Das Museum für Thüringer Volkskunde eröffnet am 6. August 2026 die Ausstellung „Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland“. Bis zum 25. Oktober werden Fotografien von Karen Weinert und Thomas Bachler gezeigt. Grundlage ist das gleichnamige Buch der Kulturwissenschaftlerin Uta Bretschneider und des Historikers Jens Schöne. Im Mittelpunkt stehen kleine Erotikgeschäfte in ostdeutschen Städten und die Lebenswege ihrer Betreiber seit der politischen und wirtschaftlichen Umbruchzeit nach 1989.
Ein bisher übersehenes Kapitel der Zeitgeschichte
Erotikshops werden meist als Randerscheinung des Einzelhandels betrachtet.
Die Ausstellung nutzt diese Geschäfte jedoch als Zugang zu größeren gesellschaftlichen Fragen. Es geht um Selbstständigkeit nach dem Ende der DDR, um wirtschaftliche Unsicherheit, neue Konsummöglichkeiten und den Umgang mit Sexualität im ländlichen Raum.
Damit wird ein Thema untersucht, das in der klassischen Transformationsforschung bisher kaum eine Rolle spielte.
Forscher besuchten Geschäfte in der Provinz
Uta Bretschneider und Jens Schöne reisten für ihr Buchprojekt zu Erotikshops außerhalb der großen Städte.
Sie führten Gespräche mit Inhabern und untersuchten deren persönliche und berufliche Lebenswege. Die Fotografen Karen Weinert und Thomas Bachler begleiteten die Recherche.
Im Mittelpunkt stehen damit nicht in erster Linie die angebotenen Produkte. Entscheidend sind die Menschen hinter den Ladentischen und ihre Erfahrungen mit gesellschaftlichen Vorurteilen, wirtschaftlichen Veränderungen und regionalen Besonderheiten.
Viele Geschäfte gehören zu den Letzten ihrer Art
Der stationäre Einzelhandel steht seit Jahren unter Druck.
Das gilt besonders für spezialisierte Läden in kleineren Städten. Onlinehandel, veränderte Konsumgewohnheiten und abnehmende Laufkundschaft bedrohen ihre wirtschaftliche Grundlage.
Erotikshops sind davon in besonderer Weise betroffen. Kunden können Produkte diskret im Internet bestellen und müssen kein Geschäft vor Ort betreten.
Die dokumentierten Läden sind deshalb häufig Überbleibsel einer Einzelhandelsform, die in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren deutlich präsenter war.
Selbstständigkeit nach der Wiedervereinigung
Nach 1989 mussten sich Millionen Ostdeutsche beruflich neu orientieren.
Betriebe wurden geschlossen, Berufe verschwanden und bisherige Lebensplanungen verloren ihre Grundlage. Manche Menschen gründeten eigene Geschäfte, weil andere Beschäftigungsmöglichkeiten fehlten oder weil die neue Marktwirtschaft Chancen versprach.
Die Betreiber der Erotikshops stehen beispielhaft für diese Suchbewegung.
Ihre Geschäftsentscheidungen können nicht losgelöst von Arbeitslosigkeit, wirtschaftlichem Strukturbruch und dem Wunsch nach persönlicher Unabhängigkeit betrachtet werden.
Offenheit und Diskretion in kleinen Städten
Ein Schwerpunkt des Projekts ist die Frage, wie solche Geschäfte in kleineren Orten wahrgenommen wurden.
In einer Großstadt können Kunden weitgehend anonym bleiben. In einer Kleinstadt treffen Betreiber und Käufer dagegen häufig auf Nachbarn, Kollegen oder Bekannte.
Das kann zu besonderer Zurückhaltung führen. Gleichzeitig wissen Inhaber kleiner Geschäfte oft sehr genau, welche Bedürfnisse und Grenzen ihre Kundschaft hat.
Die Ausstellung untersucht, ob Sexualität im ländlichen Raum offener verhandelt wurde, als verbreitete Vorstellungen vermuten lassen.
Vernissage mit Lesung am 6. August
Die Ausstellung beginnt am Donnerstag, dem 6. August.
Um 18 Uhr findet im Museumshof eine Vernissage mit einer Lesung von Uta Bretschneider statt. Sie ist seit Mai 2026 Direktorin des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation.
Moderiert wird der Abend von Victoria Hegner, Professorin für Empirische Kulturwissenschaft und Kulturanthropologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Die Teilnahme ist mit regulärem Museumseintritt möglich. Eine Anmeldung wurde bis zum 3. August empfohlen.
Ausstellung basiert auf einem Buch von 2024
Das Buch „Provinzlust“ erschien 2024 im Ch. Links Verlag.
Nach Angaben der Stadt begann das Projekt mit einer zufälligen Entdeckung während einer Fahrt durch das südliche Brandenburg. Daraus entwickelte sich eine systematische kulturgeschichtliche Recherche.
Die Ausstellung überführt Interviews und Fotografien in einen musealen Zusammenhang. Dadurch können Besucher die Geschäfte nicht nur als ungewöhnliche Motive, sondern als Teil der Transformationsgeschichte betrachten.
Museen dürfen auch unbequeme Alltagsthemen zeigen
Ein Volkskundemuseum beschäftigt sich mit Alltag, Lebensformen und gesellschaftlichen Veränderungen.
Dazu gehören auch Themen, die lange als peinlich, anstößig oder wissenschaftlich unbedeutend galten.
Die Entscheidung für „Provinzlust“ erweitert den Blick auf ostdeutsche Geschichte. Transformation bestand nicht nur aus Treuhand, Parteipolitik und großen Industriebetrieben.
Sie fand ebenso in kleinen Geschäften, privaten Entscheidungen und neuen Formen von Konsum statt.
Sachlichkeit ist für die Präsentation entscheidend
Das Thema kann leicht sensationsorientiert vermarktet werden.
Die Ausstellung sollte deshalb weder die Betreiber lächerlich machen noch Erotikshops romantisieren. Entscheidend sind historischer Kontext, respektvolle Fotografie und die Stimmen der Beteiligten.
Auch der Jugendschutz muss bei Werbung und Ausstellungszugang angemessen berücksichtigt werden, ohne das gesamte Thema unnötig zu tabuisieren.
Transformation aus ungewöhnlicher Perspektive
Die Schau bietet die Chance, bekannte Erzählungen über Ostdeutschland zu ergänzen.
Viele Transformationsgeschichten konzentrieren sich auf Gewinner und Verlierer großer wirtschaftlicher Prozesse. „Provinzlust“ richtet den Blick auf Menschen, die mit ungewöhnlichen Geschäftsideen auf die neue Zeit reagierten.
Gerade solche Biografien zeigen, wie widersprüchlich und vielfältig die Jahre nach 1989 tatsächlich waren.
Quellen
- Landeshauptstadt Erfurt: „Eine kulturgeschichtliche Spurensuche in ostdeutschen Erotikshops“, veröffentlicht am 24. Juli 2026.
- Museum für Thüringer Volkskunde Erfurt: Ausstellung „Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland“, Laufzeit vom 6. August bis 25. Oktober 2026.
- Uta Bretschneider und Jens Schöne: „Provinzlust“, erschienen 2024 im Ch. Links Verlag.
- Museum für Thüringer Volkskunde: Informationen zur Vernissage und Lesung am 6. August 2026.