Sachsen-Anhalt wählt am 6. September 2026 einen neuen Landtag. Seit 2021 regiert eine Koalition aus CDU, SPD und FDP, zunächst unter Reiner Haseloff und seit Ende Januar 2026 unter Ministerpräsident Sven Schulze. Herausforderer ist unter anderem AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Während die Regierung wirtschaftliche Ansiedlungen, rund 900 Kilometer sanierte Landesstraßen und Fortschritte bei Wissenschaft und erneuerbaren Energien hervorhebt, will die AfD in zentralen Bereichen einen deutlichen politischen Bruch. Nicht alle ihrer Forderungen kann eine Landesregierung jedoch allein umsetzen.

Am 6. September wird über den politischen Kurs entschieden

Gewählt wird der neunte Landtag von Sachsen-Anhalt. Der Landeswahlausschuss hat 15 Parteien mit Landeslisten zugelassen. Neben den sechs bisher im Landtag vertretenen Parteien treten unter anderem das BSW und die Freien Wähler an.

Die Wahl ist zugleich ein Duell der unterschiedlichen politischen Richtungen. Ministerpräsident Sven Schulze führt die CDU in den Wahlkampf und wirbt für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit SPD und FDP. Für die AfD tritt der bisherige Fraktionsvorsitzende Ulrich Siegmund als Spitzen- und Ministerpräsidentenkandidat an.

Siegmunds Name wird gelegentlich falsch als „Sigmund“ geschrieben. Der korrekte Name lautet Ulrich Siegmund.

Was die Koalition 2021 versprochen hatte

CDU, SPD und FDP unterzeichneten ihren Koalitionsvertrag im September 2021. Das Bündnis wollte Sachsen-Anhalt nach den Belastungen der Corona-Pandemie wirtschaftlich stabilisieren, Investitionen gewinnen, Schulen und Hochschulen stärken, die Verwaltung digitalisieren und die Infrastruktur modernisieren.

Die Koalition musste dabei mit erheblichen äußeren Belastungen umgehen: stark steigenden Energiepreisen, Inflation, dem russischen Angriff auf die Ukraine, Lieferproblemen und der Schwäche energieintensiver Industriezweige. Diese Faktoren kann eine Landesregierung nur begrenzt beeinflussen.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem, das auch Ministerpräsident Schulze als eine der größten Herausforderungen bezeichnet: Sachsen-Anhalt wird älter und verliert aufgrund niedriger Geburtenzahlen weiterhin Einwohner. Zwar erzielte das Land 2025 zum zwölften Mal in Folge einen Wanderungsgewinn, zugleich bleibt der natürliche Bevölkerungsrückgang durch mehr Sterbefälle als Geburten bestehen.

Wirtschaft: Neue Investitionen, aber Druck auf Industrie und Mittelstand

Die Landesregierung zählt mehrere größere Ansiedlungen und Erweiterungen zu ihren Erfolgen. Dazu gehören Projekte von Daimler Truck in Halberstadt, UPM im Bereich Bioökonomie sowie Investitionen von Verbio und AMG Lithium. Schulze verweist zudem auf die stärkere Verbindung von Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen.

Die amtlichen Zahlen ergeben allerdings kein durchgehend positives Bild. Die Ausrüstungsinvestitionen stiegen zuletzt, unter anderem im verarbeitenden Gewerbe und bei Unternehmensdienstleistern. Die Bauinvestitionen entwickelten sich schwächer. Im ersten Halbjahr 2025 blieb die Wirtschaft Sachsen-Anhalts hinter der gesamtdeutschen und der übrigen ostdeutschen Entwicklung zurück.

Auch auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich ein gemischtes Bild. Die Arbeitnehmerentgelte stiegen 2025 um 4,9 Prozent. Gleichzeitig sank die Zahl der Arbeitnehmer um rund 4.000 beziehungsweise 0,4 Prozent. Höhere Einkommen pro Beschäftigten bedeuten deshalb nicht automatisch mehr Arbeitsplätze.

Besonders gefährdet bleiben energieintensive Betriebe der Chemie-, Metall- und Glasindustrie. Hohe Strom- und Gaspreise, europäische Klimavorgaben und internationale Konkurrenz setzen Unternehmen unter Druck. Die Landesregierung kann mit Förderprogrammen und Genehmigungsverfahren gegensteuern, zentrale Entscheidungen über Energiepreise, Steuern und den Emissionshandel fallen jedoch auf Bundes- und EU-Ebene.

