Ein Arbeitsvertrag bringt Menschen nach Görlitz. Ob sie bleiben, entscheidet sich jedoch häufig erst nach Feierabend: Finden sie eine Wohnung, verstehen sie Briefe von Behörden, bekommen ihre Partner Arbeit und ihre Kinder einen Betreuungsplatz? Der Landkreis will Unternehmen deshalb stärker beim Ankommen internationaler Beschäftigter unterstützen. Neue Willkommenslotsen, eine mehrsprachige App und ein digitaler Stadtrundgang sollen helfen – doch sie können strukturelle Probleme nur begrenzt lösen.
An drei Workshoptagen im Juni und Juli 2026 wurden Beschäftigte regionaler Unternehmen zu sogenannten Willkommenslotsinnen und Willkommenslotsen qualifiziert. Gemeinsam mit dem Bildungswerk Arbeit und Leben sowie einer Referentin beschäftigten sie sich mit rechtlichen, organisatorischen und vor allem zwischenmenschlichen Fragen der Integration.
Im Mittelpunkt stand nicht allein der erste Arbeitstag. Die Teilnehmer sollten lernen, wie sprachliche und kulturelle Hürden im Betrieb erkannt, Missverständnisse vermieden und neue Beschäftigte langfristig begleitet werden können. Der Landkreis versteht die Qualifizierung als Teil seiner Strategie gegen den Fachkräftemangel.
Der Arbeitsvertrag ist nur der Anfang
Görlitz und die umliegenden Städte suchen in vielen Branchen Personal. Besonders angespannt ist die Lage unter anderem in Pflege, Handwerk, Industrie, Gastronomie, Technik und sozialen Berufen. Internationale Beschäftigte können offene Stellen besetzen und neues Wissen in Unternehmen bringen.
Für die Betroffenen beginnt mit der Arbeitsaufnahme jedoch ein umfassender Neustart. Sie müssen sich nicht nur in einem neuen Betrieb, sondern häufig auch in einer unbekannten Verwaltung, Sprache und Gesellschaft zurechtfinden.
Typische Fragen sind:
- Wo finde ich kurzfristig eine bezahlbare Wohnung?
- Welche Unterlagen verlangt die Ausländerbehörde?
- Wo kann ich einen passenden Sprachkurs besuchen?
- Wie wird ein ausländischer Berufsabschluss anerkannt?
- Gibt es einen Kita- oder Schulplatz für die Kinder?
- Findet auch der Ehepartner eine Beschäftigung?
- Wie entstehen Kontakte außerhalb des Arbeitsplatzes?
Ein Unternehmen kann viele dieser Probleme nicht allein lösen. Es kann aber einen Ansprechpartner benennen, Informationen verständlich erklären und bei den ersten Schritten helfen. Genau hier sollen die Willkommenslotsen ansetzen.
„Sie entscheiden sich jedoch nicht nur für ein Unternehmen, sondern für eine neue Heimat.“
Mit diesen Worten beschreibt Landrat Stephan Meyer den Anspruch des Projekts. Aus Sicht des Landkreises sollen Wirtschaft, Verwaltung und gesellschaftliche Einrichtungen gemeinsam dafür sorgen, dass internationale Beschäftigte nicht nur kurzfristig eine Stelle antreten, sondern sich dauerhaft in der Region niederlassen.
App und Welcome Center sollen Orientierung geben
Bereits vor zwei Jahren eröffnete der Landkreis ein Welcome Center. Die Einrichtung richtet sich an internationale Fachkräfte, Rückkehrer und Unternehmen. Sie vermittelt Ansprechpartner und informiert unter anderem zu Arbeit, Wohnen, Sprache, Bildung und Freizeit.
Ergänzt wird das Angebot durch die mehrsprachige INTEGREAT-App. Sie bündelt Informationen über Behörden, Beratungsstellen, Sprachkurse, Bildungsangebote und Freizeitmöglichkeiten. Nach Angaben des Landkreises wurde das Angebot bislang mehr als 40.000-mal aufgerufen. Künftig sollen zusätzlich mehrsprachige Nachrichten in die App aufgenommen werden.
