Nur Monate nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft setzten 18 jüdische Überlebende in Chemnitz ein bemerkenswertes Zeichen: Am 7. September 1945 gründeten sie die Jüdische Gemeinde der Stadt neu. Das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz erinnert mit der Ausstellung „Jetzt erst recht!“ an diese Menschen. Am Sonntag, 9. August, ist die Schau zum letzten Mal geöffnet.
Von 3.400 Gemeindemitgliedern überlebten nur wenige
Vor der nationalsozialistischen Verfolgung gehörten nach Angaben des smac rund 3.400 Menschen zur Jüdischen Gemeinde Chemnitz.
Als der Krieg 1945 endete, hatten lediglich etwa 70 Gemeindemitglieder die Verfolgung überlebt – im Versteck, durch Emigration oder als Überlebende von Ghettos und Konzentrationslagern.
Aus diesem Kreis wagten 18 Menschen bereits wenige Monate später den institutionellen Neuanfang.
Wiedergründung in einem Wohnhaus
Die neue Gemeinde entstand nicht in einem repräsentativen Gebäude.
Am 7. September 1945 trafen sich die Gründungsmitglieder im Wohnhaus von Siegbert und Anna Fechenbach im Stiftsweg 107 in Chemnitz-Ebersdorf.
Die Ausstellung stellt alle 18 Beteiligten mit kurzen Biografien und Zeitleisten vor.
Damit rückt sie einzelne Lebenswege in den Mittelpunkt.
Auschwitz-Überlebender Justin Sonder gehörte dazu
Zu den Gründungsmitgliedern gehörte Justin Sonder.
Er hatte Auschwitz und mehrere Todesmärsche überlebt und kehrte anschließend in seine Heimatstadt Chemnitz zurück. Dort lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 2020.
Auch Siegmund Rotstein, später eine prägende Persönlichkeit jüdischen Lebens in Chemnitz, gehört zu den Menschen, deren Geschichte in der Ausstellung erzählt wird.
Nicht alle blieben in Chemnitz
Der Neubeginn bedeutete nicht, dass die folgenden Jahrzehnte einfach wurden.
Einige der Gründungsmitglieder verließen Chemnitz später und emigrierten unter anderem in die USA oder nach Israel. Andere blieben bis zu ihrem Tod in der Stadt.
Die Ausstellung zeichnet damit nicht nur die Wiedergründung nach, sondern auch unterschiedliche Lebensentscheidungen nach Krieg und Verfolgung.
Ausstellung gehört zu TACHELES 2026
„Jetzt erst recht!“ ist Teil von TACHELES 2026 – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen.
Das Projekt soll jüdische Geschichte und Gegenwart im Freistaat sichtbarer machen. Die Chemnitzer Ausstellung verbindet historische Dokumente und Fotografien mit der Frage, wie jüdisches Leben nach der Shoah überhaupt wieder aufgebaut werden konnte.
Sonntag ist die letzte Gelegenheit
Die Ausstellung läuft seit dem 22. Mai und endet am Sonntag, 9. August.
Geöffnet ist das smac sonntags von 10 bis 18 Uhr. Der Zugang zur Foyerausstellung ist kostenlos.
Wer die Schau verpasst, kann die aufgearbeiteten Informationen nach Angaben des Museums anschließend weiterhin über das TACHELES-Projekt abrufen.
Der letzte Ausstellungstag ist damit zugleich Anlass, sich an einen Teil der Chemnitzer Stadtgeschichte zu erinnern, der lange nur wenig sichtbar war.
Quellen
Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz – „Jetzt erst recht! Die Wiedergründung der Jüdischen Gemeinde Chemnitz“
Landesamt für Archäologie Sachsen / smac – Medieninformation vom 21. Mai 2026
TACHELES 2026 – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen