Wo endet ein sicherer Radweg zu früh? Welche Bushaltestelle ist aus einem Ortsteil nur schwer erreichbar? Und an welcher Kreuzung fühlen sich Fußgänger unsicher? Zittau will seinen Verkehr bis zum Jahr 2035 neu ordnen und bittet die Bevölkerung um konkrete Hinweise. Der Anspruch ist groß: Verbesserungen sollen nicht nur der Innenstadt, sondern auch Eichgraben, Hartau, Pethau, Hirschfelde, Drausendorf, Dittelsdorf, Schlegel und Wittgendorf zugutekommen.

Alle Verkehrsarten kommen auf den Prüfstand

Der Mobilitätsplan wird von der Stadt Zittau gemeinsam mit der Zittauer Stadtentwicklungsgesellschaft sowie den Planungsbüros PTV Group und STRATMO erarbeitet. Untersucht werden der Fuß- und Radverkehr, der Autoverkehr sowie Bus- und Bahnangebote. Ziel ist ein Maßnahmenplan, der die unterschiedlichen Verkehrsarten nicht getrennt, sondern als zusammenhängendes System betrachtet.

Die Bürger sollen dabei nicht nur allgemeine Wünsche äußern. Gefragt sind konkrete Erfahrungen aus dem Alltag:

  • Wo fehlen sichere Geh- oder Radwege?
  • Welche Kreuzungen sind unübersichtlich?
  • Wo sind Bushaltestellen schlecht erreichbar?
  • Welche Verbindungen zwischen Stadt und Ortsteilen fehlen?
  • Wo funktionieren bestehende Verkehrsangebote bereits gut?

Die Stadt begründet die Beteiligung mit dem Wissen der Menschen, die die Wege täglich nutzen:

„Die Planung lebt vom Wissen und den Erfahrungen der Menschen vor Ort.“

Hinweise können über das Beteiligungsportal des Freistaates, bei öffentlichen Veranstaltungen und im eigens eingerichteten Mobilitätsbüro abgegeben werden.

Verkehrszählungen und Workshops liefern erste Daten

Der Prozess begann bereits im März 2026 mit einer Auftaktveranstaltung. Seitdem fanden Kartierungswerkstätten auf dem Zittauer Wochenmarkt, in der Mensa der Hochschule und im Ortsteil Hirschfelde statt. Zusätzlich wurden Workshops mit Teilnehmern aus Tourismus, Wirtschaft, Verwaltung und sozialer Infrastruktur durchgeführt.

Parallel dazu ließ die Stadt an ausgewählten Verkehrsknoten zählen, wie viele Fahrzeuge und Verkehrsteilnehmer dort unterwegs sind. Außerdem wurde ein Verkehrsmodell entwickelt, mit dem abgeschätzt werden soll, welche Infrastruktur Zittau künftig benötigt.

Damit soll der Mobilitätsplan nicht nur auf Einzelmeinungen beruhen. Die Hinweise der Bevölkerung werden mit Verkehrsdaten, bestehenden Planungen und fachlichen Bewertungen verbunden.

Das ist notwendig, weil unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen:

  • Anwohner wünschen weniger Durchgangsverkehr.
  • Händler benötigen erreichbare Geschäfte und Liefermöglichkeiten.
  • Autofahrer erwarten ausreichend Parkplätze.
  • Radfahrer fordern durchgängige und sichere Verbindungen.
  • Fußgänger benötigen barrierefreie Wege und sichere Übergänge.
  • Die Ortsteile brauchen verlässliche Anschlüsse an Bus und Bahn.

Der spätere Plan muss diese Interessen gegeneinander abwägen. Nicht jede Verbesserung für eine Verkehrsart ist automatisch auch für die anderen von Vorteil.

Mobilitätsbüro in der Inneren Weberstraße eröffnet

Als feste Anlaufstelle wurde im ehemaligen Teeladen in der Inneren Weberstraße 6 das Mobilitätsbüro „Zittau bewegt uns alle“ eingerichtet. Bürger können sich dort informieren und eigene Vorschläge hinterlassen – auch wenn das Büro zeitweise nicht personell besetzt ist.

Die regulären Öffnungszeiten sind:

  • Montag und Mittwoch: 9 bis 16 Uhr
  • Dienstag und Donnerstag: 9 bis 17.30 Uhr
  • Freitag: 9 bis 12 Uhr

Am 24. August 2026 ist dort von 12 bis 16 Uhr eine Sprechstunde mit dem ÖPNV-Experten Matthias Böhm vorgesehen. Eine weitere öffentliche Veranstaltung findet am 9. September von 17.30 bis 19.30 Uhr in der „Villa“ an der Hochwaldstraße 21b statt. Dort sollen erste Ergebnisse, Leitlinien und Prioritäten vorgestellt werden.

Die Ortsteile dürfen nicht nur mitgemeint sein

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Verbindungen zwischen der Kernstadt und den Ortsteilen. Frühere Verkehrskonzepte berücksichtigten die 2007 eingegliederten Ortsteile zunächst nur unzureichend. Deshalb wurde bereits 2009 ein eigenes Teilkonzept für die neuen Ortsteile erarbeitet. Darin wurden unter anderem bessere Anschlüsse an Innenstadt und Fernstraßennetz sowie die Prüfung grenzüberschreitender Verbindungen gefordert.

