Dunkle Wohnungen, ausgefallene Heizungen und Mobiltelefone ohne Netz: Der Stromausfall vom 3. bis 7. Januar 2026 brachte den Berliner Südwesten an die Belastungsgrenze. Rund ein halbes Jahr später bescheinigt eine Expertenkommission der Hauptstadt weiterhin erhebliche Schwächen. Berlin verfügt zwar über Behörden, Hilfsorganisationen und Krisenstäbe – doch sie sind bislang nicht ausreichend zu einem belastbaren Gesamtsystem verbunden.

Stromausfall traf rund 100.000 Menschen

Ausgelöst wurde der schwerste Stromausfall der Berliner Nachkriegsgeschichte durch einen mutmaßlich linksextremistisch motivierten Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Steglitz-Zehlendorf. Vom 3. bis 7. Januar waren rund 45.000 Haushalte und etwa 2.200 Gewerbebetriebe zeitweise ohne Strom. Insgesamt waren nach Angaben der Experten etwa 100.000 Menschen betroffen.

Mit dem Strom fielen in Teilen des betroffenen Gebietes weitere Leistungen aus:

  • Heizungen und Warmwasserversorgung,
  • Mobilfunk und Internet,
  • Beleuchtung und Aufzüge,
  • Kartenzahlung und Geldautomaten,
  • Ampeln und technische Verkehrsanlagen,
  • Kühlung von Lebensmitteln und Medikamenten.

Besonders gefährdet waren ältere, pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen. Der Ausfall zeigte, wie schnell eine technische Störung zu einer sozialen und medizinischen Krise werden kann.

Die Expertenkommission bezeichnete das Ereignis als Weckruf. Berlin sei nur unzureichend auf größere, länger andauernde oder mehrere gleichzeitig eintretende Krisen vorbereitet.

„Der Stromausfall wurde in wenigen Tagen bewältigt und zeigte doch, wie wenig Berlin auf größere, länger andauernde oder hybride Lagen vorbereitet ist.“

So fasste die vierköpfige Kommission ihre Bewertung bei der Vorstellung des Berichts am 6. Juli 2026 zusammen.

Kommunikation brach zusammen

Eine der deutlichsten Schwachstellen war die Kommunikation. Mobilfunknetze fielen in den betroffenen Stadtteilen teilweise aus. Damit konnten Menschen nicht nur Angehörige und Behörden schwerer erreichen. Auch Warnungen, Hilfsangebote und aktuelle Informationen kamen nicht zuverlässig bei der Bevölkerung an.

Die Kommission fordert deshalb Kommunikationssysteme, die unabhängig vom normalen Strom- und Mobilfunknetz funktionieren. Kritische Betreiber sollen im Krisenfall mindestens 72 Stunden kommunizieren können. Vorgeschlagen werden außerdem wohnortnahe Anlaufstellen, sogenannte Katastrophenschutzleuchttürme, und kleinere Informationspunkte in den Kiezen.

Solche Anlaufstellen könnten bei einem längeren Ausfall:

  • Notrufe und Hilfeersuchen weiterleiten,
  • Informationen der Behörden verbreiten,
  • Lade- und Kommunikationsmöglichkeiten anbieten,
  • medizinisch gefährdete Personen erfassen,
  • Trinkwasser oder dringend benötigte Güter ausgeben.

Bislang ist jedoch nicht in allen Bezirken ein einheitliches, bekanntes und technisch abgesichertes Netz solcher Einrichtungen vorhanden.

Experten fordern ein zentrales Krisenzentrum

Der Berliner Katastrophenschutz ist auf mehrere Senatsverwaltungen, zwölf Bezirke, Feuerwehr, Polizei, Hilfsorganisationen und private Infrastrukturbetreiber verteilt. Diese Struktur kann im Alltag funktionieren. In einer großflächigen Krise entstehen jedoch Schnittstellen, Informationsverluste und Zuständigkeitsfragen.

Die Kommission empfiehlt deshalb ein zentrales Lage- und Krisenzentrum. Dort sollen die Berliner Krisenstäbe sowie Bundesbehörden und Betreiber kritischer Infrastrukturen zusammengeführt werden. Zusätzlich schlägt sie einen direkt bei der Senatskanzlei angesiedelten Chief Resilience Officer vor, der die Krisenfestigkeit dauerhaft koordinieren soll.

Innensenatorin Iris Spranger unterstützt ein zentrales Krisenzentrum, lehnt einen zusätzlichen Beauftragten jedoch ab. Nach ihrer Auffassung könnten entsprechende Aufgaben von einem Staatssekretär in der Innenverwaltung übernommen werden.

Der Streit ist mehr als eine Personalfrage. Er zeigt, dass bislang nicht abschließend geklärt ist, wer im Katastrophenfall ressortübergreifend entscheidet und die Umsetzung langfristiger Maßnahmen kontrolliert.

Zehn Tage ohne normale Versorgung

Besonders weitreichend ist das Ziel der Kommission, dass alle wichtigen Akteure in Berlin ihre Kernfunktionen spätestens 2029 für mindestens zehn Tage aufrechterhalten können sollen. Dazu gehören Behörden, Kliniken, Verkehrsunternehmen, Versorger und Kommunikationsanbieter.

Das bedeutet unter anderem:

  • ausreichende Notstromversorgung,
  • Treibstoffreserven für Aggregate und Einsatzfahrzeuge,
  • Ersatzkommunikation bei Ausfall des Mobilfunks,
  • Vorräte an Medikamenten und medizinischem Material,
  • Notfallpläne für Pflegeeinrichtungen und Kliniken,
  • gesicherte Lebensmittel- und Trinkwasserversorgung,
  • Personalreserven für mehrtägige Einsatzlagen.

