamt geht deshalb davon aus, dass die freigelegten Befunde wahrscheinlich zu dieser mittelalterlichen Ortschaft gehören.
Warum die Bewohner ihre Siedlung aufgaben, ist weiterhin unklar. Die Archäologen fanden weder eine Zerstörungsschicht noch Spuren eines größeren Brandes.
Radiokarbonanalysen ausgewählter Tierknochen sollen helfen, das Ende der Siedlung genauer zu datieren. Die Ausgrabungen am Frevelgraben sollen bis Mitte Dezember 2026 andauern.
Ausgrabungen begleiten neues Industriegebiet
Halberstadts Oberbürgermeister Daniel Szarata sieht in den Funden einen bedeutenden Einblick in die Geschichte der Stadt. Gleichzeitig soll die weitere Erschließung des Industriegebietes Ost den Wirtschaftsstandort stärken.
Die Stadt stimmt die Arbeiten deshalb eng mit dem Landesamt ab. Archäologische Zeugnisse sollen vor der Bebauung fachgerecht untersucht, dokumentiert und für künftige Generationen bewahrt werden.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte, Presseinformation vom 24. August 2026