Der neue Mobilitätsplan soll diese Bereiche nun gemeinsam betrachten. Gerade dort unterscheiden sich die Bedingungen erheblich von denen in der Innenstadt.

Während im Zentrum kurze Wege, Parkplätze, Fußgänger und Lieferverkehr miteinander konkurrieren, geht es in den Ortsteilen häufig um andere Fragen:

  • Wie oft fährt der Bus?
  • Sind Anschlüsse am Bahnhof erreichbar?
  • Gibt es sichere Wege für Schüler?
  • Können ältere Menschen ohne eigenes Auto einkaufen oder Arzttermine erreichen?
  • Sind Radverbindungen auch für den Alltag und nicht nur für den Tourismus geeignet?

Eine Planung, die sich überwiegend auf die Innenstadt konzentriert, würde diese Probleme kaum lösen.

Bürgerbeteiligung schafft noch keine Bauzusage

Der Mobilitätsplan weckt Erwartungen. Doch eine eingetragene Problemstelle führt nicht automatisch zu einem neuen Radweg, einer zusätzlichen Buslinie oder einem umgebauten Kreisverkehr.

Nach der Sammlung der Hinweise müssen die Planer bewerten:

  • Wie dringend ist eine Maßnahme?
  • Wem gehört die betroffene Straße?
  • Sind Grundstücke verfügbar?
  • Welche Kosten entstehen?
  • Gibt es Fördermittel?
  • Welche Auswirkungen hat der Umbau auf andere Verkehrsteilnehmer?
  • Kann die Stadt die späteren Unterhaltskosten tragen?

Gerade bei Landes- und Bundesstraßen kann Zittau nicht allein entscheiden. Auch neue Busangebote hängen nicht nur von der Stadt, sondern vom Landkreis, Verkehrsunternehmen, Fahrgastzahlen und dauerhaft verfügbaren Finanzmitteln ab.

Darin liegt der Kernkonflikt des Projekts: Bürger sollen umfassend ihre Wünsche und Probleme einbringen. Später wird jedoch nur ein Teil davon kurzfristig umsetzbar sein.

Entscheidend wird deshalb sein, ob die Stadt nach Abschluss der Beteiligung transparent erklärt, welche Vorschläge übernommen werden – und warum andere zunächst zurückgestellt werden.

Zittau steht vor mehreren Verkehrsproblemen zugleich

Der Mobilitätsplan entsteht nicht im luftleeren Raum. Im Stadtgebiet sorgen Baustellen und Straßensperrungen regelmäßig für Umleitungen. Ende Juli war unter anderem die Theodor-Körner-Allee im Bereich der Böhmischen Straße wegen Arbeiten an einem Stromanschluss gesperrt. Weitere längerfristige Einschränkungen betreffen unter anderem die Bahnhofstraße, die Südstraße und die Eckartsberger Straße.

Solche Baustellen sind vorübergehend. Sie zeigen aber, wie empfindlich das Verkehrsnetz auf Ausfälle einzelner Verbindungen reagiert.

Der langfristige Plan muss deshalb mehr leisten als neue Markierungen oder einzelne Haltestellen. Er muss beantworten, wie Zittau trotz begrenzter Mittel erreichbar, sicher und für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen nutzbar bleibt.

Dabei steht die Stadt vor einem bekannten Dilemma: Sie will den Fuß-, Rad- und Busverkehr stärken, darf zugleich aber die Bedürfnisse von Pendlern, Gewerbe und Einwohnern der ländlich geprägten Ortsteile nicht ignorieren.

Entscheidend ist, was nach 2026 folgt

Die zweite Öffentlichkeitsveranstaltung im September soll ein Zeitbild der heutigen Mobilität sowie erste Leitplanken und Prioritäten liefern. Insgesamt sind vier öffentliche Veranstaltungen vorgesehen, die den Planungsprozess begleiten.

Der Erfolg wird sich jedoch nicht an der Zahl der Workshops oder eingegangenen Hinweise messen lassen. Entscheidend ist, ob daraus nachvollziehbare Projekte entstehen.

Dazu braucht Zittau am Ende:

  • eine öffentliche Prioritätenliste,
  • realistische Kostenschätzungen,
  • konkrete Zuständigkeiten,
  • mögliche Förderprogramme,
  • einen zeitlichen Umsetzungspfad,
  • regelmäßige Berichte über Fortschritte.

Die Bürgerbeteiligung kann wertvolle Schwachstellen sichtbar machen. Vertrauen entsteht aber erst dann, wenn die Menschen später erkennen, was aus ihren Hinweisen geworden ist.

Der Mobilitätsplan ist deshalb mehr als eine Verkehrsuntersuchung. Er ist ein Test dafür, ob Zittau Beteiligung, fachliche Planung und finanzielle Realität zu einem glaubwürdigen Konzept verbinden kann.

Quellen und Datenbasis

  • Stadt Zittau: Informationen zum Mobilitätsplan Zittau und Ortsteile, Beteiligungsmöglichkeiten, Mobilitätsbüro und Termine, 23. Juli 2026.
  • Zittauer Stadtanzeiger: Workshops, Verkehrszählungen, Verkehrsmodell und zweite Öffentlichkeitsveranstaltung, Ausgabe Juli 2026.
  • Stadt Zittau: Auftaktveranstaltung zum Mobilitätsplan und einbezogene Ortsteile, 12. März 2026.