Berlin. Deutschland sucht händeringend Fachkräfte, beklagt einen Mangel an Auszubildenden und sorgt sich um seine wirtschaftliche Zukunft. Gleichzeitig verlassen immer mehr junge Menschen die Schule ohne Hauptschulabschluss. Im Schuljahr 2024/2025 waren es bundesweit knapp 65.000. Damit erreicht die Zahl den höchsten Stand seit rund 20 Jahren. Besonders bitter: Die Entwicklung ist seit Jahren bekannt, doch die Bildungspolitik bekommt das Problem offensichtlich nicht in den Griff.
Fast 65.000 Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss
Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind alarmierend. Im Schuljahr 2024/2025 verließen knapp 65.000 Jugendliche die allgemeinbildenden Schulen, ohne mindestens einen Hauptschulabschluss erworben zu haben.
Im Vorjahr waren es rund 62.000, ein Jahr zuvor etwa 56.000. Innerhalb von nur zwei Jahren ist die Zahl somit um rund 9.000 gestiegen.
Noch deutlicher wird die Entwicklung im langfristigen Vergleich. Im Schuljahr 2014/2015 lag die Zahl bei etwa 47.400. Binnen zehn Jahren ist sie damit um rund 37 Prozent gestiegen.
Auch der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss erreicht einen traurigen Höchststand. Waren es im Schuljahr 2013/2014 noch 5,5 Prozent, stieg die Quote bis 2018/2019 auf 6,6 Prozent. Inzwischen liegt sie bei 8,4 Prozent.
Damit verlässt mittlerweile ungefähr jeder zwölfte Jugendliche die Schule ohne ersten allgemeinbildenden Abschluss.
Ein bemerkenswertes Ergebnis für ein Land, das Bildung regelmäßig als wichtigste Investition in seine Zukunft bezeichnet.
Ostdeutschland hat ein besonders großes Problem
Besonders bedrückend ist die Lage in mehreren ostdeutschen Bundesländern. Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern gehören seit Jahren zu den Ländern mit überdurchschnittlich hohen Anteilen von Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss.
In Sachsen-Anhalt lag die Quote im Schuljahr 2024/2025 bei rund 13,4 Prozent. Das bedeutet, dass etwa jeder siebte Schulabgänger keinen Hauptschulabschluss erreichte. Thüringen verzeichnete ebenfalls eine zweistellige Quote.
Die statistische Erfassung umfasst dabei auch Jugendliche, die Förderschulen mit einem besonderen Abschluss verlassen. Nicht jeder erfasste Schulabgänger steht deshalb völlig ohne schulische Qualifikation da.
Dennoch bleibt die Entwicklung ein ernstes Problem.
Gerade Ostdeutschland kann sich diese Zahlen kaum leisten. Viele Regionen verlieren seit Jahrzehnten junge Menschen, die Bevölkerung altert und Unternehmen haben zunehmend Schwierigkeiten, Ausbildungsplätze zu besetzen.
Wenn dann zusätzlich ein erheblicher Anteil eines Jahrgangs ohne grundlegenden allgemeinbildenden Schulabschluss bleibt, verschärft sich die wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderung.
Fachkräftemangel beklagen, aber Tausende Jugendliche verlieren
Es ist einer der größten Widersprüche der deutschen Politik: Auf der einen Seite werden fehlende Fachkräfte beklagt, auf der anderen Seite verlassen Zehntausende junge Menschen die Schulen mit schlechten Startbedingungen für das Berufsleben.
Handwerksbetriebe suchen Nachwuchs, Pflegeeinrichtungen benötigen dringend Personal und Industrieunternehmen berichten über Schwierigkeiten bei der Besetzung von Ausbildungsstellen.
Gleichzeitig schaffen es immer mehr Jugendliche nicht, wenigstens den ersten allgemeinbildenden Schulabschluss zu erreichen.
Natürlich kann auch ohne Hauptschulabschluss eine Berufsausbildung begonnen werden. In der Praxis sind die Chancen jedoch häufig deutlich geringer.
Die Frage muss deshalb erlaubt sein, warum Deutschland mit großem politischen Aufwand über die Anwerbung zusätzlicher Arbeitskräfte diskutiert, während es einem wachsenden Teil der eigenen jungen Generation nicht gelingt, die schulischen Voraussetzungen für eine Ausbildung zu vermitteln.
Eine vernünftige Fachkräftepolitik muss auch dafür sorgen, dass möglichst kein Jugendlicher auf dem Weg von der Schule ins Berufsleben verloren geht.
Unterrichtsausfall und fehlende Förderung verschärfen die Krise
Die Ursachen sind vielfältig. Lehrermangel, Unterrichtsausfall, große Leistungsunterschiede innerhalb der Klassen und unzureichende individuelle Förderung gehören seit Jahren zu den bekannten Problemen des deutschen Schulsystems.
Besonders gefährdet sind Jugendliche, die bereits in den ersten Schuljahren Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen entwickeln.
Wer diese Rückstände nicht frühzeitig aufholt, hat später häufig erhebliche Schwierigkeiten, den Unterrichtsstoff zu bewältigen.
Auch die Corona-Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen. Während der Schulschließungen konnten viele Kinder nicht ausreichend gefördert werden. Lernrückstände entstanden, die teilweise bis heute nachwirken.
