Sie kommen zum Studium nach Görlitz, leben einige Jahre in der Stadt, schließen ihr Studium ab – und stehen dann vor der entscheidenden Frage: Bleiben oder gehen? Eine neue Befragung der Hochschule Zittau/Görlitz soll zeigen, wie Studierende die Oberlausitz, den Strukturwandel und ihre eigenen Zukunftschancen bewerten. Die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht. Für Görlitz steht dennoch schon jetzt viel auf dem Spiel.
Vom 19. Mai bis zum 26. Juli 2026 konnten Studierende der Hochschule Zittau/Görlitz an der Wiederholungsbefragung „Wer kommt? Wer bleibt? Wer geht?“ teilnehmen. Ausgenommen waren lediglich die Fernstudiengänge.
Durchgeführt wird die Untersuchung vom TRAWOS-Institut der Hochschule im Rahmen des Projekts JuBReg/YouthVisionAction. Partner ist die Abteilung für Transformationsforschung und Regionalentwicklung des Deutschen Zentrums für Astrophysik.
Im Mittelpunkt stehen zwei grundlegende Fragen:
- Sehen Studierende ihre berufliche und private Zukunft in der Oberlausitz?
- Wie bewerten sie den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel der Region?
Eine Veröffentlichung der aktuellen Befragungsergebnisse liegt zum 31. Juli noch nicht vor. Deshalb lässt sich bislang nicht seriös sagen, wie viele Studierende tatsächlich bleiben, zurückkehren oder nach dem Abschluss wegziehen wollen.
Studierende kommen – Fachkräfte gehen
Für Görlitz ist die Befragung von unmittelbarer Bedeutung. Die Hochschule bringt jedes Jahr junge Menschen in eine Region, die seit Jahrzehnten mit Abwanderung, Alterung und einem Mangel an qualifizierten Beschäftigten kämpft.
Studierende beleben den Wohnungsmarkt, die Gastronomie, Kulturangebote und den Einzelhandel. Sie arbeiten als studentische Hilfskräfte, absolvieren Praktika und knüpfen erste Kontakte zu Unternehmen. Der eigentliche Gewinn für die Region entsteht jedoch erst, wenn aus Studierenden langfristig Beschäftigte, Gründer, Familien und Einwohner werden.
Genau dort liegt der Konflikt: Eine Hochschule kann junge Menschen nach Görlitz holen. Sie kann ihnen aber nicht allein eine dauerhafte Perspektive bieten.
Dafür müssen mehrere Bedingungen zusammenkommen:
- passende und angemessen bezahlte Arbeitsplätze,
- erkennbare berufliche Entwicklungsmöglichkeiten,
- moderne und bezahlbare Wohnungen,
- verlässliche Bus- und Bahnverbindungen,
- ein lebendiges Kultur- und Freizeitangebot,
- Kinderbetreuung und Schulen,
- berufliche Chancen für Partnerinnen und Partner,
- gesellschaftliche Offenheit und Mitgestaltungsmöglichkeiten.
Fehlt einer dieser Punkte, kann ein attraktives Studium allein die Abwanderung kaum verhindern.
„Sehen Studierende der Hochschule Zittau/Görlitz ihre Zukunft in der Oberlausitz?“
Mit dieser Frage beschreibt das TRAWOS-Institut den Kern der aktuellen Untersuchung. Sie richtet den Blick bewusst über den Campus hinaus auf die gesamte Region.
Gute Wohnungen allein reichen nicht
Görlitz kann im Vergleich zu vielen Großstädten mit relativ günstigen Wohnungen, kurzen innerstädtischen Wegen und einem historischen Stadtbild werben. Diese Vorteile spielen für Studierende durchaus eine Rolle.
Doch nach dem Abschluss verändern sich die Prioritäten. Dann zählen nicht nur die Miete und die Atmosphäre der Altstadt, sondern vor allem Arbeitsplatz, Einkommen und langfristige Sicherheit.