Straßen und Digitalisierung: Fortschritte mit offenen Baustellen

Infrastrukturministerin Lydia Hüskens verweist auf rund 900 Kilometer sanierte Landesstraßen während der Wahlperiode. Die Regierung wertet das als sichtbaren Erfolg bei der Verkehrsinfrastruktur.

Dennoch bleiben zahlreiche Landes- und Kommunalstraßen sanierungsbedürftig. Gerade Gemeinden und Landkreise verweisen regelmäßig auf begrenzte finanzielle und personelle Kapazitäten. Auch der öffentliche Nahverkehr im ländlichen Raum steht unter Druck, weil Fahrgastzahlen, Personalmangel und Betriebskosten schwer miteinander in Einklang zu bringen sind.

Bei der Verwaltungsdigitalisierung wurden Angebote ausgebaut und gesetzliche Verfahren angepasst. Vollständig digital und medienbruchfrei funktioniert die Verwaltung aber weiterhin nicht. Die Koalition selbst räumt ein, dass weitere Schritte notwendig sind.

Bildung: Mehr Geld löst den Lehrermangel nicht vollständig

Die Landesregierung hat zusätzliche Lehrer eingestellt, Seiteneinsteiger gewonnen und die Ausbildungskapazitäten erweitert. Trotzdem bleibt der Unterrichtsausfall eines der sichtbarsten Probleme der Wahlperiode.

Besonders Grund-, Sekundar- und Gemeinschaftsschulen im ländlichen Raum haben Schwierigkeiten, freie Stellen dauerhaft zu besetzen. Der demografische Wandel verschärft die Lage doppelt: Während regional Schülerzahlen sinken, gehen zugleich viele Lehrkräfte in den Ruhestand.

Schulzes Regierung setzt unter anderem auf neue Unterrichtsmodelle, digitale Angebote und eine stärkere Berufsorientierung. Dazu gehört die Diskussion über sogenannte 4-plus-1-Modelle, bei denen ein Wochentag stärker für Praxis, Projekte oder selbstständiges Lernen genutzt werden kann. Kritiker fragen, wie Betreuung und Lernqualität flächendeckend gesichert werden sollen.

Energie: Hoher Anteil erneuerbarer Quellen, aber Akzeptanzprobleme

Sachsen-Anhalt gehört bei der Erzeugung erneuerbarer Energie zu den weiter fortgeschrittenen Bundesländern. Die Regierung sieht darin einen Standortvorteil für neue Industrien und klimafreundliche Produktion.

Gleichzeitig wächst in Teilen der Bevölkerung der Widerstand gegen neue Windkraftanlagen und Stromtrassen. Kommunen und Anwohner beklagen Eingriffe in Landschaften, ungleiche Lastenverteilung und langwierige Planungsverfahren.

Die Regierung hat versucht, Kommunen stärker an den Einnahmen von Wind- und Solaranlagen zu beteiligen. Ob finanzielle Beteiligungen die Akzeptanz dauerhaft erhöhen, ist offen. Ebenso ungelöst bleibt der Widerspruch zwischen regional hoher Stromproduktion und für Verbraucher sowie Unternehmen weiterhin hohen Strompreisen.

Sicherheit und Migration werden zu zentralen Wahlkampfthemen

Die Landesregierung verweist auf zusätzliche Einstellungen bei Polizei und Justiz sowie eine stärkere technische Ausstattung. Dennoch bleiben Fachkräftemangel, lange Verfahren und die Belastung von Kommunen durch Unterbringung und Integration wichtige Streitpunkte.

Die AfD setzt gerade hier ihren deutlichsten Gegenentwurf. Siegmund will nach dem eigenen 100-Tage-Programm Abschiebungen ausreisepflichtiger Menschen beschleunigen und eine gemeinsame Arbeitsgruppe von Land und Kommunen einrichten. Außerdem sollen Asylbewerber nach Maßgabe des Asylbewerberleistungsgesetzes stärker zu gemeinnütziger Arbeit verpflichtet werden.

