Ein Schmetterling braucht eine andere Verpackung als ein Gesteinsblock, ein Pflanzenblatt andere Bedingungen als ein Tierpräparat in Alkohol. In Görlitz beginnt deshalb kein gewöhnlicher Büroumzug, sondern eine jahrelange logistische Operation: Rund sieben Millionen wissenschaftliche Objekte sollen sicher auf den neuen Senckenberg-Campus nahe dem Bahnhof gelangen.

Noch bestimmen Handwerker das Bild an der Bahnhofstraße. Kabel werden verlegt, Beleuchtungsanlagen installiert und Räume für Labore, Sammlungen und wissenschaftliche Arbeitsplätze vorbereitet. Anfang 2027 sollen die rund 120 Beschäftigten des Senckenberg Museums für Naturkunde schrittweise einziehen. Der Transport der Sammlungen soll voraussichtlich bis 2028 dauern.

Der Neubau bündelt Einrichtungen, die bislang auf sieben Gebäude im Görlitzer Stadtgebiet verteilt sind. Auf rund 8.300 Quadratmetern Nutzfläche entstehen Sammlungsräume, Labore, Werkstätten, Verwaltungsbereiche und eine öffentlich zugängliche naturwissenschaftliche Bibliothek. Die Investitionssumme liegt laut Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement bei 78,6 Millionen Euro. Finanziert wird das Projekt durch Bund und Freistaat Sachsen.

Jedes Objekt verlangt eine eigene Umzugsstrategie

Sieben Millionen Objekte lassen sich nicht einfach inventarisieren, in Kartons packen und mit Lastwagen an den neuen Standort bringen. Die Bestände umfassen unter anderem:

  • Pflanzen und Herbarienblätter,
  • Insekten und andere wirbellose Tiere,
  • Wirbeltierpräparate,
  • Bodenorganismen,
  • Gesteine und Mineralien,
  • wissenschaftliche Proben,
  • Präparate in konservierenden Flüssigkeiten.

Ein Teil der Pflanzenbestände muss vor dem Umzug eingefroren werden. Dadurch sollen Schädlinge abgetötet werden, die sonst in die neuen Sammlungsräume eingeschleppt werden könnten. Da die dafür vorgesehenen Anlagen nur begrenzte Kapazitäten besitzen, kann dieser Prozess lediglich schrittweise erfolgen.

Besonders aufwendig ist der Transport sogenannter Nasssammlungen. Viele Tiere und Gewebeproben werden in Alkohol aufbewahrt. Die Flüssigkeit ist leicht entzündlich und stellt deshalb besondere Anforderungen an Verpackung, Brandschutz und Beförderung.

Museumsleiterin Kristin Baber fasst die zentrale Vorgabe so zusammen:

„Keines darf verloren gehen und nichts durcheinanderkommen.“

Jedes Objekt ist mit Informationen zu Herkunft, Fundort, Alter und wissenschaftlicher Bearbeitung verbunden. Wird ein Etikett vertauscht oder eine Inventarnummer falsch zugeordnet, kann das Präparat einen erheblichen Teil seines Forschungswertes verlieren.

Der Umzug wird gleichzeitig zur Inventur

Die Sammlungen des Museums sind über rund 200 Jahre gewachsen. Einige Objekte wurden seit Jahrzehnten nicht mehr aus ihren Schränken oder Depots genommen. Der Umzug zwingt die Beschäftigten nun dazu, große Teile der Bestände erneut zu kontrollieren.

Dabei wird geprüft:

  • Ist das Objekt vollständig und unbeschädigt?
  • Stimmen Inventarnummer und Datenbankeintrag überein?
  • Ist die Verpackung noch geeignet?
  • Gibt es Hinweise auf Schädlingsbefall?
  • Muss ein Präparat restauriert oder neu konserviert werden?
  • In welchen Raum und in welchen Schrank gehört es am neuen Standort?

Damit ist der Umzug zugleich eine umfassende Bestandsaufnahme. Objekte, die lange nicht bearbeitet wurden, tauchen wieder auf. Sammlungsbereiche können neu geordnet, digital erfasst und unter verbesserten Bedingungen gelagert werden.

Der Aufwand erklärt, warum das Projekt mehrere Jahre beansprucht. Die eigentlichen Transporte bilden nur einen Teil der Arbeit. Vorbereitung, Schädlingskontrolle, Dokumentation und spätere Einordnung benötigen deutlich mehr Zeit als die Fahrt zwischen den Gebäuden.

Neue Labore sollen Forschung beschleunigen

Am neuen Standort werden nicht nur Magazine zusammengeführt. Auch Labore und wissenschaftliche Abteilungen ziehen auf den Campus. Bislang müssen Experimente teilweise nacheinander ausgeführt werden, weil Räume und technische Ausstattung begrenzt sind. Künftig sollen mehrere Untersuchungen parallel möglich sein.