Ein junger Ingenieur bleibt nicht allein wegen einer schönen Wohnung, wenn passende Arbeitgeber fehlen. Eine Sozialarbeiterin wird sich schwer dauerhaft binden lassen, wenn Befristungen, geringe Bezahlung oder lange Fahrtwege den Berufsalltag bestimmen. Für Paare kommt hinzu, dass beide eine Perspektive benötigen.
Gerade in einer kleineren Arbeitsmarktregion kann das schwierig werden. Findet eine Person eine gute Stelle, während die andere täglich nach Dresden pendeln müsste, wird ein gemeinsamer Umzug wahrscheinlicher.
Der Bleibewunsch ist deshalb keine reine Frage von Heimatgefühl. Er hängt von konkreten Möglichkeiten ab.
Frühere Forschung zeigte bekannte Schwächen
Die Hochschule beschäftigt sich seit Jahren mit Abwanderung und Bleibeperspektiven. Bereits eine frühere Studie untersuchte die Lebens- und Berufschancen qualifizierter Frauen im Landkreis Görlitz.
Dafür wurden nach Angaben des TRAWOS-Instituts rund 1.300 junge Menschen an Gymnasien und der Hochschule befragt. Die Forschung kam unter anderem zu dem Ergebnis, dass viele junge Frauen und Männer grundsätzlich in der Lausitz bleiben wollen. Gleichzeitig erschweren fehlende berufliche Chancen, geringe Sichtbarkeit qualifizierter Frauen und strukturelle Nachteile eine langfristige Bindung.
Die damaligen Untersuchungen richteten den Blick besonders auf junge Frauen. Hintergrund war, dass in den Jahrzehnten nach 1990 überdurchschnittlich viele junge und gut ausgebildete Frauen die Region verließen.
Diese Abwanderung wirkt bis heute nach. Sie beeinflusst nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch Familiengründungen, Vereinsleben, kommunale Politik und die Altersstruktur kleinerer Gemeinden.
Aus der früheren Forschung entstanden Netzwerke und Beteiligungsformate. Die neue Befragung soll nun offenbar zeigen, wie sich Einstellungen und Bedingungen verändert haben.
Strukturwandel schafft Erwartungen
Die Oberlausitz befindet sich mitten in einem wirtschaftlichen Umbau. Der Kohleausstieg, Investitionen in Forschung, neue Technologieprojekte und der Aufbau des Deutschen Zentrums für Astrophysik sollen neue Perspektiven schaffen.
Mit diesen Vorhaben sind große Erwartungen verbunden. Junge Menschen sollen nicht länger nur hören, dass die Zukunft irgendwann kommt. Sie müssen bereits während ihres Studiums erkennen können, welche beruflichen Möglichkeiten tatsächlich entstehen.
Dazu gehören:
- konkrete Praktikums- und Werkstudentenstellen,
- Abschlussarbeiten mit regionalen Unternehmen,
- sichtbare Einstiegsstellen nach dem Studium,
- Gründerförderung,
- verlässliche Forschungsstellen,
- transparente Karrierewege,
- und eine bessere Verbindung zwischen Hochschule und regionalem Mittelstand.
Ein Förderbescheid schafft noch keinen Arbeitsplatz. Ein Forschungsprojekt bindet nur dann junge Fachkräfte, wenn daraus längerfristige Beschäftigung entsteht.
Die Hochschule und das Deutsche Zentrum für Astrophysik untersuchen deshalb nicht nur individuelle Wünsche, sondern auch den Zusammenhang zwischen regionalem Strukturwandel und persönlicher Zukunftsplanung.
Görlitz konkurriert mit größeren Städten
Nach dem Abschluss steht Görlitz nicht nur im Wettbewerb mit Zittau, Bautzen oder anderen Orten der Oberlausitz. Junge Akademiker vergleichen die Region mit Dresden, Leipzig, Berlin, Prag, Breslau und zunehmend auch mit internationalen Arbeitsmärkten.
