Über ein Jahrhundert lang prägte die Demminer Zuckerfabrik nicht nur das Stadtbild am Peenehafen in Meyenkrebs, sondern war auch der wirtschaftliche Pulsgeber für die gesamte Region. Tausende Landwirte, Arbeiter und Händler profitierten von der Zuckerrübenverarbeitung. Ein neues Buch von Lokalhistoriker David Krüger, herausgegeben vom Demminer Heimatverein e.V., bringt nun lichtvolle Details, Dokumente und Zeitzeugenberichte aus den Archiven an die Öffentlichkeit. Die offizielle Buchpremiere findet am Donnerstag, dem 6. August, in der Hanse-Bibliothek Demmin statt.
Aufstieg zur renditestärksten Fabrik Norddeutschlands
Die Wurzeln des Industriekomplexes reichen in das Jahr 1883 zurück. Unter maßgeblicher Initiative regionaler Agrarier und des pommerschen Adels – darunter die Grafen von Schwerin – wurde der Betrieb gegründet, um die Erträge des fruchtbaren Rübenanbaus in Vorpommern direkt vor Ort zu veredeln.
Die Lage direkt an der Peene erwies sich als logistischer Glücksfall: Über den Wasserweg sicherten Lastkähne den Antransport der Rüben und den Abtransport des Rohzuckers. Nach der Umwandlung in die „Zuckerfabrik Aktien-Gesellschaft in Demmin“ im Jahr 1903 entwickelte sich das Werk zu einer echten Goldgrube. Mit Renditen und Dividenden von zeitweise bis zu 25 Prozent galt der Demminer Betrieb vor dem Zweiten Weltkrieg als eine der profitabelsten Zuckerfabriken im gesamten norddeutschen Raum. Auch schwere Rückschläge wie ein verheerender Großbrand im Jahr 1911 konnten den Aufstieg nicht stoppen – die Fabrik wurde umgehend moderner wieder aufgebaut.
Zwischen Kriegs-Zwangsarbeit und sozialistischem Planbetrieb
Während der zwei Weltkriege spiegelte sich die dunkle Seite der deutschen Wirtschaftsgeschichte im Werk wider. In der Fabrik schufteten Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Nach 1945 folgte die Enteignung und die Überführung in das Eigentum des Volkes.
Als VEB Zuckerfabrik Demmin blieb das Werk ein unverzichtbarer Anker für den Arbeitsmarkt der Hansestadt. Generationen von Demminern erlebten die hektische Zeit der jährlichen „Rübenkampagne“ im Herbst, wenn Tag und Nacht Schicht gearbeitet wurde, um die Ernte der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zu verarbeiten. Bis zur letzten Kampagne im Herbst 1990 wurden in der Geschichte der Fabrik insgesamt über sechs Millionen Tonnen Zuckerrüben zu Rohzucker verarbeitet.
Das plötzliche Aus nach der Wende
Mit der Wiedervereinigung und der Übernahme durch die Treuhandanstalt kam das abrupte Ende für den Traditionsstandort. Im Zuge der Neustrukturierung der ostdeutschen Zuckerindustrie konzentrierten Großinvestoren die Produktion auf wenige Großstandorte wie das nahegelegene Anklam.
1990 lief die letzte Kampagne in Demmin; wenig später wurden die Tore endgültig geschlossen und die historischen Industrieanlagen schrittweise abgerissen. Zurück blieb eine schmerzhafte Lücke im Industrieareal am Peenehafen und in den Erwerbsbiografien vieler Einheimischer.
Neues Buch rettet Akten und Erinnerungen vor dem Vergessen
Dass die Geschichte der Fabrik nun lückenlos vorliegt, ist der akribischen Arbeit von David Krüger, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Heimatvereins, zu verdanken. Nachdem 40 Kisten mit historischen Akten und Dokumenten aus dem Archiv der Abwicklungsgesellschaft von Anklam zurück nach Demmin geholt werden konnten, verarbeitete Krüger den Bestand zu einer umfassenden Chronik.
Das Buch bietet weit mehr als reine Zahlen:
Verzeichnisse der Aktionäre und Landwirte: Ein wertvoller Fundus für die Regional- und Ahnenforschung.
Technische Pläne: Detaillierte Darstellungen der Gebäude und der historischen Dampf- und Verarbeitungsanlagen.
Chronik der Rübenkampagnen: Zahlen, Daten und Geschichten rund um die Hochzeiten der Produktion.
Die Buchvorstellung am 6. August um 19:00 Uhr in der Hanse-Bibliothek Demmin bietet allen Geschichtsinteressierten und ehemaligen Werksangehörigen die Gelegenheit, tiefer in ein prägendes Kapitel vorpommerscher Identität einzutauchen.
Quellen & Datenbasis
Hanse-Bibliothek Demmin & Demminer Heimatverein e.V.: Veranstaltungshinweise und Publikationsankündigung zu „Zucker aus Vorpommern – Geschichte der Demminer Zuckerfabrik“ von David Krüger (August 2026).
Stadtarchiv Demmin / Museumsfundus: Aktenbestand der Zuckerfabrik Aktien-Gesellschaft in Demmin / VEB Zuckerfabrik Demmin.