Ein 70-jähriger Berliner soll einen internationalen Kokaintransport von Südamerika nach Europa koordiniert und mit mehr als zwei Millionen Euro vorfinanziert haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sollten 2.260 Kilogramm Kokain zunächst mit einem Katamaran von Brasilien nach Sierra Leone gebracht und dort auf ein Schleppschiff umgeladen werden. Der Plan scheiterte – nun liegt die Anklage beim Landgericht Berlin I.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor. Er soll die Aktion im Jahr 2021 aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Schweiz und Deutschland gesteuert haben. Dabei soll ein verschlüsseltes Mobiltelefon des Anbieters Sky ECC zum Einsatz gekommen sein.

Der Beschuldigte schweigt zu den Vorwürfen. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.

Kokain sollte über Sierra Leone nach Europa gelangen

Nach Darstellung der Ermittler war eine mehrstufige Route geplant. Ein Katamaran sollte die 2,26 Tonnen Kokain in Brasilien übernehmen und über den Atlantik nach Sierra Leone transportieren. Vor der westafrikanischen Küste sollte die Ladung auf ein Schleppschiff umgeladen und anschließend nach Europa weitergebracht werden.

Für die Vorbereitung des Geschäfts soll der Berliner den Beteiligten im Voraus mehr als zwei Millionen Euro gezahlt haben. Ob es sich dabei um die vollständige Finanzierung oder nur um einen Teilbetrag handelte, geht aus der Mitteilung der Staatsanwaltschaft nicht hervor.

Der mutmaßliche Transportweg:

  • Übernahme des Kokains in Brasilien,
  • Fahrt mit einem Katamaran über den Atlantik,
  • geplante Übergabe vor Sierra Leone,
  • Umladung auf ein Schleppschiff,
  • Weitertransport nach Europa.

Die Ermittler gehen damit von einem international organisierten Vorhaben aus, das von mehreren Ländern aus koordiniert worden sein soll.

Kommunikationsprobleme lassen den Plan scheitern

Die Übergabe vor Sierra Leone kam nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht zustande. Das Schleppschiff erreichte den Katamaran wegen Kommunikationsproblemen nicht. Das mit Kokain beladene Segelboot kehrte daraufhin in Richtung Brasilien zurück.

Etwa 270 Kilometer vor der brasilianischen Küste griffen die dortigen Behörden zu. Sie setzten den Katamaran fest, beschlagnahmten die Drogen und nahmen die vollständige Besatzung fest.

Der Katamaran wurde mit der gesamten Ladung vor der brasilianischen Küste gestoppt.

Das Kokain wurde später vernichtet. Das beschlagnahmte Segelboot wurde nach Angaben der Berliner Strafverfolgungsbehörden vorläufig einer brasilianischen Universität für meeresbiologische Forschungszwecke überlassen.

Kapitän in Brasilien zu mehr als 23 Jahren Haft verurteilt

Die Besatzungsmitglieder mussten sich bereits in Brasilien vor Gericht verantworten. Sie erhielten mehrjährige Freiheitsstrafen. Der Kapitän wurde zu 23 Jahren und vier Monaten Haft verurteilt.

Das Berliner Verfahren richtet sich nun gegen den Mann, der den Transport nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft organisiert und finanziert haben soll. Das Landgericht Berlin I muss zunächst über die Eröffnung des Hauptverfahrens entscheiden.

Eine Anklage bedeutet noch keine Verurteilung. Das Gericht prüft, ob ein hinreichender Tatverdacht besteht und die Vorwürfe in einer Hauptverhandlung verhandelt werden.

Verschlüsselte Chats führten zu dem Berliner

Auf die Spur des Mannes kamen die Ermittler laut Generalstaatsanwaltschaft durch ausgewertete Kommunikationsdaten. Der 70-Jährige soll für die Organisation ein Sky-ECC-Telefon genutzt haben.