Wie viele Einrichtungen diese Anforderungen bereits erfüllen, ist öffentlich nicht vollständig dokumentiert. Auch eine Gesamtsumme für den notwendigen Ausbau liegt bislang nicht vor.

Regierender Bürgermeister Kai Wegner räumte bei der Präsentation ein, dass Berlin seine Haushaltsprioritäten verändern müsse.

„Das kostet Geld. Wir werden in den nächsten Jahren im Haushalt umsteuern müssen.“

Zugleich fordert Wegner eine stärkere finanzielle Beteiligung des Bundes, weil in Berlin Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung und zahlreiche Bundesbehörden angesiedelt sind.

Mehr Schutz reicht allein nicht

Nach dem Anschlag hat Stromnetz Berlin den physischen Schutz wichtiger Anlagen verstärkt. Nach Angaben aus dem Frühjahr wurden Videoüberwachung, Wachschutz, Zäune, Beleuchtung und Alarmsysteme ausgebaut. Das Unternehmen plant für 2026 Investitionen von 597 Millionen Euro in Netzbetrieb, Ausbau, Digitalisierung und Widerstandsfähigkeit.

Solche Maßnahmen können Anschläge erschweren. Sie lösen aber nicht das Grundproblem: Kritische Infrastruktur kann nie vollständig gegen Sabotage, technische Fehler, Cyberangriffe oder Extremwetter geschützt werden.

Entscheidend ist deshalb, wie schnell Ersatzsysteme funktionieren. Dazu gehören doppelte Versorgungswege, mobile Notstromtechnik, belastbare Krisenkommunikation und vorbereitete Hilfspunkte.

Die Kommission analysierte sechs zentrale Bereiche:

  • Energieversorgung,
  • Verkehr und Mobilität,
  • digitale Infrastruktur,
  • Gesundheit,
  • Ernährung und Versorgung,
  • Verwaltung und Sicherheit.

Hinzu kommen Kommunikation, Personalverfügbarkeit, Redundanzen und die Zusammenarbeit zwischen zivilen und militärischen Stellen.

Zu wenige gemeinsame Übungen

Ein Krisenplan kann auf dem Papier vollständig sein und im Ernstfall trotzdem scheitern. Deshalb verlangt die Kommission deutlich mehr gemeinsame Übungen. Dabei sollen nicht nur Polizei, Feuerwehr und Verwaltung teilnehmen, sondern auch Krankenhäuser, Verkehrsunternehmen, Energieversorger, Hilfsorganisationen und Bürger.

Der frühere Berliner Landesbranddirektor Albrecht Broemme formulierte die Erwartung deutlich:

„Es reicht nicht, dass Feuerwehr und Polizei funktionieren.“

Ein länger andauernder Stromausfall betrifft nahezu jeden Bereich des öffentlichen Lebens. Kliniken benötigen Energie, Pflegeeinrichtungen müssen ihre Bewohner versorgen, Supermärkte verlieren Kühlketten und Verkehrsbetriebe brauchen funktionierende Leitstellen.

Ohne gemeinsame Übungen bleibt unklar, ob Meldewege, Zuständigkeiten und technische Schnittstellen unter Zeitdruck tatsächlich funktionieren.

Viele Vorschläge, offene Finanzierung

Der Berliner Senat verweist auf ein eigenes Paket mit 66 Maßnahmen. Die Expertenkommission hat zusätzlich zahlreiche Empfehlungen vorgelegt und fordert, unverzüglich mit der Umsetzung zu beginnen.

Offen bleiben jedoch zentrale Fragen:

  • Welche Maßnahmen sind bereits vollständig finanziert?
  • Wann wird ein zentrales Krisenzentrum eingerichtet?
  • Wo entstehen Katastrophenschutzleuchttürme?
  • Welche Mobilfunkanlagen erhalten eine Notstromversorgung für 72 Stunden?
  • Wie werden Pflegebedürftige und medizinisch gefährdete Menschen erfasst?
  • Wer überprüft die zehn Tage dauernde Betriebsfähigkeit kritischer Einrichtungen?
  • Wann finden berlinweite Krisenübungen statt?

Solange diese Fragen nicht verbindlich beantwortet sind, bleibt der Bericht vor allem ein Arbeitsauftrag.

Berlin hat auf den Stromausfall reagiert. Der physische Schutz einzelner Anlagen wurde verbessert, politische Maßnahmen wurden angekündigt und Schwachstellen benannt. Doch eine krisenfeste Hauptstadt entsteht nicht durch Kameras und Zäune allein.

Sie braucht eine einheitliche Führung, funktionierende Ersatzsysteme und klare Anlaufstellen für die Bevölkerung. Der Januar hat gezeigt, was geschieht, wenn Strom, Wärme und Kommunikation gleichzeitig ausfallen. Der nächste Ernstfall darf nicht erneut zum ersten Praxistest der angekündigten Verbesserungen werden.

Quellen und Datenbasis

  • Senatskanzlei Berlin: Vorstellung des Berichts „Resilienz in Berlin“ am 6. Juli 2026, Handlungsfelder und Empfehlungen der Expertenkommission.
  • Expertenbericht „Resilienz in Berlin“: Empfehlungen zur Krisenkoordination, Notfallkommunikation und Widerstandsfähigkeit kritischer Infrastruktur.
  • RBB und ZDF: Umfang des Stromausfalls, erkannte Schwachstellen und konkrete Maßnahmenvorschläge.
  • Stromnetz Berlin: Investitionen in den Netzausbau und die Widerstandsfähigkeit der Energieversorgung.