Interessanterweise ging die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss während der Pandemie zunächst zurück. Als möglicher Grund gelten auch zeitweise erleichterte Prüfungsbedingungen. Nachdem diese Sonderregelungen 2023 ausliefen, stiegen die Zahlen wieder deutlich an.
Die Pandemie allein erklärt das Problem allerdings nicht. Bereits vorher war die Entwicklung besorgniserregend.
Große Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Schülern
Eine weitere Herausforderung zeigt sich bei den Schulabgängern mit unterschiedlicher Staatsangehörigkeit.
Nach Angaben des Statistischen Landesamtes Nordrhein-Westfalen verließen dort 2,2 Prozent der Schüler mit deutscher Staatsangehörigkeit die Schule ohne Abschluss. Unter Schülern ohne deutschen Pass lag der Anteil dagegen bei 15,3 Prozent.
Der Unterschied ist erheblich und muss bildungspolitisch ernst genommen werden.
Allerdings wäre es falsch, allein aus der Staatsangehörigkeit auf Ursachen zu schließen. Viele zugewanderte Jugendliche müssen zunächst die deutsche Sprache erlernen. Manche kommen erst während ihrer Schulzeit nach Deutschland und bringen sehr unterschiedliche schulische Voraussetzungen mit.
Gerade deshalb braucht es eine konsequente Sprachförderung und gezielte Unterstützung.
Wer Integration fordert, muss zugleich sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche dem Unterricht folgen und einen Abschluss erreichen können.
Bleibt diese Förderung aus, entstehen Probleme, die sich über die Schulzeit hinaus auf Ausbildung, Beschäftigung und gesellschaftliche Teilhabe auswirken.
Bildungsministerien müssen endlich Ergebnisse liefern
Bildung ist in Deutschland überwiegend Ländersache. Die Kultusministerien tragen damit eine zentrale Verantwortung für Unterrichtsversorgung, Schulstrukturen und Fördermaßnahmen.
Seit Jahren werden Reformen angekündigt, neue Konzepte vorgestellt und zusätzliche Förderprogramme aufgelegt.
Doch während darüber diskutiert wird, ob Schulen stärker digitalisiert werden sollen, welche Unterrichtsmethoden die richtigen sind und wie das Bildungssystem künftig aussehen könnte, verschlechtert sich ein grundlegender Indikator: Immer mehr Jugendliche verlassen die Schule ohne Hauptschulabschluss.
Die zuständigen Ministerien müssen sich deshalb fragen lassen, warum es ihnen trotz jahrelanger Warnungen nicht gelungen ist, diese Entwicklung zu stoppen.
Dabei geht es nicht darum, Lehrerinnen und Lehrern pauschal die Schuld zu geben. Viele arbeiten unter schwierigen Bedingungen und versuchen täglich, die Defizite des Systems auszugleichen.
Die Verantwortung liegt vielmehr bei jenen, die über Personal, finanzielle Ausstattung, Schulorganisation und bildungspolitische Prioritäten entscheiden.
Erforderlich sind frühzeitige Förderung, verlässlicher Unterricht, ausreichende Sprachförderung, Schulsozialarbeit und eine bessere Begleitung gefährdeter Jugendlicher.
Entscheidend ist am Ende nicht, wie viele Bildungsprogramme angekündigt werden, sondern wie viele junge Menschen tatsächlich einen Abschluss erreichen.
Ein Armutszeugnis für ein reiches Industrieland
Deutschland gehört zu den wirtschaftlich stärksten Ländern Europas. Der Staat verfügt über erhebliche finanzielle Mittel und erhebt den Anspruch, allen jungen Menschen Bildungschancen zu eröffnen.
Dazu passt es kaum, dass Jahr für Jahr Zehntausende Jugendliche die Schule ohne ersten allgemeinbildenden Abschluss verlassen.
Nicht jeder muss Abitur machen. Nicht jeder muss studieren. Eine leistungsfähige Gesellschaft braucht ebenso qualifizierte Handwerker, Pflegekräfte, Facharbeiter und Beschäftigte in vielen anderen Berufen.
Doch die Möglichkeit, einen grundlegenden Schulabschluss zu erwerben, muss ein zentrales Ziel des Bildungssystems bleiben.
Hinter den knapp 65.000 Fällen stehen junge Menschen mit eigenen Lebensgeschichten, Fähigkeiten und Hoffnungen. Viele von ihnen werden ihren Weg trotz schwieriger Voraussetzungen finden. Andere müssen deutlich größere Hürden überwinden.
Gerade in Ostdeutschland, wo Fachkräftemangel und demografischer Wandel besonders spürbar sind, ist diese Entwicklung eine schwere Hypothek für die Zukunft.
Wenn ein Land den Fachkräftemangel beklagt, aber gleichzeitig eine Rekordzahl junger Menschen ohne grundlegenden Schulabschluss entlässt, ist das kein individuelles Versagen von 65.000 Jugendlichen. Es ist vor allem ein Warnsignal für ein Bildungssystem, das seinen eigenen Ansprüchen immer weniger gerecht wird.
Die Politik sollte sich nicht länger mit Ankündigungen zufriedengeben. Sie muss nachweisen, dass ihre Maßnahmen tatsächlich wirken.