Potsdam – Brandenburg steht vor einer schwierigen Phase bei der ambulanten medizinischen Versorgung. Gesundheitsminister René Wilke spricht von einem „Tal der Tränen“, durch das das Land in den kommenden Jahren gehen müsse.
Der Hintergrund ist eine Entwicklung, die sich schon länger abzeichnet: Viele niedergelassene Ärzte erreichen das Ruhestandsalter, während nicht genügend Nachwuchs nachkommt. Gleichzeitig steigt der medizinische Bedarf, weil die Bevölkerung älter wird.
Viele Ärzte scheiden aus
Besonders betroffen ist die hausärztliche Versorgung.
In zahlreichen ländlichen Regionen Brandenburgs gibt es bereits heute Schwierigkeiten, frei werdende Praxen neu zu besetzen. Wenn ältere Ärzte ihre Tätigkeit beenden, findet sich nicht automatisch ein Nachfolger.
Wilke machte im Gesundheitsausschuss des Landtags deutlich, dass sich dieses Problem kurzfristig nicht vollständig lösen lasse.
Die Zahl der Ärzte, die aus dem Beruf ausscheiden, sei derzeit größer als die Zahl derjenigen, die nachrücken.
Ältere Bevölkerung braucht mehr medizinische Versorgung
Hinzu kommt die demografische Entwicklung.
Mit zunehmendem Alter steigt statistisch der Bedarf an ärztlicher Behandlung. Gerade in Regionen mit vielen älteren Einwohnern treffen deshalb zwei Entwicklungen aufeinander: weniger Ärzte und mehr Patienten mit höherem Versorgungsbedarf.
Das macht Brandenburg besonders anfällig für Engpässe.
Neue Medizinuniversität hilft erst langfristig
Große Hoffnungen setzt das Land auf die neue Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem in Cottbus.
Dort haben inzwischen die ersten Studierenden ihr Medizinstudium aufgenommen.
Bis diese jungen Mediziner ihre Ausbildung abgeschlossen haben und tatsächlich als Ärzte arbeiten können, vergehen allerdings mehrere Jahre.
Eine schnelle Lösung für die aktuellen Probleme ist die Universität deshalb nicht.
Landarztquote soll Nachwuchs binden
Brandenburg setzt zusätzlich auf eine Landarztquote.
Ein Teil der Medizinstudienplätze soll gezielt an Bewerber vergeben werden, die sich verpflichten, später für mehrere Jahre in unterversorgten Regionen des Landes zu arbeiten.
Ziel ist es, mehr junge Ärzte dauerhaft nach Brandenburg zu holen.
Bis diese Maßnahmen spürbar wirken, müssen Kommunen jedoch andere Wege finden.
Kommunen sollen selbst stärker um Ärzte werben
Gesundheitsminister Wilke sieht künftig auch Städte und Gemeinden stärker in der Verantwortung.
Die Ansiedlung von Ärzten könnte ähnlich behandelt werden wie Wirtschaftsförderung.
Kommunen können beispielsweise Praxisräume bereitstellen, bei Wohnungssuche und Kinderbetreuung helfen oder gemeinsam mit anderen Ärzten medizinische Versorgungszentren aufbauen.
Gerade kleinere Orte konkurrieren inzwischen zunehmend um Nachwuchsmediziner.
Videosprechstunden und mobile Praxen
Auch digitale Angebote sollen Versorgungslücken teilweise schließen.
Videosprechstunden können insbesondere bei Kontrollen, Beratung oder bestimmten Folgebehandlungen helfen.
Mobile Arztpraxen könnten wiederum Gemeinden anfahren, in denen sich eine dauerhafte Praxis wirtschaftlich kaum noch betreiben lässt.
Solche Modelle ersetzen jedoch nicht vollständig den Arzt vor Ort.
Auch Geburtsstationen verschwinden
Die Probleme betreffen nicht nur Hausärzte.
In Brandenburg wurden in den vergangenen Jahren mehrere Geburtshilfestationen geschlossen.
Betroffen waren unter anderem Standorte in Potsdam, Strausberg, Bernau, Forst, Ludwigsfelde, Eisenhüttenstadt und Templin.
Dadurch verlängern sich für manche Familien die Wege zur nächsten Geburtsklinik.
Keine schnelle Rückkehr zu einer entspannten Lage
Wilke dämpft deshalb Erwartungen, dass sich die Situation innerhalb weniger Jahre vollständig verbessern lässt.
Selbst mit mehr Studienplätzen, Landarztquote, Digitalisierung und kommunaler Unterstützung werde die Übergangsphase schwierig bleiben.
Für viele Menschen im ländlichen Brandenburg könnte das bedeuten: längere Wege, längere Wartezeiten und weniger Auswahl bei Ärzten.