Regierungstruppen kontrollieren Mekelle

Äthiopiens Armee und verbündete Milizen haben die Regionalhauptstadt Mekelle zurückerobert.

Die Tigray People’s Liberation Front, kurz TPLF, bestätigte am Sonntag ihren Rückzug aus der Stadt. Auch Einwohner und humanitäre Helfer berichteten, dass Regierungskräfte inzwischen die Kontrolle übernommen hätten.

Damit hat die äthiopische Regierung einen wichtigen militärischen Erfolg erzielt.

Zugleich verschärft sich die Sorge, dass aus dem inneräthiopischen Konflikt ein größerer regionaler Krieg entstehen könnte.

Erinnerungen an den Bürgerkrieg

Die Entwicklung weckt Erinnerungen an den Krieg von 2020 bis 2022.

Damals kämpften äthiopische Regierungstruppen gemeinsam mit eritreischen Kräften gegen die TPLF.

Der Konflikt kostete Schätzungen zufolge Hunderttausende Menschen das Leben und löste eine schwere humanitäre Krise aus.

Mit dem Friedensabkommen von Pretoria im November 2022 schien der Krieg zunächst beendet.

Doch die politischen Spannungen verschwanden nie vollständig.

Neue Offensive seit September

Die jetzige Eskalation begann Ende September.

Tigray-Kräfte starteten eine neue Offensive gegen Regierungstruppen.

Seitdem rückten äthiopische Einheiten und verbündete Milizen in Richtung Mekelle vor.

Am 2. Oktober berichteten Bewohner bereits von Kämpfen und Explosionen in der Nähe der Stadt.

Nur zwei Tage später kontrollieren Regierungskräfte nun wieder die Regionalhauptstadt.

Eritrea und Äthiopien sind plötzlich Gegner

Besonders gefährlich ist, dass sich die regionalen Bündnisse seit dem letzten Krieg verändert haben.

Eritrea kämpfte damals noch auf Seiten der äthiopischen Regierung.

Heute stehen sich beide Staaten feindselig gegenüber.

Eritrea brach am 1. Oktober sämtliche diplomatischen Beziehungen zu Äthiopien ab.

Zuvor hatte Addis Abeba Eritrea beschuldigt, die TPLF und andere oppositionelle Kräfte zu unterstützen.

Asmara weist diesen Vorwurf zurück.

Streit um Zugang zum Roten Meer

Hinter dem Konflikt steckt mehr als der Streit um Tigray.

Äthiopien ist mit mehr als 120 Millionen Einwohnern eines der größten Länder Afrikas, besitzt aber seit der Unabhängigkeit Eritreas 1993 keinen eigenen Zugang zum Meer.

Ministerpräsident Abiy Ahmed hat wiederholt erklärt, ein Zugang zum Roten Meer sei für sein Land von strategischer Bedeutung.

Besonders der eritreische Hafen Assab spielt dabei eine Rolle.

In Eritrea wächst deshalb die Sorge, Äthiopien könnte versuchen, einen Zugang zum Meer notfalls mit militärischem Druck durchzusetzen.

Auch Ägypten und Sudan geraten hinein

Die Spannungen betreffen inzwischen weitere Staaten.

Äthiopien wirft neben Eritrea auch Sudan und Ägypten vor, oppositionelle Kräfte zu unterstützen.

Alle drei Länder bestreiten diese Vorwürfe.

Mit Ägypten gibt es seit Jahren Streit über den riesigen Grand-Ethiopian-Renaissance-Damm am Blauen Nil.

Kairo befürchtet Auswirkungen auf seine Wasserversorgung.

Auch Sudan ist eng in die regionalen Rivalitäten eingebunden.

Damit überlagern sich mehrere Konflikte gleichzeitig.

Afrikanische Union warnt vor Eskalation

Die Afrikanische Union hat Äthiopien, Eritrea und Ägypten bereits zu Zurückhaltung aufgerufen.

Die Staaten müssten auf Handlungen und Äußerungen verzichten, die die Stabilität der Region gefährden könnten.

Der Appell zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wird.

Denn ein direkter Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea könnte schnell weitere Länder hineinziehen.

Neue geopolitische Fronten entstehen

Die Situation am Horn von Afrika ist heute wesentlich komplizierter als noch 2020.

Mehrere Regional- und Großmächte verfolgen dort eigene Interessen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate haben enge Beziehungen zu Akteuren in Sudan, Somaliland und Puntland.

Saudi-Arabien pflegt seinerseits enge Kontakte zu Ägypten, Eritrea und sudanesischen Regierungskräften.

Auch Israel versucht, seinen Einfluss rund um das Rote Meer auszubauen.

Damit droht ein lokaler Konflikt zum Schauplatz größerer geopolitischer Rivalitäten zu werden.

Das Rote Meer macht die Region strategisch wichtig

Das Horn von Afrika liegt an einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt.

Über das Rote Meer und den Suezkanal laufen große Teile des Handels zwischen Europa und Asien.

Bereits der Krieg im Jemen und Angriffe auf Handelsschiffe haben gezeigt, wie empfindlich diese Route ist.

Eine weitere militärische Eskalation in Äthiopien oder Eritrea könnte zusätzliche Risiken schaffen.

Humanitäre Lage könnte sich erneut verschärfen

Besonders gefährdet ist erneut die Zivilbevölkerung in Tigray.

Nach dem Krieg von 2020 bis 2022 waren Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Die Region kämpft bis heute mit zerstörter Infrastruktur, Armut und Vertreibung.

Neue Kämpfe könnten Hilfslieferungen erneut unterbrechen.

Humanitäre Organisationen warnen bereits davor, dass eine Ausweitung der Fronten die Versorgung erheblich erschweren könnte.

Mekelle ist militärisch wichtig – aber keine Entscheidung

Die Einnahme Mekelles ist für die Regierung in Addis Abeba ein bedeutender Erfolg.

Sie bedeutet jedoch nicht automatisch das Ende des Konflikts.

Die TPLF erklärte, ihre Führung und regionale Verwaltung vorübergehend an einen anderen Ort zu verlegen.

Damit deutet vieles darauf hin, dass die Kämpfe weitergehen könnten.

Auch nach der Einnahme Mekelles im ersten Tigray-Krieg setzte sich der Widerstand fort.

Die Region steht vor einer gefährlichen Phase

Die kommenden Tage könnten entscheiden, ob der Konflikt begrenzt bleibt.

Sollte Eritrea direkt eingreifen oder Äthiopien militärisch gegen Nachbarstaaten vorgehen, würde sich die Lage grundlegend verändern.

Auch das Verhalten Ägyptens und Sudans wird aufmerksam beobachtet.

Was derzeit wie ein erneuter Bürgerkrieg in Äthiopien wirkt, könnte sich zu einer wesentlich größeren Konfrontation entwickeln.

Ein Konflikt mit globaler Bedeutung

Das Horn von Afrika liegt weit entfernt von Europa.

Doch seine strategische Bedeutung ist enorm.

Hier treffen Handelsrouten, Rohstoffinteressen, regionale Rivalitäten und internationale Machtpolitik aufeinander.

Die Rückeroberung Mekelles ist deshalb mehr als eine militärische Meldung aus Äthiopien.

Sie könnte der Beginn einer neuen Phase in einem der gefährlichsten Konflikträume Afrikas sein.