Für September ist ein weiterer Baustein angekündigt: ein digitaler „Welcome Walk“. Die interaktive Route soll neue Beschäftigte durch Görlitz, Zittau und Weißwasser führen und wichtige Anlaufstellen zeigen.
Unternehmen könnten den Rundgang beim Einstieg neuer Mitarbeiter einsetzen. Vorgesehen sind nicht nur Behörden und Beratungsstellen, sondern auch soziale, kulturelle und gesellschaftliche Einrichtungen. In Görlitz wurde dafür unter anderem die Rabryka besucht.
Solche Angebote erleichtern die Orientierung. Sie ersetzen aber keine persönliche Begleitung. Wer einen komplizierten Behördenbescheid nicht versteht, eine Wohnung sucht oder Probleme bei der Anerkennung seines Abschlusses hat, braucht mehr als einen Link auf dem Smartphone.
Bleiben entscheidet sich außerhalb des Werkstores
Viele Betriebe betrachten internationale Fachkräfte zunächst aus Sicht der offenen Stelle. Für die Beschäftigten zählt dagegen das gesamte Lebensumfeld.
Ein gut bezahlter Arbeitsplatz verliert an Attraktivität, wenn der Partner keine berufliche Perspektive findet. Eine moderne Wohnung hilft wenig, wenn die nächste Sprachschule schwer erreichbar ist. Auch fehlende soziale Kontakte können dazu führen, dass Menschen nach wenigen Monaten in größere Städte oder andere Regionen weiterziehen.
Besonders wichtig sind deshalb:
- bezahlbarer und kurzfristig verfügbarer Wohnraum,
- verlässliche Bearbeitung von Aufenthalts- und Anerkennungsverfahren,
- erreichbare und berufsbezogene Sprachkurse,
- Unterstützung für Ehepartner und Familien,
- Kinderbetreuung und Schulplätze,
- öffentlicher Nahverkehr,
- Begegnungsorte und Vereine,
- Schutz vor Diskriminierung und Ausgrenzung.
Willkommenskultur zeigt sich damit weniger in Broschüren als im Alltag. Sie beginnt beim verständlichen Arbeitsvertrag und reicht bis zur Frage, ob ein neuer Kollege beim örtlichen Sportverein Anschluss findet.
Unternehmen müssen ihre Abläufe verändern
Die Integration internationaler Beschäftigter ist keine einseitige Anpassungsleistung. Auch Betriebe müssen sich verändern.
Arbeitsanweisungen müssen möglicherweise einfacher formuliert oder übersetzt werden. Vorgesetzte brauchen Zeit für zusätzliche Erklärungen. Teams müssen lernen, unterschiedliche Kommunikationsformen und berufliche Erfahrungen einzuordnen.
Die Qualifizierung der Willkommenslotsen setzte deshalb bewusst auf die zwischenmenschliche Perspektive. Nach Darstellung des Landkreises wurden praktische Ansätze für den Arbeitsalltag entwickelt. Dazu gehören verständliche Kommunikation, gegenseitiger Respekt und die Bereitschaft, den eigenen Blickwinkel zu hinterfragen.
Für kleinere Betriebe ist das eine besondere Herausforderung. Sie verfügen meist weder über eine eigene Personalabteilung noch über Beschäftigte, die sich ausschließlich um internationale Rekrutierung kümmern können.
Wenn eine Mitarbeiterin neben ihrer eigentlichen Tätigkeit Behördentermine vorbereitet, Wohnungen sucht und Gespräche übersetzt, kostet das Zeit und Geld. Die Unterstützung durch Landkreis und Welcome Center kann deshalb gerade für kleinere Unternehmen entscheidend sein.
Hochschule soll internationale Talente in der Region halten
Auch die Hochschule Zittau/Görlitz spielt bei der Gewinnung internationaler Fachkräfte eine wichtige Rolle. Im Januar 2026 erneuerten Hochschule und Landkreis ihre Zusammenarbeit. Vereinbart wurden unter anderem stärkere Willkommensstrukturen für internationale Studierende, Forschende und Gäste.
