Fahrgäste im Berliner Norden müssen noch rund ein weiteres Jahr mit Ersatzbussen, längeren Fahrzeiten und zusätzlichen Umstiegen leben. Die Berliner Verkehrsbetriebe verschieben die Wiedereröffnung der U6 zwischen Kurt-Schumacher-Platz und Alt-Tegel erneut. Statt 2026 sollen die Züge nun erst zum Beginn des neuen Schuljahres im Sommer 2027 wieder auf der gesamten Nordstrecke fahren.
Die vollständige Sperrung besteht bereits seit dem 7. November 2022. Betroffen ist der Abschnitt zwischen Kurt-Schumacher-Platz und Alt-Tegel mit den dazwischenliegenden Bahnhöfen Scharnweberstraße, Otisstraße, Holzhauser Straße und Borsigwerke.
Die BVG spricht inzwischen von Arbeiten, deren Umfang nahezu einem Neubau entspricht. Rund 3.000 Meter Bahndamm, 6.500 Meter Gleise, acht Weichen, acht Brücken sowie zahlreiche Strom-, Kommunikations- und Sicherungsanlagen werden erneuert.
Zusätzliche Schäden erst während der Bauarbeiten entdeckt
Als Hauptgrund für die erneute Verzögerung nennt die BVG unerwartete Schäden an den alten Betonbauwerken. Der tatsächliche Zustand von Brücken, Bahnhöfen und Bahndamm sei teilweise erst sichtbar geworden, nachdem Bauteile freigelegt worden waren.
Die Verkehrsbetriebe entschieden sich, diese Schäden nicht nur provisorisch zu behandeln, sondern im laufenden Projekt vollständig zu beseitigen. Dadurch waren neue Planungen und zusätzliche Bauarbeiten notwendig.
Hinzu kamen nach Angaben der BVG:
- Einsprüche während des Vergabeverfahrens,
- veränderte gesetzliche Anforderungen,
- eine angespannte Lage bei Bauunternehmen,
- lange Lieferzeiten für Material,
- zusätzliche Umplanungen,
- witterungsbedingte Unterbrechungen.
Besonders der mehrwöchige Frost im Januar und Februar 2026 beeinträchtigte die Arbeiten am Bahndamm. Weil die einzelnen Gewerke eng aufeinander abgestimmt sind, konnten die Ausfälle nicht kurzfristig aufgeholt werden.
„Die zusätzlichen Arbeiten erforderten Umplanungen und mehr Zeit.“
Mit dieser Begründung erklärt die BVG, weshalb aus der ursprünglich für etwa 20 Monate geplanten Sanierung inzwischen eine fast fünfjährige Sperrung wird.
Ursprünglich waren nur rund 20 Monate vorgesehen
Als das Projekt mehrere Jahre vor Baubeginn angekündigt wurde, rechneten die Planer noch mit einer Bauzeit von ungefähr 20 Monaten. Tatsächlich begann die Vollsperrung im November 2022 und soll nun bis August 2027 andauern.
Damit verlängert sich die Maßnahme auf insgesamt fast fünf Jahre.
Für Fahrgäste in Tegel und Reinickendorf bedeutet das weiterhin:
- Umstieg am Kurt-Schumacher-Platz,
- Ersatzbusse auf dem nördlichen Streckenabschnitt,
- längere und weniger planbare Fahrzeiten,
- zusätzliche Belastung im Straßenverkehr,
- begrenzten Platz für Kinderwagen, Rollstühle und Fahrräder,
- schlechtere Anschlüsse bei Stau oder Verspätungen.
Der Ersatzverkehr soll bis zur Wiedereröffnung in dichter Taktfolge und mit barrierefreien Bussen weiterfahren. Als Alternativen nennt die BVG außerdem die U8 ab Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik sowie die S25 zwischen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik und Tegel.
Brücken, Gleise und ein alter Bahndamm werden vollständig erneuert
Der sanierte Abschnitt wurde zwischen 1956 und 1958 eröffnet. Der mehr als drei Kilometer lange Bahndamm besteht teilweise aus aufgeschütteten Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Nach mehreren Jahrzehnten Dauerbetrieb war der Untergrund nicht mehr ausreichend stabil.
Bei der Sanierung wird der Damm schichtweise neu aufgebaut und unter anderem mit Geogittern und Geotextilien verstärkt. Gleichzeitig erneuert die BVG Gleisoberbau, Unterbau und elektrische Anlagen.
Auch die acht Brücken entlang der Strecke benötigen umfangreiche Arbeiten. Dazu gehören:
- Asbestsanierungen,
- Betoninstandsetzungen,
- neuer Korrosionsschutz,
- Abdichtungen,
- neue Entwässerungssysteme.
Die beschädigte U-Bahn-Brücke über die Seidelstraße musste sogar vollständig abgerissen und neu gebaut werden. Dieser Neubau wurde im Juni 2025 fertiggestellt.
Mehrere Bahnhöfe werden barrierefrei
Parallel zur Streckensanierung modernisiert die BVG mehrere Stationen. Die Bahnhöfe Borsigwerke und Holzhauser Straße erhalten erstmals Aufzüge und Blindenleitsysteme.