Eine Landesregierung kann Ausländerbehörden, Landesaufnahmeeinrichtungen und Abschiebehaft organisatorisch verändern. Sie kann jedoch weder das Asylrecht noch die Voraussetzungen für Schutzstatus und Abschiebungsverbote allein neu festlegen. Diese beruhen überwiegend auf Bundes-, Europa- und Völkerrecht.

Auch Grenzkontrollen und die Zurückweisung von Menschen an deutschen Außengrenzen sind keine Zuständigkeit Sachsen-Anhalts. Das Land besitzt keine internationale Außengrenze. Entsprechende Forderungen Siegmunds richten sich daher in erster Linie an den Bund.

Was Siegmund in den ersten 100 Tagen ändern will

Die AfD hat zehn Sofortmaßnahmen angekündigt. Dazu gehören die Kündigung der Rundfunkstaatsverträge, mehr Abschiebungen, Arbeitspflichten für bestimmte Asylbewerber, die Streichung staatlicher Förderungen für aus ihrer Sicht ideologisch ausgerichtete Projekte, Führerscheinzuschüsse für Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz sowie ein Corona-Untersuchungsausschuss.

Außerdem will die Partei das Landesaufnahmegesetz und aus ihrer Sicht überflüssige Bürokratie abbauen, die Zahl der Ministerien reduzieren und Schulen stärker auf Leistung, Disziplin und politische Neutralität ausrichten. In Schulen soll die Regenbogenflagge nach den AfD-Plänen nicht mehr gezeigt werden. Sonderklassen für Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse gehören ebenfalls zum Programm.

Die AfD kündigt zudem an, Fördermittel für Genderprojekte, Klimaschutzorganisationen und bestimmte Vereine zu streichen. Parteistiftungen sollen nach ihrer Vorstellung nicht mehr aus Landesmitteln finanziert werden. Welche konkreten Programme in welcher Höhe betroffen wären, geht aus dem kompakten 100-Tage-Programm nicht vollständig hervor.

Rundfunkbeitrag: Kündigung möglich, Abschaffung nicht sofort

Siegmund will die Rundfunkstaatsverträge als eine der ersten Amtshandlungen kündigen und anstelle des bisherigen öffentlich-rechtlichen Rundfunks einen kleineren „Grundfunk“ schaffen.

Ein Ministerpräsident könnte eine Kündigung politisch anstoßen. Der Rundfunkbeitrag würde dadurch jedoch nicht am ersten Tag entfallen. Die öffentlich-rechtliche Rundfunkordnung beruht auf Staatsverträgen aller Länder und auf verfassungsrechtlichen Vorgaben zur Rundfunkfreiheit.

Ein einzelnes Land kann Veränderungen verlangen oder Verträge unter Einhaltung der Fristen kündigen. Ob daraus tatsächlich ein anderes Modell entsteht, hängt aber von Verhandlungen mit den übrigen Ländern und möglichen Entscheidungen der Verfassungsgerichte ab.

Windkraft und Energie: AfD verspricht Stopp neuer Anlagen

Die AfD will den Ausbau der Windkraft in Sachsen-Anhalt stoppen und das Akzeptanz- und Beteiligungsgesetz aufheben. Zugleich fordert sie günstigere Energie und ein Ende der Sanktionen gegen Russland.

Das Land kann eigene Planungsregeln, Abstände und Fördermaßnahmen beeinflussen. Es ist allerdings an Bundesrecht gebunden, das den Ländern Flächenziele für die Windenergie vorgibt. Ein vollständiger und dauerhafter Ausbaustopp wäre deshalb nicht ohne Konflikte mit Bundesrecht möglich.

Auch die Aufhebung der Russland-Sanktionen kann eine Landesregierung nicht beschließen. Sanktionen werden auf Ebene der Europäischen Union und des Bundes umgesetzt. Sachsen-Anhalt könnte lediglich über Bundesratsinitiativen oder politischen Druck auf eine Änderung hinwirken.

Familien, Gesundheit und ländlicher Raum

Die AfD kündigt kostenfreie Kita-Plätze und kostenfreies Schulessen an. Sie will die Ärzteausbildung ausweiten, die medizinische Versorgung im ländlichen Raum sichern und nach eigenen Angaben unnötige Ausgaben kürzen.