Der Campus verfügt über rund 3.000 Quadratmeter mehr Fläche als die bisher genutzten Standorte. Er soll unter anderem bessere Möglichkeiten für Genanalysen, Bodenforschung, Zoologie, Botanik und Geologie bieten. Spezielle Fundamente schützen empfindliche Geräte wie Rasterelektronenmikroskope vor Erschütterungen.

Auch die Sammlungsräume stellen besondere Anforderungen. Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssen möglichst konstant bleiben. Schutzmaßnahmen gegen Feuer, Rauch und Wasser sollen verhindern, dass einmalige Bestände durch technische Defekte oder Gebäudeschäden verloren gehen.

Der neue Standort verändert damit auch die Arbeitsweise des Instituts. Wo Forschende bislang zwischen mehreren Gebäuden wechseln mussten, sollen künftig Sammlungen, Labore und Büros näher beieinanderliegen. Das soll interdisziplinäre Projekte erleichtern und Wege verkürzen.

Das historische Museum bleibt am Marienplatz

Nicht sämtliche Senckenberg-Einrichtungen verlassen ihre bisherigen Räume. Das 1860 eröffnete Stammhaus am Marienplatz soll als Museum und öffentlicher Ausstellungsort erhalten bleiben. Aufgegeben werden hingegen die weiteren angemieteten Standorte, an denen bislang Sammlungen, Forschung und Verwaltung untergebracht sind.

Mit dem neuen Campus entsteht deshalb kein Ersatz für das Naturkundemuseum, sondern ein zusätzliches Forschungs- und Sammlungszentrum. Besucher sollen weiterhin Ausstellungen am Marienplatz sehen können. Gleichzeitig wird die naturwissenschaftliche Bibliothek im neuen Campus besser öffentlich zugänglich. Im Eingangsbereich ist ein Lesesaal vorgesehen, der sowohl Wissenschaftlern als auch Schülern und interessierten Bürgern offenstehen soll.

Ausstellung macht den Umzug öffentlich sichtbar

Seit dem 22. Mai begleitet die Ausstellung „Eingepackt & ausgepackt“ den Umzug im Stammhaus. Sie zeigt unterschiedliche Sammlungsobjekte, Verpackungslösungen und Forschungsbereiche. Die Präsentation soll sich in den kommenden zwei Jahren mehrfach verändern und jeweils den aktuellen Stand des Projekts aufgreifen.

Besucher können dadurch nachvollziehen, warum ein Museumsumzug deutlich komplizierter ist als die Verlagerung gewöhnlicher Lagerbestände. Sie sollen Einblicke in Transportkisten, Präparationsverfahren und wissenschaftliche Arbeitsabläufe erhalten.

Die Ausstellung erfüllt damit auch eine kommunikative Aufgabe: Ein großer Teil der Kosten fließt in Räume, Technik und Sicherheitssysteme, die später nur eingeschränkt öffentlich sichtbar sein werden. Die begleitende Schau erklärt, warum Forschungssammlungen solche Bedingungen benötigen und welchen Wert die Objekte besitzen.

79 Millionen Euro für einen Forschungsstandort

Die Investitionssumme von knapp 79 Millionen Euro macht den Campus zu einem der bedeutendsten aktuellen Wissenschaftsbauten in Ostsachsen. Der Bau begann 2019 beziehungsweise 2020; die Fertigstellung war zuletzt für das dritte Quartal 2026 vorgesehen.

Das Projekt ist auch Teil der wissenschaftlichen Neuausrichtung von Görlitz. Mit Senckenberg, dem Center for Advanced Systems Understanding, der Hochschule und dem entstehenden Deutschen Zentrum für Astrophysik baut die Stadt ihre Rolle als Forschungsstandort aus.

Der Campus allein garantiert allerdings noch keinen dauerhaften Strukturwandel. Entscheidend wird sein, ob die Einrichtungen Fachkräfte anziehen, mit regionalen Unternehmen und Schulen zusammenarbeiten und neue Arbeitsplätze über den eigentlichen Wissenschaftsbetrieb hinaus entstehen lassen.

Für Senckenberg beginnt zunächst die schwierigste Phase: Der Neubau muss technisch abgenommen, jedes Labor eingerichtet und jedes Sammlungsstück an seinen neuen Platz gebracht werden.

Sieben Millionen Objekte bedeuten dabei sieben Millionen Risiken. Der Umzug ist erst abgeschlossen, wenn nicht nur alle Kisten angekommen sind, sondern auch jede Pflanze, jeder Käfer und jeder Stein wieder eindeutig auffindbar ist.

Quellen und Datenbasis

  1. Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz und MDR Sachsen: Umfang der Sammlungen, geplante Umzugsabläufe, Sicherheitsanforderungen und Forschungsbedingungen.
  2. Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement: Bauzeit, Investitionssumme, Nutzfläche und technische Ausstattung des neuen Campus.
  3. Stadt Görlitz und Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung: Bedeutung des Campus für den Wissenschaftsstandort und die öffentliche Nutzung von Museum und Bibliothek.