Wer an Eisenach denkt, hat meist die mächtige UNESCO-Weltkulturerbe-Burg vor Augen, auf der Martin Luther das Neue Testament übersetzte und heilige Elisabeth wirkte. Doch gleich unterhalb der historischen Festung entfaltete sich ab Ende des 19. Jahrhunderts eine ganz andere, nicht minder prägende Leidenschaft: der Bau von Automobilen.
Als Heinrich Ehrhardt im Jahr 1896 die Fahrzeugfabrik Eisenach gründete, legte er den Grundstein für die drittälteste Automobilstadt Deutschlands (nach Cannstatt und Zwickau). Über 125 Jahre hinweg rollten in der Wartburgstadt Meilensteine vom Band – vom volkstümlichen „Dixi“ über die begehrten Vorkriegs-BMW bis hin zur ostdeutschen Kultmarke Wartburg.
Inhaltsübersicht
Vom Dixi zum blauen Weiß: Die frühen Glanzzeiten in Eisenach
Der Wartburg 311: Ein Schönheitskönig erobert die Weltmessen
Der Mangel als Bremse: Die AWE-Jahre zwischen Genie und Planwirtschaft
Das Aus von 1991 und der Neustart: Der Umbruch in der Pf 可靠
Ortspunkt Eisenach: Wo du die Fahrzeuggeschichte hautnah erlebst
Leser-Aufruf: Welche Erlebnisse verbindest du mit dem Wartburg?
Vom Dixi zum blauen Weiß: Die frühen Glanzzeiten in Eisenach
Schon der erste in Eisenach in Lizenz gefertigte Motorwagen trug 1898 den stolzen Namen „Wartburg“. Den internationalen Durchbruch schaffte das Werk jedoch in den 1920er Jahren mit dem legendären Kleinwagen Dixi 3/15, der das Auto in Deutschland erstmals für breitere Schichten erschwinglich machte.
1928 übernahm die Bayerische Motoren Werke AG (BMW) die Eisenacher Fabrik. Damit wurde Eisenach zur Geburtsstätte aller klassischen Vorkriegs-Automobile von BMW. Die berühmten Modelle wie der BMW 328 Sportwagen oder die eleganten Sechszylinder-Limousinen liefen nicht in München, sondern mitten in Thüringen vom Band.
Der Wartburg 311: Ein Schönheitskönig erobert die Weltmessen
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb verstaatlicht und firmierte ab 1953 als VEB Automobilwerk Eisenach (AWE). Mit großem Mut und ingenieurtechnischem Talent entwickelten die Konstrukteure um Hans Fleischer ein Modell, das 1955 auf der Leipziger Messe für Furore sorgte: den Wartburg 311.
Mit seiner fließenden Linienführung, zweifarbigen Lackierungen und variablen Karosserieformen (Limousine, Coupé, Camping-Kombi und vollwertiges Cabriolet) gewann der Wartburg 311 Schönheitspreise auf Automobilausstellungen in New York, Brüssel und Paris. Der Wagen wurde in über 50 Länder exportiert und galt als sichtbares Symbol für hochentwickelte ostdeutsche Formgestaltung.
Der Mangel als Bremse: Die AWE-Jahre zwischen Genie und Planwirtschaft
1966 folgte der kantenreichere, moderne Wartburg 353, der mit seinem riesigen Kofferraum und der wartungsfreundlichen Zweitakt-Technik zum treuen Begleiter von Generationen wurde.
Doch die zentrale Planwirtschaft bremste den Entwicklungsgeist der Eisenacher Ingenieure massiv aus. Prototypen für viertaktende Nachfolger (wie der zukunftsweisende AWE 355) wurden von der SED-Führung aus Geldmangel gestoppt. Erst 1988 erhielt der Wartburg 1.3 verspätet einen in Lizenz gebauten VW-Viertaktmotor.
Das Aus von 1991 und der Neustart: Der Umbruch in der Region
Mit der Währungs- und Wirtschaftsunion 1990 brach der Absatz für den Wartburg schlagartig ein. Am 10. April 1991 lief nach fast 1,8 Millionen gebauten Fahrzeugen der letzte Wartburg vom Band – ein emotionaler und schmerzhafter Tag für tausende AWE-Mitarbeiter.
Doch die automobile Tradition riss nicht ab: Opel errichtete in Eisenach eines der modernsten Fahrzeugwerke Europas, das bis heute ein wichtiger Arbeitgeber im thüringischen Automobilcluster ist.
Ortspunkt Eisenach: Wo du die Fahrzeuggeschichte hautnah erlebst
Wer der Faszination der Eisenacher Fahrzeuggeschichte (Bundesland: Thüringen) nachgehen möchte, findet am historischen Werkseingang ein wahres Paradies:
Museum Automobile Welt Eisenach (AWE): Untergebracht im unter Denkmalschutz stehenden Ostkantine-Gebäude (O2) direkt am ehemaligen Werksgelände. Die Ausstellung zeigt historische Dixi-, BMW- und Wartburg-Fahrzeuge, einzigartige Prototypen sowie funktionstüchtige Fertigungslinien.
Denkmal Heinrich Ehrhardt: Erinnert an den kühnen Pionier der Thüringer Fahrzeugindustrie.
Leser-Aufruf: Welche Erlebnisse verbindest du mit dem Wartburg?
Bist du selbst einen Wartburg 311 oder 353 gefahren, hast du bei AWE oder Opel gearbeitet oder faszinieren dich historische Fahrzeuge?
Schickt uns eure Fotos und Geschichten per E-Mail an redaktion@ostdeutsche-zeitung.de!