Die Partner wollen außerdem Praktika, Werkstudententätigkeiten, Abschlussarbeiten und gemeinsame Unternehmensprojekte ausbauen. Dadurch sollen Studierende bereits während ihres Studiums Kontakte zu Betrieben in der Region aufbauen.
Das ist besonders mit Blick auf die geplante Entwicklung der Lausitz zu einem Partnerstandort der Halbleiterindustrie relevant. Die Hochschule baut neue technische Studiengänge auf und pflegt Kontakte zu internationalen Partnern. Der langfristige Nutzen für Görlitz entsteht aber erst, wenn Absolventen anschließend auch in der Region arbeiten und leben.
Ohne Messzahlen bleibt der Erfolg schwer überprüfbar
Der Landkreis nennt zahlreiche Maßnahmen, veröffentlicht bislang aber keine konkreten Ziele dafür, wie viele internationale Fachkräfte dadurch gewonnen oder dauerhaft gehalten werden sollen.
Offen bleibt etwa:
- Wie viele Unternehmen haben an der Qualifizierung teilgenommen?
- Wie viele Willkommenslotsen sind nun tatsächlich im Einsatz?
- Wie viele Fachkräfte nutzen das Welcome Center?
- Wie viele Menschen bleiben nach einem oder mehreren Jahren in der Region?
- Welche Probleme führen besonders häufig zu einem Wegzug?
- Wie bewerten internationale Beschäftigte selbst die Angebote?
Die Zahl von mehr als 40.000 App-Aufrufen zeigt Interesse, sagt aber wenig darüber aus, ob ein Nutzer tatsächlich eine Wohnung, einen Sprachkurs oder einen langfristigen Arbeitsplatz gefunden hat.
Eine wirksame Strategie müsste deshalb nicht nur Angebote zählen, sondern Ergebnisse messen. Entscheidend ist nicht, wie viele Broschüren, Workshops oder digitale Routen entstehen. Entscheidend ist, ob Menschen dauerhaft in Görlitz bleiben.
Willkommenskultur ist Wirtschaftspolitik
Der Landkreis behandelt die Integration internationaler Fachkräfte ausdrücklich als Standortfrage. Das ist nachvollziehbar. Unternehmen können Aufträge nur annehmen, wenn sie Personal finden. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und soziale Dienste benötigen Beschäftigte, um ihre Angebote aufrechtzuerhalten.
Doch internationale Fachkräfte dürfen dabei nicht allein als Lösung für offene Stellen betrachtet werden. Sie kommen als Menschen mit Familien, Erwartungen und eigenen beruflichen Zielen.
Görlitz kann mit vergleichsweise günstigen Wohnkosten, einer historischen Innenstadt, Nähe zu Polen und Tschechien sowie Hochschule und kulturellen Angeboten punkten. Gleichzeitig bleibt die Region durch weite Wege, begrenzte Verkehrsverbindungen und einen kleineren Arbeitsmarkt für Partnerinnen und Partner herausgefordert.
Willkommenslotsen können den Einstieg erleichtern. Das Welcome Center kann Kontakte vermitteln. Eine App kann Informationen übersetzen. Ob daraus eine neue Heimat wird, entscheidet sich jedoch an den realen Bedingungen vor Ort.
Der Erfolg der Strategie wird deshalb nicht daran zu erkennen sein, wie freundlich der erste Arbeitstag verläuft. Er zeigt sich Jahre später – wenn aus einem neuen Mitarbeiter ein Nachbar, Vereinsmitglied und dauerhaft gebundener Einwohner geworden ist.
Quellen und Datenbasis
- Landkreis Görlitz: „Willkommenskultur als Standortfaktor – Landkreis Görlitz stärkt Unternehmen bei der Integration internationaler Fachkräfte“, Juli 2026.
- Hochschule Zittau/Görlitz: Kooperationsvertrag mit dem Landkreis Görlitz zur Fachkräftesicherung, Internationalisierung und regionalen Standortentwicklung, Januar 2026.
- Hochschule Zittau/Görlitz: Informationen zu neuen Studiengängen und zur internationalen Fachkräfteentwicklung im Umfeld der Halbleiterindustrie.