TALLINN. Estlands früherer Präsident Toomas Hendrik Ilves hat Russland vor möglichen verdeckten militärischen Operationen auf estnischem Staatsgebiet gewarnt.

In einem aktuellen Interview wurde Ilves auf das Szenario sogenannter „grüner Männchen“ angesprochen – also bewaffnete Kräfte ohne erkennbare Hoheitsabzeichen, wie sie Russland 2014 bei der Besetzung der ukrainischen Halbinsel Krim eingesetzt hatte.

Seine Antwort fiel ungewöhnlich deutlich aus.

Sollten bewaffnete Personen ohne Hoheitsabzeichen in Estland auftauchen, werde sein Land diese als feindliche Kräfte behandeln.

Ilves sagte dazu wörtlich: „Wenn Leute hier auftauchen, bewaffnet und ohne Hoheitsabzeichen – dann erschießen wir sie.“

Die Aussage stammt aus einem Interview mit dem polnischen Nachrichtenportal Onet.

Ilves: Strategie von 2014 würde heute nicht mehr funktionieren

Der frühere Präsident erklärte, Estland habe aus den Ereignissen seit der Annexion der Krim Konsequenzen gezogen.

Seit 2014 sei die Haltung eindeutig: Bewaffnete Personen könnten sich auf estnischem Territorium nicht ohne Kennzeichnung bewegen und gleichzeitig darauf setzen, dass ihr Status zunächst ungeklärt bleibe.

Gerade diese Unklarheit hatte Russland auf der Krim genutzt.

Damals erschienen bewaffnete Soldaten ohne Hoheitsabzeichen an strategisch wichtigen Orten. Moskau bestritt zunächst, dass es sich um russische Streitkräfte handelte. Später räumte Präsident Wladimir Putin die Beteiligung russischer Soldaten ein.

Ilves hält eine Wiederholung dieses Vorgehens in Estland deshalb für wenig erfolgversprechend.

Keine unmittelbare Invasionsgefahr

Trotz seiner deutlichen Warnung erwartet Ilves derzeit keinen unmittelbar bevorstehenden russischen Angriff auf Estland.

Nach seiner Einschätzung fehlen die militärischen und logistischen Vorbereitungen, die vor einer größeren Invasion sichtbar werden müssten.

„Heute gibt es solche Signale nicht“, sagte der frühere Staatschef.

Bereits Ende August hatte Ilves in einem Interview mit Euronews Zweifel an Warnungen vor einem unmittelbar bevorstehenden russischen Angriff auf die baltischen Staaten geäußert.

Er argumentierte, Russland sei weiterhin stark durch den Krieg gegen die Ukraine gebunden. Ein zusätzlicher militärischer Konflikt mit der NATO würde für Moskau ein erhebliches Eskalationsrisiko darstellen.

Estland setzt auf Wehrpflicht und Reservisten

Gleichzeitig verweist Ilves auf die militärische Vorbereitung seines Landes.

Estland verfügt weiterhin über eine Wehrpflicht und ein umfangreiches Reservistensystem.

Im Krisenfall könne das Land deshalb innerhalb kurzer Zeit eine große Zahl zusätzlicher Soldaten mobilisieren, erklärte Ilves.

Hinzu kommt die Präsenz verbündeter NATO-Truppen im Baltikum.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat das Bündnis seine Verteidigung an der Ostflanke deutlich verstärkt.

Auch der NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens hat die strategische Lage im Ostseeraum verändert.

Bei regulärem Angriff würde Artikel 5 greifen

Von einem Szenario mit verdeckt eingesetzten Kräften unterscheidet Ilves einen offenen russischen Angriff mit regulären Streitkräften.

Sollten russische Soldaten in Uniform die estnische Grenze überschreiten, wäre dies nach seiner Einschätzung eindeutig eine Invasion.

Dann würde die Beistandsklausel des NATO-Vertrags eine zentrale Rolle spielen.

Artikel 5 sieht vor, dass ein bewaffneter Angriff auf ein Mitglied des Bündnisses als Angriff auf alle betrachtet wird.

Welche konkreten militärischen Maßnahmen daraus folgen, entscheiden die Mitgliedstaaten im jeweiligen Fall.

Ilves geht jedoch davon aus, dass ein offener russischer Angriff auf Estland unmittelbar eine Reaktion des Bündnisses auslösen würde.

Auch russischsprachige Bevölkerung im Blick

Der ehemalige Präsident widersprach zudem der Vorstellung, Russland könne die große russischsprachige Minderheit in Estland problemlos für eine Intervention instrumentalisieren.

Nach seiner Einschätzung wollen die meisten russischsprachigen Einwohner Estlands gerade nicht Teil Russlands werden.

Ilves behauptete sogar, viele von ihnen würden Estland im Falle einer russischen Invasion verteidigen.

Diese Einschätzung ist seine persönliche politische Bewertung und keine gesicherte Aussage über das Verhalten der gesamten russischsprachigen Bevölkerung.

Rund ein Viertel der Einwohner Estlands hat Russisch als Muttersprache.

Russland wirft den baltischen Staaten regelmäßig vor, russischsprachige Menschen zu diskriminieren. Estland weist solche Vorwürfe zurück.

Hybride Angriffe bereiten Tallinn Sorgen

Die größere aktuelle Gefahr sieht Estland nicht zwingend in einem klassischen militärischen Einmarsch.

Stattdessen warnen estnische Regierungsvertreter zunehmend vor Sabotage, Cyberangriffen, Spionage und anderen hybriden Operationen.

Erst Ende September beschuldigte Estland russische Geheimdienste, hinter einem Brandanschlag auf das estnische Rüstungsunternehmen Milrem Robotics in Tallinn zu stehen.

Nach Angaben estnischer Behörden wurden mehrere Verdächtige festgenommen.

Russland weist Vorwürfe zurück, gezielt hybride Angriffe gegen NATO-Staaten zu organisieren.

Auch die Präsidenten Estlands, Lettlands und Litauens hatten im Mai auf wiederholte Verletzungen ihres Luftraums aus Richtung Russland und Belarus hingewiesen und vor einer zunehmenden Belastung der NATO-Ostflanke gewarnt.

Baltikum setzt auf Abschreckung

Für Estland, Lettland und Litauen ist die Verteidigung gegen Russland seit Jahren ein Schwerpunkt der Sicherheitspolitik.

Alle drei Länder grenzen entweder direkt an Russland oder Belarus und gehören sowohl der Europäischen Union als auch der NATO an.

Sie investieren deshalb überdurchschnittlich stark in ihre Streitkräfte, Grenzsicherung und zivile Verteidigung.

Die Strategie dahinter ist eindeutig: Russland soll gar nicht erst den Eindruck gewinnen, dass begrenzte militärische Aktionen ohne unmittelbare Gegenwehr möglich wären.

Genau in diesem Zusammenhang steht auch die drastische Aussage von Toomas Hendrik Ilves.

Sie ist keine Ankündigung eines bevorstehenden Krieges.

Sie soll vielmehr deutlich machen, dass Estland ein Vorgehen wie auf der Krim 2014 auf seinem Staatsgebiet nicht unbeantwortet lassen würde.