Sky ECC galt über Jahre als besonders geschütztes Kommunikationssystem. Es wurde auch von international tätigen kriminellen Netzwerken verwendet. Europäische Ermittlungsbehörden konnten das System Ende 2020 entschlüsseln und umfangreiche Chatdaten sichern. Diese Daten führten in mehreren Ländern zu Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche Drogenhändler.

Im Berliner Verfahren dürften die ausgewerteten Nachrichten eine zentrale Rolle spielen. Entscheidend wird sein, ob sich daraus die behauptete Koordination, Finanzierung und Kenntnis der konkreten Kokainmenge zweifelsfrei nachweisen lassen.

Angeklagter sitzt bereits im Gefängnis

Der 70-Jährige befindet sich bereits wegen einer anderen Verurteilung in Strafhaft. Das Landgericht Berlin I hatte ihn 2024 wegen Rauschgiftstraftaten zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Bereits 2009 war er in New York wegen Drogendelikten zu zehn Jahren Haft verurteilt worden.

Diese früheren Urteile beweisen die aktuellen Vorwürfe nicht. Sie können jedoch im Falle einer erneuten Verurteilung bei der Strafzumessung eine Rolle spielen.

Nach Angaben des rbb könnten bei einer Verurteilung in dem neuen Verfahren bis zu zehn weitere Jahre Haft hinzukommen. Über die konkrete Strafe würde allein das zuständige Gericht entscheiden.

Zwei Tonnen Kokain bedeuten ein Geschäft in Großdimension

Die angeklagte Menge von 2.260 Kilogramm liegt weit über dem Bereich gewöhnlicher Straßen- oder Kleingruppenkriminalität. Ein Transport dieser Größenordnung erfordert Schiffe, internationale Kontakte, hohe Vorauszahlungen, sichere Übergabepunkte und eine funktionierende Verteilung in Europa.

Der Fall zeigt typische Merkmale professioneller Drogenlogistik:

  • grenzüberschreitende Koordination,
  • verschlüsselte Kommunikation,
  • hohe finanzielle Vorleistungen,
  • Transport über mehrere Schiffe,
  • Beteiligte in verschiedenen Staaten,
  • geplante Umladung auf hoher See.

Wie viele weitere Personen an der Organisation beteiligt gewesen sein sollen und für welche europäischen Länder die Ladung bestimmt war, teilte die Staatsanwaltschaft bislang nicht mit.

Hauptverfahren noch nicht eröffnet

Die Anklage wurde vor dem Landgericht Berlin I erhoben. Ein Termin für einen möglichen Prozess ist noch nicht bekannt. Zunächst muss das Gericht die Anklageschrift prüfen und entscheiden, ob es das Hauptverfahren eröffnet.

Dabei werden unter anderem folgende Fragen entscheidend sein:

  • Lassen sich die Sky-ECC-Nachrichten dem Angeklagten sicher zuordnen?
  • Belegen sie eine leitende Rolle bei dem Transport?
  • Wie wird die Zahlung von mehr als zwei Millionen Euro nachgewiesen?
  • Welche Erkenntnisse stammen von brasilianischen Behörden?
  • Welche Zeugen oder bereits verurteilten Beteiligten könnten aussagen?
  • Wie vollständig sind die internationalen Ermittlungsakten?

Der mutmaßliche Schmuggel selbst scheiterte bereits 2021. Die juristische Aufarbeitung in Berlin beginnt dagegen erst Jahre später.

Sollte das Gericht die Anklage zulassen, dürfte einer der größten in Berlin verhandelten Kokainschmuggel-Fälle der vergangenen Jahre folgen.

Quellen und Datenbasis

  • Generalstaatsanwaltschaft Berlin: Pressemitteilung Nr. 146 vom 30. Juli 2026 zur Anklage wegen internationalen Rauschgifthandels.
  • Weitere aktuelle Berichterstattung zum Transportweg, zur Festsetzung des Katamarans und zu den Urteilen gegen die Besatzung.