Diese Vorhaben würden erhebliche und dauerhafte Haushaltsmittel erfordern. Im 100-Tage-Programm ist nicht vollständig beziffert, wie hoch die Kosten wären und welche Einsparungen sie dauerhaft finanzieren sollen.

Die Partei will außerdem die Erstattung von Führerscheinkosten für Mitglieder von Feuerwehren, Rettungsdiensten und Katastrophenschutz ausweiten. Vorgesehen sind Zuschüsse von bis zu 1.500 Euro. Damit sollen Ehrenamt und Einsatzbereitschaft vor allem im ländlichen Raum gestärkt werden.

Könnte die AfD ihre Pläne allein umsetzen?

Entscheidend ist nicht nur das Wahlergebnis, sondern die spätere Sitzverteilung. Ein Ministerpräsident wird vom Landtag gewählt. Selbst die stärkste Partei kann ohne eigene Mehrheit oder unterstützende Abgeordnete keine Regierung bilden.

Viele AfD-Vorhaben benötigen zudem Gesetze und damit Mehrheiten im Parlament. Haushaltswirksame Versprechen wie kostenfreies Schulessen, zusätzliche Polizeikräfte oder Führerscheinzuschüsse müssen im Landeshaushalt finanziert werden.

Andere Forderungen liegen gar nicht oder nur teilweise in der Zuständigkeit des Landes. Das betrifft insbesondere Grenzpolitik, Asylrecht, Russland-Sanktionen, bundesweite Energiegesetze und Teile der Rundfunkordnung.

Die Bilanz der Regierung fällt gemischt aus

Die Koalition aus CDU, SPD und FDP kann auf konkrete Investitionen, Unternehmensansiedlungen, Straßensanierungen und Fortschritte bei Forschung und erneuerbaren Energien verweisen. Sie hat das Land trotz mehrerer Krisen ohne vorzeitigen Bruch durch die Wahlperiode geführt.

Nicht gelöst wurden jedoch zentrale strukturelle Probleme: der Lehrermangel, der demografische Rückgang, die angespannte Lage in Teilen der Industrie, langsame Verwaltungsverfahren und die Sicherung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum. Die wirtschaftliche Entwicklung blieb zeitweise hinter dem bundesweiten Durchschnitt zurück.

Siegmund bietet den Wählern einen deutlich schärferen Kurs bei Migration, Rundfunk, Windenergie, Bildung und Förderpolitik an. Seine Pläne würden das Land politisch grundlegend verändern. Bei mehreren Kernforderungen bleibt jedoch offen, wie sie finanziert werden sollen oder ob sie auf Landesebene rechtlich vollständig durchsetzbar wären.

Die Wahl entscheidet damit nicht allein über einzelne Projekte. Sie entscheidet darüber, ob Sachsen-Anhalt den bisherigen Kurs einer breit aufgestellten Koalition fortsetzt oder einen politischen Bruch mit weitreichenden Konflikten gegenüber Bund, anderen Ländern und bisherigen Institutionen wagt.

Quellen

Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt, Informationen zur Wahl des 9. Landtags am 6. September 2026, fortlaufend aktualisiert 2026

Landesregierung Sachsen-Anhalt, Regierungsbilanz für die Wahlperiode 2021 bis 2026, veröffentlicht im Juli 2026

Land Sachsen-Anhalt, Übersicht über die Landesregierung und den Koalitionsvertrag von CDU, SPD und FDP, Wahlperiode 2021 bis 2026

Landtag von Sachsen-Anhalt, Regierungserklärung von Ministerpräsident Sven Schulze zu Wachstum, Sicherheit und Gerechtigkeit, März 2026

Mitteldeutscher Rundfunk, „Landesregierung zieht Bilanz – Schulze will mit Koalition weitermachen“, veröffentlicht am 27. Juli 2026, aktualisiert am 29. Juli 2026

Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt, Statistische Monatshefte zu Wirtschaft, Beschäftigung, Investitionen und Bevölkerungsentwicklung, 2025 und 2026

AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt, „100 Tage für Sachsen-Anhalt – Was wir sofort tun werden“, veröffentlicht im Juli 2026

AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt, „Das Land retten – Unsere Kernpunkte zur Landtagswahl“, veröffentlicht im Juli 2026

Deutschlandfunk, „15 Parteien mit Landeswahllisten in Sachsen-Anhalt zugelassen“, veröffentlicht am 24. Juli 2026