Größere Städte bieten häufig:
- eine größere Auswahl an Arbeitgebern,
- höhere Gehälter,
- mehr berufliche Wechselmöglichkeiten,
- dichtere Verkehrsnetze,
- vielfältigere Freizeitangebote,
- größere soziale Netzwerke,
- und mehr Arbeitsplätze für Paare.
Görlitz kann diesen Wettbewerb nicht allein über niedrige Lebenshaltungskosten gewinnen. Günstiges Wohnen ist ein Vorteil, aber kein Ersatz für Entwicklungsmöglichkeiten.
Die Stadt muss deshalb ihre eigenen Stärken klarer nutzen: Grenzlage, überschaubare Strukturen, historische Stadtqualität, Hochschule, Kultur, Nähe zu Polen und Tschechien sowie neue Forschungsprojekte.
Entscheidend ist, ob diese Faktoren im Alltag miteinander verbunden werden.
Ergebnisse müssen zu konkreten Entscheidungen führen
Befragungen über Abwanderung gibt es seit Jahren. Die neue Studie wird deshalb daran gemessen werden müssen, ob aus ihren Ergebnissen konkrete Konsequenzen entstehen.
Wichtig wären Antworten auf Fragen wie:
- Welche Studiengruppen wollen besonders häufig bleiben?
- Welche Branchen fehlen den Absolventen?
- Welche Rolle spielen Gehalt und Aufstiegsmöglichkeiten?
- Wie wichtig sind Kultur, Verkehr und Wohnraum?
- Welche Studierenden fühlen sich in Görlitz gesellschaftlich eingebunden?
- Welche Erfahrungen führen zu einem Wegzugswunsch?
- Würden ehemalige Studierende später zurückkehren?
Erst solche Daten ermöglichen gezielte Maßnahmen. Eine allgemeine Werbekampagne für die Oberlausitz hilft wenig, wenn Absolventen konkrete Arbeitsplätze oder soziale Anschlussmöglichkeiten vermissen.
Auch Unternehmen sollten die Ergebnisse ernst nehmen. Wer über Fachkräftemangel klagt, muss Studierenden frühzeitig zeigen, welche Aufgaben, Gehälter und Entwicklungsmöglichkeiten er bietet.
Bleiben darf kein persönliches Opfer sein
In der Diskussion über Abwanderung wird jungen Menschen häufig vorgehalten, sie müssten ihrer Heimat eine Chance geben. Diese Erwartung greift zu kurz.
Niemand sollte in einer Region bleiben müssen, obwohl dort schlechtere berufliche Bedingungen, unsichere Verträge oder fehlende Perspektiven herrschen. Bleiben wird erst dann attraktiv, wenn es nicht als Verzicht empfunden wird.
Görlitz benötigt deshalb keine moralischen Appelle, sondern überzeugende Angebote.
Die Wiederholungsbefragung kann sichtbar machen, wo die Stadt und die Region heute stehen. Sie kann zeigen, welche Fortschritte erreicht wurden und welche Probleme weiterhin bestehen.
Der entscheidende Moment kommt jedoch nach der Auswertung. Dann müssen Hochschule, Stadt, Landkreis und Unternehmen aus den Antworten Konsequenzen ziehen.
Denn die Frage „Wer bleibt?“ entscheidet sich nicht in einem Fragebogen. Sie entscheidet sich beim ersten Arbeitsvertrag, bei der Wohnungssuche, beim Zug am frühen Morgen – und bei der Aussicht, in Görlitz nicht nur studieren, sondern ein ganzes Leben aufbauen zu können.
Quellen und Datenbasis
- TRAWOS-Institut der Hochschule Zittau/Görlitz: Wiederholungsbefragung „Wer kommt? Wer bleibt? Wer geht?“ vom 19. Mai bis 26. Juli 2026.
- Hochschule Zittau/Görlitz und Deutsches Zentrum für Astrophysik: Forschungskooperation zu Zukunftsplänen von Studierenden und regionalem Strukturwandel.
- TRAWOS-Institut: Frühere Studien und Forschung zu Abwanderung, Bleibeperspektiven und qualifizierten Frauen im Landkreis Görlitz.