Berlin – Friedrich Merz hat mit seiner Warnung vor möglichen russischen Raketenangriffen auf europäische Städte für Aufmerksamkeit gesorgt.
Der Bundeskanzler zeichnet ein Szenario, in dem sich Russlands Kriegspolitik eines Tages auch gegen NATO-Staaten richten könnte. Sollte Moskau in der Ukraine erfolgreich sein, könne der Krieg nach seiner Darstellung weiter nach Westen getragen werden.
Das ist eine ernste politische Warnung – aber keine Beschreibung einer unmittelbar bevorstehenden militärischen Lage.
NATO sieht derzeit keine akute Gefahr
Genau das macht die aktuelle Debatte kompliziert.
NATO-Generalsekretär Mark Rutte erklärte zuletzt ausdrücklich, dass es keine unmittelbar bevorstehende Bedrohung des NATO-Gebiets durch Russland gebe.
Die Gefährdungsbewertung des Bündnisses habe sich nicht grundlegend verändert.
Ein direkter russischer Angriff auf Polen, Finnland oder die baltischen Staaten würde nach Einschätzung der NATO voraussichtlich durch umfangreiche militärische Vorbereitungen angekündigt werden. Solche Vorbereitungen seien derzeit nicht erkennbar.
Damit liegt zwischen Merz’ drastischem Zukunftsszenario und der aktuellen militärischen Lage ein erheblicher Unterschied.
Moskau bestreitet Angriffspläne gegen die NATO
Auch Russland weist seit Langem zurück, einen Krieg gegen NATO-Staaten zu planen.
Präsident Wladimir Putin erklärte noch in diesem Jahr, Russland habe nicht die Absicht, die NATO anzugreifen.
Der Kreml stellt die militärische Konfrontation mit dem Westen aus eigener Sicht vielmehr als Reaktion auf die Erweiterung der NATO, westliche Waffenlieferungen an die Ukraine und die zunehmende militärische Präsenz in Osteuropa dar.
Diese russische Darstellung wird von westlichen Regierungen scharf zurückgewiesen.
Sie verweisen auf den russischen Angriff auf die Ukraine und auf hybride Aktivitäten, die Moskau zugeschrieben werden.
Warnung ist politische Prognose, keine Tatsache
Genau deshalb sollte Merz’ Aussage sauber eingeordnet werden.
Wenn der Kanzler davor warnt, dass eines Tages russische Raketen europäische Großstädte treffen könnten, beschreibt er ein mögliches zukünftiges Szenario.
Er sagt damit nicht, dass ein solcher Angriff aktuell vorbereitet wird.
Und Putin hat Deutschland bislang auch nicht konkret mit Raketenangriffen auf Städte gedroht.
Die Zuspitzung „Putins Raketen auf deutsche Städte“ beschreibt deshalb eher die politische Interpretation der Gefahr als eine nachgewiesene russische Angriffsabsicht.
Warum Merz trotzdem so deutlich warnt
Merz verfolgt mit dieser Sprache eine klare sicherheitspolitische Linie.
Er will die weitere Unterstützung der Ukraine begründen, höhere Verteidigungsausgaben absichern und deutlich machen, dass Deutschlands Sicherheit aus seiner Sicht bereits in der Ukraine verteidigt wird.
Seine Argumentation lautet: Wenn Russland dort nicht gestoppt werde, könne Moskau langfristig weitergehende militärische Ambitionen entwickeln.
Ob dieses Szenario tatsächlich eintreten würde, lässt sich heute nicht beweisen.
Russische Drohungen existieren allerdings ebenfalls
Die Gegenposition darf jedoch nicht den Eindruck erwecken, aus Moskau kämen ausschließlich versöhnliche Signale.
Russland hat zuletzt im Zusammenhang mit Kaliningrad ausdrücklich vor einem möglichen Einsatz von Atomwaffen gewarnt, sollte die Exklave militärisch isoliert oder angegriffen werden.
Moskau stellte außerdem mögliche Angriffe auf Entscheidungszentren in NATO-Staaten in den Raum.
Diese Drohungen sind real.
Sie beziehen sich allerdings auf ein konkretes militärisches Szenario – einen Angriff oder eine Blockade Kaliningrads – und nicht auf einen angekündigten russischen Erstschlag gegen Deutschland.
Auch Russland fordert wieder Rüstungskontrolle
Gleichzeitig sendet Moskau andere Signale.
Der Kreml erklärte erst Ende September, Gespräche mit den USA über Rüstungskontrolle seien längst überfällig.
Putin sprach Anfang Oktober zudem davon, katastrophale internationale Szenarien vermeiden und globale Stabilität erhalten zu wollen.
Die russische Politik enthält damit beides: harte militärische Abschreckungsrhetorik und das öffentliche Bekenntnis, einen direkten Krieg mit der NATO vermeiden zu wollen.
Die größte Gefahr könnte in Fehlentscheidungen liegen
Gerade deshalb sehen Sicherheitsexperten derzeit weniger einen geplanten großen Angriff als vielmehr das Risiko einer Eskalation durch Fehlkalkulationen.
Russische und NATO-Streitkräfte operieren im Ostseeraum räumlich dicht beieinander.
Drohnenvorfälle, Sabotageverdacht, Übungen, Luftraumverletzungen oder falsche Einschätzungen können Spannungen schnell verschärfen.
Das Risiko besteht also – aber es sieht anders aus als das Bild eines unmittelbar bevorstehenden russischen Raketenangriffs auf deutsche Städte.
Zwischen Abschreckung und Angstmobilisierung
Merz’ Warnung ist damit politisch verständlich, aber stark zugespitzt.
Sie soll deutlich machen, welche Konsequenzen ein Scheitern der westlichen Abschreckung theoretisch haben könnte.
Journalistisch sollte dabei jedoch klar bleiben:
Die NATO sieht derzeit keine akute russische Angriffsgefahr. Russland bestreitet entsprechende Absichten. Gleichzeitig bleibt die militärische Konfrontation zwischen beiden Seiten hoch und Moskau setzt selbst auf scharfe Drohrhetorik.
Wer aus dieser Lage unmittelbar einen bevorstehenden Angriff auf Deutschland ableitet, geht über das hinaus, was die derzeit verfügbaren Informationen belegen.