Weitere Arbeiten betreffen:
- neue Bahnsteigplatten,
- sanierte Dächer,
- erneuerte Treppen,
- neue Eingangshallen,
- modernisierte technische Anlagen,
- instand gesetzte Verteilerebenen.
Auch Alt-Tegel, Scharnweberstraße und Kurt-Schumacher-Platz werden grundlegend erneuert. Am Bahnhof Otisstraße sind vor der Wiedereröffnung kleinere Instandsetzungen und eine Erneuerung des Aufzugs vorgesehen.
Die Aufzüge an den geschlossenen Stationen bleiben bis zur Wiederaufnahme des U-Bahn-Betriebs außer Funktion. Damit können Fahrgäste die modernisierten Anlagen trotz teilweise abgeschlossener Arbeiten zunächst nicht nutzen.
Technische Prüfungen beginnen erst 2027
Nach dem neuen Zeitplan sollen die eigentlichen Gleis-, Kabel- und Ausrüstungsarbeiten bis zum Frühjahr 2027 dauern. Erst danach können technische Prüfungen, Testfahrten und die Gesamtabnahme beginnen.
Der weitere Ablauf sieht vor:
- bis Frühjahr 2027: Gleisbau und Kabelarbeiten,
- Aufbau der Stromversorgung und Zugsicherung,
- ab Frühjahr 2027: technische Prüfungen,
- anschließend Testfahrten,
- abschließende behördliche Abnahme,
- Wiedereröffnung zum Schuljahresbeginn 2027.
Die BVG nennt damit keinen einzelnen verbindlichen Eröffnungstag, sondern einen Zeitraum zum Start des neuen Schuljahres. Der Ersatzverkehr ist vorerst bis August 2027 angekündigt.
Keine Angaben zu möglichen Mehrkosten
Die längere Bauzeit und die zusätzlichen Schäden dürften höhere Kosten verursachen. Eine aktuelle Gesamtsumme oder eine genaue Berechnung möglicher Mehrkosten nennt die BVG auf ihrer Projektseite jedoch nicht.
Zusätzliche Ausgaben können unter anderem entstehen durch:
- längere Baustelleneinrichtung,
- weitere Planungsleistungen,
- zusätzliche Beton- und Brückensanierungen,
- gestiegene Material- und Personalkosten,
- verlängerten Bus-Ersatzverkehr,
- technische Prüfungen und neue Genehmigungen.
Ohne einen aktualisierten Kostenrahmen bleibt unklar, wie stark sich die Verzögerungen auf den Haushalt der BVG und damit mittelbar auf das Land Berlin auswirken.
Gerade bei einer fast fünfjährigen Vollsperrung wäre eine öffentliche Darstellung der ursprünglichen und aktuellen Kosten sinnvoll.
Ersatzbusse bleiben für Reinickendorf eine Belastung
Die Ersatzbusse verbinden Alt-Tegel mit dem Kurt-Schumacher-Platz. Sie müssen jedoch im normalen Straßenverkehr fahren und können deshalb die Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit einer eigenen U-Bahn-Trasse nicht vollständig ersetzen.
Staus, Baustellen und hohes Fahrgastaufkommen führen immer wieder zu längeren Fahrzeiten. Besonders belastend ist der Ersatzverkehr für Berufspendler, Schüler und Menschen, die täglich zu medizinischen Einrichtungen oder Behörden fahren müssen.
Der Busverkehr beansprucht zudem Straßenraum und belastet die Anwohner entlang der Ersatzroute durch:
- zusätzliche Fahrbewegungen,
- Lärm,
- Abgase,
- Haltestellenbetrieb am frühen Morgen und späten Abend,
- stärkeren Verkehr an Kreuzungen.
Die angekündigte Wiedereröffnung zum Schuljahresbeginn 2027 ist deshalb für den gesamten Bezirk von erheblicher Bedeutung.
Fast fünf Jahre Sperrung brauchen eine verlässliche Schlussphase
Die Sanierung der U6-Nordstrecke ist technisch notwendig. Bahndamm, Brücken und Bahnhöfe waren teilweise rund 70 Jahre alt. Eine nur oberflächliche Reparatur hätte neue Sperrungen nach kurzer Zeit wahrscheinlich gemacht.
Dennoch ist die Dauer für Fahrgäste außergewöhnlich. Aus einer ursprünglich auf rund 20 Monate geschätzten Maßnahme wird eine Sperrung von November 2022 bis voraussichtlich August 2027.
Entscheidend ist nun, dass der neue Termin hält. Weitere Verschiebungen würden das Vertrauen in die Planung zusätzlich beschädigen.
Für die BVG beginnt deshalb die wichtigste Phase erst nach Abschluss der sichtbaren Bauarbeiten. Gleise, Signale, Stromversorgung und Zugsicherung müssen gemeinsam geprüft und zuverlässig in Betrieb genommen werden.
Bis dahin endet die U6 weiterhin am Kurt-Schumacher-Platz. Der Weg nach Tegel führt noch mindestens bis zum Sommer 2027 über den Ersatzbus.
Quellen und Datenbasis
- Berliner Verkehrsbetriebe: Projektseite zur U6-Nordstreckensanierung mit aktualisiertem Zeitplan, Bauumfang und Ursachen der Verzögerung.
- rbb24: aktuelle Meldung zur erneuten Verschiebung der U6-Wiedereröffnung auf Sommer 2027.